Ka-tsching!

Die Selbstdarstellungssucht im Internet findet ihren derzeitigen Höhepunkt in einer neuen sozialen App namens Peep.me: Mit ihr kann man seinen Freunden Fotos davon zeigen, was man sich kauft und wie viel Geld man dafür ausgibt.
mercedes-lauenstein

Arvin kauft für 351 Dollar Gras. „The good stuff“ schreibt er drunter. Am nächsten Tag postet er ein Foto eines weißen Porsches: 162,300 Dollar. Diesmal mit dem Kommentar: „Momma not only has a Porsche, but two of them“. Seine Muscle-Milk, die er einige Tage später postet, ist eigentlich ganz günstig, nämlich nur 3 Dollar. Wird mit „Yum“ und einem Smiley, das sich die Lippen leckt, untertitelt. Angeblich hat Arvin schon 2,085,666 Dollar ausgegeben, seit er Peep.me benutzt. In seinem Profil steht, dass er aus Maryland kommt. Was er sonst so macht, woher er die Kohle hat und ob das alles wirklich ihm gehört, was er da fotografiert – man weiß es nicht. Aber ist ja auch egal, wie es wirklich ist, denn auf Selbstdarstellungsplattformen im Internet lautet seit Jahren die geheime Regel: Inszeniere dein Leben so cool, interessant und bewegend wie möglich, ganz egal, wie es in echt ist.

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Illustration: Julia Schubert



Und auf Peep.me kann man dieses große, digitale Angeben jetzt noch direkter kultivieren als je zuvor: Es geht nicht mehr nur um möglichst beiläufig gepostete Bilder eines möglichst goldglitzernden Lebens, nein, es geht gleich zur Sache, es geht um konkrete Zahlen. Wer hat sich was gekauft und was hat er dafür bezahlt? Meldet man sich bei Peep.me an und hat noch keine eigenen Freunde oder Nutzer, denen man folgt, kriegt man per Zufallsmodus Posts fremder Menschen angezeigt und bekommt Fotos ihrer neuesten materiellen Errungenschaften zu sehen. Klickt man sie an, gerät man, ganz wie bei Instagram, auf das Profil des jeweiligen „Peepers“ und sieht dort, wo bei Instagram die Anzahl der Fotos und Follower steht, die Summe, die der Nutzer im Laufe seiner Peep.me-Karriere schon ausgegeben hat.

Der Großteil der Nutzer sind Männer oder Frauen wie Arvin. Immer wieder begegnen einem also Rolex-Uhren, muskulöse Autos in mattgrauen Garagen, Gucci-Loafers, Schnappschüsse, wie aus einem Kardashian-Leben oder vom Dreh der früheren MTV-Serie „Cribs“. (A propos Kardashian: Man vermutet in den Reihen der Peep.me-Macher Menschen aus dem Dunstkreis der Kardashians. Scott Disick jedenfalls, seines Zeichens amerikanischer TV-Unternehmer und Ehemann von Kourtney Kardashian, bewirbt das Projekt wie wild auf seinem Instagram-Account letthelordbewithyou und Kim Kardashian selbst soll eine der ersten Nutzerinnen der Plattform gewesen sein.)

Es finden sich unter den Nutzern, wenn man sich etwas durchklickt, aber auch bescheidenere - zumindest verhältnismäßig bescheidenere - wie zum Beispiel eine "Taylah Weaver", die ein Fotos von ihren vielen runtergerockten Chucks und einigen anderen Schuhen in ihrem Kleiderschrank postet und ihren ursprünglichen Wert schätzt, etwa 750 Dollar. Ihr zweites Foto ist ein Macbook Pro, teuer, das schon, aber nichts, was sich ein westlicher Normalsterblicher nicht auch einfach mal kaufen könnte. Ein anderer, bemerkenswerter Kandidat ist ein gewisser „Jordan“. Er pflegt offensichtlich eine etwas teurere, aber durchaus faszinierende Leidenschaft für handgeblasene, gläserne Bongs, die mitunter 10.000 Dollar kosten. Das Wohnzimmer, das im Hintergrund zu sehen ist, erinnert an eine Mischung aus Segmüller-Katalog und durchschnittlichem US-amerikanischen Einfamilienhaus.

Klar: Die Bling-Bling-Rolex-Kandidaten scheinen ihre Peep.me-Identität vollen Ernstes zu betreiben. Das ist erschreckend genug, aber eigentlich auch nur eine halbe Sekunde lang. Viel erschreckender ist, sich fragen zu müssen, was es mit Nutzern wie Jordan oder Taylah Weaver auf sich hat. Da tun sich ja gleich so viele verschiedene Grusel-Dimensionen auf: Meinen die das ernst? Sind die da nur im ironischen Sinne angemeldet? Begreifen sie es womöglich als eine Art Kunstprojekt? Oder sehen sie darin, ganz naiv, eine willkommene Methode zur persönlichen Buchführung? Wäre ja auch kein abwegiger Gedanke. Der einen beim Durchscrollen der Peep-Timeline übrigens ziemlich schnell selbst befällt: Was geb ich eigentlich tagtäglich so aus? Was ist wohl der Inhalt meines Kleiderschrank so summa summarum wert? Was würde das mit meinem Gefühl für meine Besitztümer und für meinen Lebensstil machen, wenn ich ihn in einem instagramhaften Album dokumentieren würde?

Jetzt gilt es nur, der beknackten Versuchung unbedingt zu widerstehen. Denn die App zielt noch gezielter als alle Facebooks und Twitters und Instagrams zusammen mitten ins Herz des tiefsten menschlichen Abgrunds hinein: Sein Gierhals- und Neidhammelzentrum. Wohin bloß würde das die Menschheit führen, wenn sie anfinge, eine App wie Peep.me ernsthaft zu benutzen?




Text: mercedes-lauenstein - Bild: Sandra Langecker

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