Kaputt-Kunst

Beschmierte Plakate sind ja auch bloß Kunst. Zumindest, wenn man sie nachstellt wie eine Designerin aus New York.
jetzt-redaktion

Manchmal telefoniert man, ein Magazin liegt auf dem Tisch, ein Kugelschreiber zufällig daneben – und wenn das Gespräch beendet ist, hat die Frau auf dem Magazincover aufgespritzte Lippen, buschige Brauen, schwarze Pupillen, eine Warze auf der Nase, eine Zahnlücke und eine Narbe auf der Wange. Ist einfach so passiert.

Gesichter laden dazu ein, angemalt zu werden, zumindest die zweidimensionalen, abgedruckten. Und es passiert nicht nur daheim auf dem Magazin, sondern auch im öffentlichen Raum. Man kennt das zum Beispiel bei Wahlplakaten oder bei Werbung in der U-Bahn. In diesen Fällen gilt es dann gleich als Vandalismus. Dabei könnte es doch vielleicht auch einfach Kunst sein. Findest zumindest Lydia Cambron.

Lydia Cambron ist Designerin, lebt in New York, fährt dort mit der U-Bahn und mag Vandalismus. Sie macht Fotos von beschmierten und veränderten Plakaten – und stellt die Motive dann nach. "Makeup Transit Authority" nennt sich das Projekt, Lydia schminkt sich dafür augeschnittene Augen, geschwärzte Zähne oder krude Schriftzüge ins Gesicht. Die Originale sind als Vergleich daneben zu sehen. Das sieht erstmal lustig aus. Und es wirft auch ein paar Fragen auf. Würde man ohne die abgebildeten Originale erkennen, was die Vorlage für diese Fotos war? Gibt es eine Handschrift des Vandalismus – oder ist er am Ende moderne, abstrakte Kunst (weil er so ja auch aussieht)?



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Die Wikipedia definiert Vandalismus unter anderem als „destruktiven Zeitvertreib, aus Lust am Zerstören, aus aggressiver Abreaktion von Wut oder aber als Form von Imponiergehabe ohne darüber hinausgehenden Sinn (aus Mangel / Desinteresse an anderem lustvollem Handeln bzw. als Ergänzung dazu).“ Davon ausgehend müsste man wohl sagen, dass der Vandalismus allein noch keine Kunst ist, weil er sinnfrei ist und nihilistisch. Aber Lydia Cambron nimmt ihn und fügt ihm eine Ebene hinzu, indem sie ihn kopiert. Sie macht aus kleiner Zerstörungswut kleine Kunstwerke. Gute Idee eigentlich.

nadja-schlueter

Text: jetzt-redaktion - Fotos: Lydia Cambron / Makeup Transit Authority

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