Unsterblich sein ist ziemlich gut, sagt Marianne Kreuels. Die 28-Jährige hat in Philosophie promoviert. Ihre Doktorarbeit veröffentlichte sie unter dem Titel „Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit“.  Darin fragt sie streng analytisch: Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?

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Marianne Kreuels suchte sich ein ungewöhnliches Thema für ihre Doktorarbeit.  

jetzt.de: Wenn ein Vampir kommt und mich beißen und zum Vampir machen will – sage ich ja oder nein?
Marianne Kreuels: Ich finde die Vorstellung nicht so attraktiv, auf das Blut anderer Menschen angewiesen zu sein. 

Aber die Unsterblichkeit, gäbe es sie ohne Blut, die sollte ich mitnehmen?  
Ja, natürlich. Die Literatur behauptet zwar oft etwas anderes. Der Vampirmythos, um bei diesem Beispiel zu bleiben, wird in vielen Erzählungen eher tragisch verarbeitet. Aber auch Jorge Luis Borges zum Beispiel zeichnet in seinem Roman „Der Unsterbliche“ ein tristes Bild der Unsterblichen. Zu Unrecht. 

Ist unsterblich zu sein denn nicht furchtbar langweilig? Irgendwann hat man doch alles gesehen. 
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die Welt verändert sich. Es gibt immer neue interessante Dinge, immer neue Möglichkeiten, immer neue Bücher, die man gerne lesen möchte.  

So viel Zeit. Das klingt nach massenhaft viel Prokrastination.  
Glaube ich nicht. Manche Sachen will man einfach machen, egal wie viel Zeit man dafür hätte. Ich gehe ja morgen nicht ins Kino, weil ich bald sterbe. Ich gehe, weil ich den Film sehen möchte.

Kann ich denn überhaupt glücklich sein, wenn ich zwar ewig lebe, aber um mich herum meine Lieben regelmäßig wegsterben?  
Das ist ein zentraler Punkt. Ich würde schon wollen, dass andere Leute auch unsterblich sind. Aber ganz grundsätzlich ist Sterblichkeit für Glück nicht entscheidend. Ein unendlich langes Leben muss nicht anders erfüllend sein als ein endliches. Zumindest sehe ich auch nach eingehender Beschäftigung keinen Grund dafür.

Sind Sie denn unsterblich?  
Ich fürchte nicht.

Wenn es nur ein Knopfdruck wäre – würden Sie sich unsterblich machen?  
Wie gesagt: Nicht alleine. Die anderen müssten es auch sein. Aber dann wäre es eklatant viel besser, als sterblich zu sein.

Text: friedemann-karig - privat