Eine neue Software will uns zum Lächeln bei der Arbeit zwingen

Bild: istockphoto

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Ich bin wütend. Ich schreibe gerne wütende Texte wie diesen. Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Wut so etwas wie der Nitrogas-Switch beim Schreiben ist. Wenn ich hacke, anstatt zu tippen, mein Blick sich verengt und mein Kopf sich hin und her wirft, wie der eines manischen Dirigenten bei Beethovens Fünfter. Was mich heute wütend macht? Eine Software, die mich dazu zwingen will, beim Schreiben nicht mehr wütend zu sein. Sondern zwangsglücklich.

Entworfen hat das Programm der Schweizer Samim. Der machte früher als Musikproduzent ganz passablen Tech-House, bis er mit "Heater" und dessen brutal nervigem Cumbia-Akkordeonsample einen Charthit landete, der als Foltermittel jeden Häftling der Welt zum sofortigen Geständnis bringen dürfte.

Aber darum geht es hier nicht. Samim ist nämlich laut seiner Twitter-Bio auch "A.I. experimenter. Code magician and Narrative engineer".  Sein neuestes Experiment nennt sich "Dont worry, be happy.", ein "emotion enforcing" Text-Editor, der über die Webcam kontrolliert, ob der Schreibende auch gerade lächelt. Falls nicht, wird der Text automatisch gelöscht, eine widerlich heitere Männerstimme verkündet: "You failed". Der erste Verdacht, dass es sich bei dem Text-Editor um eine längst überfällige Kritik am Happiness-Zwang unserer Zeit handelt, erledigt sich bei der Lektüre des zugehörigen Medium-Artikels, in dem Samim seine Motive erklärt:

"Don’t worry be happy uses a specific, naive definition of Happy*. At times it is inaccurate, transforming the writing process into facial gymnastics. Nevertheless, writing with Don’t Worry Be Happy for even 2min has a tangible impact on your mental-state: You start to smile and laugh."

Hat er sein Tool eigentlich mal selbst ausprobiert? Hat der eklige Altherren-Satz "Lächel doch mal!" irgendwann irgendwen wirklich glücklich gemacht? Glaubt er tatsächlich, mit dieser digitalen Grinse-Stasi könnte man die Welt verbessern? Immerhin spricht er von einem "Experiment", meine Wut ist also vielleicht auch bewusst provoziert.

Bei dem Gedanken an eine Arbeitswelt der Zwangsbeglückten wird mir nämlich Angst und bange. Zwar wird das Konzept zur "Dont worry, be happy"-Software nicht von heute auf morgen in allen Firmen dieser Welt Einzug halten – anschlussfähig ist es aber allemal.

Arbeit, vor allem kreative, soll ja heutzutage Spaß machen. Und Glück ist trainierbar, genau wie ein schöner Körper. Heißt es. Und es lässt sich durch ein paar Maßnahmen künstlich hervorrufen: An den Bürowänden ein paar Sinnsprüche auf Julia-Engelmann-Niveau, Sitzsack und Europaletten anstatt dröger Buromöbel, einmal im Jahr mit den Kollegen im Klettergarten so richtig ans Limit gehen – schon wird der Arbeitsplatz zu einem Lustgarten der Fantasie und Glückseligkeit. Da reacht der Flow ungeahnte Peaks, die Workforce ist full on und der betriebseigene Emotion Manager freakt vor Freude ums Standing Desk.

Nur unten, im Keller unter der Parkgarage, da sitzen in der dunklen Zukunft der Spaß-am-Job-Diktatur in dunklen Verliesen die Mitarbeiter, die sich nicht beugen wollten. Die trotz Gesichtskontrolle und Firmenyoga auch mal richtig scheiße drauf waren und anstatt des gemeinsamen Scrum-Brunch lieber eine halbe Schachtel Kippen rauchen gegangen sind. Die beim ersten Versuch, sich an Samims "Dont worry, be happy"-Software zu gewöhnen, spontan den Bildschirm eintreten mussten. Und dann erst gelächelt haben.

 

 

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