Siebenjährige Syrerin twittert aus dem Krieg

Mit ihren verzweifelten, traurigen und zynischen Nachrichten lässt Bana al-Abed die Welt an ihrem Alltag in Aleppo teilhaben.
Von Anna Farwick

 Update: Der Twitter-Account von Bana al-Abed wurde zwischenzeitlich deaktiviert, daher wurden die von uns eingebetteten Tweets nicht mehr richtig angezeigt. Jetzt ist ihr Account wieder aktiv und sie twittert weiter aus Aleppo. Warum der Account deaktiviert wurde, ist unklar und kann derzeit nicht überprüft werden. Ein deaktivierter Twitter-Account kann innerhalb von 30 Tagen durch den Nutzer reaktiviert werden.

Es rattert „t-t-t-t“. Pause. Es rattert wieder „t-t-t-t“. Dann ein Rauschen „s-c-h“, ein hoher Ton und es macht „Bumm“, ein lauter Knall. Was klingt wie aus einem Gedicht des Dadaisten Ernst Jandel sind die Geräusche des Krieges, die die Bewohner Aleppos immer wieder hören. Die Folgen kann man auf Twitter sehen: grauer Staub überall. Auf dem Pullover mit dem Bärchen, auf den dunklen Haaren und überall im Gesicht. Ein Kind, das niedergeschlagen nach unten schaut. Es hat die rechte Hand resigniert in seine Tasche gesteckt, mit der linken Hand fasst es sich ins Gesicht. Unter dem Bild die Zeilen: „Heute Nacht haben wir kein Haus, es ist zerbombt und ich kam unter die Trümmer. Ich sah Tote und bin fast selbst gestorben.“

Dieses Bild aus dem Osten Aleppos mit den dazugehörigen Zeilen twitterte die siebenjährige Bana al-Abed auf ihrem Account. Bereits 137.000 Menschen folgen dem Account, den Bana zusammen mit ihrer Mutter Fatimah betreibt. Das kleine Mädchen hat bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. Zuletzt weil Joanne K. Rowling ihr alle sieben Harry Potter Bücher als eBook schenkte und die Posts des Mädchens teilte.

Die erste Nachricht veröffentlichte Bana am 24. September 2016. Ein einfaches und doch starkes: „Ich will Frieden“. Seitdem postet sie regelmäßig über ihren schrecklichen Alltag aus der stark umkämpften Stadt Syriens. Vereinzelt gibt es Videos und Fotos dazu. Dem britischen Guardian hat Banas Mutter in einem Interview via Skype erzählt, dass ihre Tochter nicht verstanden habe, warum sich die Welt nicht für Syrien interessiere. Daraufhin habe Fatemah den Account für Bana gestartet, um ihr selbst die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern.

Die Nachrichten sind mal traurig, wenn sie erzählt, wie in dem eingestürzten Haus ihre Freundin gestorben ist. Mal sind sie zynisch, wenn sich Bana darüber äußert, dass Bomben ja der beste Wecker seien, oder vollkommen verzweifelt, wenn sie die Welt bittet, für sie zu beten, während die Bomben auf Aleppo niederfallen.

Bana zeigt auf ihrem Account Bilder und Videos von Bomben, kurz bevor sie detonieren, tote Kinder, mit blutverschmierten Gesichter und aufgerissenen Augen, die ins Leere starren. Es liest sich wie der Ticker aus der Hölle. So bizarr und doch real. Der Ticker aus der realen Hölle Aleppos. Dabei möchte Bana nur eine normale Kindheit. Sie würde gerne Lehrerin werden, wie ihre Mutter.

Am Sonntag ging Bana davon aus, dass sie aufgrund der Bomben sterben werde. Einige Stunden später veröffentlichte sie das Foto. Seitdem folgten weitere Posts.

In den vergangenen Monaten haben sich Bana und ihre Mutter an viele berühmte Menschen wie Barack Obama, Hillary Clinton, Wladimir Putin und Baschar al-Assad gewandt. Auch an den Fußballverein Manchester United ging ein Tweet raus. Immer mit der Bitte, den Menschen in Aleppo zu helfen und den Krieg zu beenden.

Durch ihre Tweets wird noch deutlicher, wie schrecklich die Situation in Syrien ist. Durch die Bilder von Kindern, die versuchen, sich mit Lesen vom Lärm der Detonationen und Schüsse abzulenken, das Mädchen mit den langen Zöpfen, das stolz seinen verlorenen Milchzahn in die Kamera hält. Oder das Video, in dem die kleine Bana ihren noch viel kleineren weinenden Bruder Mohamed im Arm hält. Dazu die Zeilen, dass sie lieber selbst sterben als ihn sterben lassen würde. Es mischen sich der Alltag und das Grauen des Kriegs.

Ob der Twitter-Account echt ist, lässt sich nicht eindeutig überprüfen. Twitter hat ihn mit seinem blauen kleinen Haken bereits verifiziert. Allerdings kann das seit Juli 2016 jeder aktiv anstoßen. Twitter prüft dann den eingereichten Antrag und setzt das blaue Häkchen, falls keine Zweifel an der Echtheit des Accounts bestehen.

Im Netz werfen einige Leute der kleinen Bana und ihrer Familie vor, für Propagandazwecke herzuhalten, oder dass gar ihre ganze Person ein Fake sei. Wie komme man denn in so einem umkämpften Gebiet zu Strom und Internet? In einem Tweet vom 30. September lässt sich nachlesen, dass das Internet ausreiche, um einzelne Tweets zu posten. Telefonate und Textnachrichten seien schon sehr schwierig. In einem späteren Post entschuldigt sich Bana dafür, dass sie sich nicht mehr gemeldet habe, die Internetverbindung sei so schlecht gewesen. Auf den Vorwurf Assads, sie und ihre Familie seien Terroristen und Propagandisten, äußerte sie sich in einem Tweet: „Ich bin kein Terrorist. Ich möchte nur leben. Kein Bombardieren mehr, bitte.“

Ob sich Bana und ihre Familie in diesem Moment tatsächlich im Osten Aleppos aufhalten, lässt sich zwar nicht mit endgültiger Sicherheit feststellen. Aber wer die Nachrichten und Videos sieht, schluckt. Mit ihren sieben Jahren kennt Bana offenbar nichts als den Alltag des seit 2011 andauernden Krieges. Das Leben dieses kleines Mädchens führt uns, deren größte Sorge manchmal ist, dass wir morgens noch keinen Kaffee hatten, wieder vor Augen, wie „Normalität“ in anderen Teilen der Welt eben auch aussehen kann. Dabei sollten Kinder wie Bana und ihre Geschwister in die Welt von „Harry Potter“ eintauchen können, weil sie Freude am Lesen haben. Und nicht allein, um sich von Bomben abzulenken.

 

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