Hetze gegen Hetzer?

Teile diesen Beitrag mit Anderen:



Sagt man ja selten, aber: Ganz vorne dabei war die FAZ. Die hat im September 2014 ein Porträt über einen Troll veröffentlicht. Uwe Ostertag heißt der Mann und schreibt Dinge wie: "Die Flüchtlinge in Kreuzberg drohen mit Selbstmord. Ich betone: sie DROHEN. Um es zu tätigen sind sie zu feige" oder „Gebt den Hartz-IV-Empfängern weniger Geld, dann hat sich auch das Drogenproblem bei Jugendlichen gelöst." Bei sueddeutsche.de hatte Uwe Ostertag deshalb sogar eine eigene Akte.

Wenn man das liest, denkt man automatisch: Das waren ja noch Zeiten, als Menschen wie Uwe Ostertag ein Kuriosum waren. Mittlerweile weiß jeder: Das Netz hat ein Problem mit Trollen. Nicht nur mit Menschen, die wie Uwe Ostertag sagen "Provozieren, das ist mein Orgasmus". Sondern vor allem mit Menschen, die das alles ernst meinen. Die unter Artikel zu einem ermordeten Asylbewerber aus Eritrea Dinge schreiben wie "Ich finde das nicht so schlimm. Denn wenn Asylbewerber ein Deutsches Mädchen Krankenhausreif schlagen stõrt das auch niemanten. Da kõnnen wir nur Geld Sparen."

Solche Menschen sind ein Problem und eine Bedrohung unserer offenen Gesellschaft, finden wir auch (und bevor jetzt jemand "Meinungsfreiheit" schreit, soll er bitte einmal hier nachlesen). Aber mittlerweile gibt es in diversen Medien den Trend, diese Pöbler öffentlich vorzuführen. Die Argumentation dabei: Sie haben es nicht besser verdient. Wer beleidigt und anderen Menschen das Existenzrecht abspricht, hat selbst auch kein Recht auf Schutz.

So kürzlich geschehen in der Bild-Zeitung ("Bild stellt die Hetzer an den Pranger"). Die konfrontierte die Betroffenen dann zumindest in einem zweiten Schritt persönlich mit ihren Kommentaren und gab ihnen so die Möglichkeit gab, sich zu verteidigen. Die Botschaft hinter der Aktion war aber klar: "Herr Staatsanwalt, übernehmen sie." Nicht sehr verwunderlich also, dass kurz darauf Anzeigen von Lesern gegen die Hetzer eingingen - und Beschwerden beim Presserat über die Bild-Zeitung. 

Die schottische Zeitung Daily Record hat nun vergangene Woche eine ähnliche Aktion gestartet und Bilder sowie Hintergrundinfos über Menschen veröffentlicht, die die neu in der schottischen Stadt Paisley (nahe Glasgow) angekommenen Flüchtlinge beschimpften hatten. Das liest sich dann so:
"Right-winger Rebecca B******* took a break from taking revealing selfies on her Facebook page to demand the frightened families “f**k off back to the deserts", darunter ist ein peinliches Selfie von Rebecca gepostet, auf dem ihre Brüste über den BH quellen. Oder: "West College Scotland beauty therapy student Simone P********* is another whose inhumane outburts rubbish the long-held British tradition of proving sanctuary to those facing the horrors of conflict. She said: “I will not be welcoming them here."

Unter dem Text ist, ähnlich wie bei der Bild-Aktion, bereits eine Diskussion am Laufen. Kann man das so machen? Die Menschen so bloßstellen? Beginnt da nicht gerade eine Hexenjagd? Oder haben sie das verdient, wenn sie sich menschenverachtend äußern?

Fakt ist auf jeden Fall: Gegen Hass hat noch nie mehr Hass geholfen. Einen Kommentar, der eben das beweist, hat der Nutzer MartinShort unter den Artikel gesetzt. Er schreibt übersetzt: "Wir sollten wieder Platz schaffen, in dem wir all diese schrecklichen bigotten Rassisten deportieren." Jemand anderes hat wiederum darunter geschrieben: "Kumpel, du selbst solltest auch da oben am Pranger stehen." So hört es nie auf.

charlotte-haunhorst

  • teilen
  • schließen