Mach sie suchen

Wer flirtet und vergisst, nach der Handynummer des anderen zu fragen, bittet am nächsten Tag das Internet um Hilfe. Aber wer sagt, dass die Gesuchten überhaupt gefunden werden wollen?
jetzt-redaktion

Gleich vorweg: Es wird jetzt ziemlich kitschig. Aber nur kurz, versprochen. Vor ein paar Tagen postete die Amerikanerin Jen Hurd Bohn folgendes Foto auf Facebook:

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Illustration: Julia Schubert

(Quelle)

Sie war in Paris und auf dem Eiffelturm beobachtete sie ein Paar, das sich gerade verlobt hat. Mit Überraschung, Rührung, Küssen und allem was dazu gehört. Bohn hat die Szene auf mehreren Bildern festgehalten. Sie wollte ihnen die Fotos schicken, verlor sie aber aus den Augen. "Helft mir, sie zu finden!", schrieb sie auf Facebook, und in den Kommentaren, dass sie vermutet, dass die beiden US-Amerikaner sind (wegen ihrer Kleidung).

Bohns Facebook-Post wurde auf der ganzen Welt tausendfach geteilt, in den USA schaffte er es sogar in mehrere Nachrichtensendungen.

Bislang wurde das "mysteriöse" Paar noch nicht gefunden, aber darum soll es in diesem Text gar nicht gehen. Es geht um die Suche an sich.

Der Reflex, die Crowd zu fragen, wenn man jemanden sucht oder etwas wissen will, das über das Internet an sich, also mit Google, Wikipedia oder anderen Seiten, nicht geklärt werden kann, ist vermutlich so alt wie das Internet selbst: Man kennt immer jemanden, der jemanden kennt, der etwas wissen oder jemanden kennen könnte, der etwas weiß. Das funktioniert in der analogen Welt so und im Internet, wo man eine noch größere Crowd einspannen kann, noch besser. Und die Crowd macht gerne mit. Weil sie sich freut, wenn sie helfen kann, und auch über ein Happy End. Auf diesem Impuls basieren die vielen "Spotted"-Gruppen auf Facebook, in denen meist am Tag nach Partys Flirt-Partner der vergangenen Nacht gesucht und selten wiedergefunden werden.

Jemanden aus den Augen zu verlieren, den man gerne noch kennengelernt, nach der Handynummer oder wenigstens dem Namen gefragt hätte, und dann über das Internet wieder zu finden, mag romantisch klingen. Es muss aber nicht zwangsweise wirklich romantisch sein.

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Illustration: Julia Schubert

(Quelle)

Vor kurzem suchte ein 22-jähriger Tourist aus Italien nach dem Mädchen, mit dem er auf dem Karneval der Kulturen Ende Mai in Berlin geknutscht hatte. Er hatte nicht nach ihrer Telefonnummer gefragt und sie im Laufe des Abends aus den Augen verloren. Wieder zu Hause in Italien startete er mit einem Video und gemeinsamen Fotos von dem Abend eine Suchaktion. Über ein Blog und italienische Boulevardmedien verbreiteten sich die Geschichte und der Hashtag #aiutiamogiovanni (ital. für: Lasst uns Giovanni helfen!) auch in Deutschland. "Die rührendste Liebes-Geschichte des Sommer", lautete eine Schlagzeile.

Ob das Ganze wirklich rührend ist, kann wohl nur die junge Frau beantworten, deren Foto durch die sozialen Medien und Zeitungen in Italien und Deutschland gereicht wurde, ohne dass gefragt wurde, ob sie damit einverstanden ist. Vielleicht war der Abend ja nur in Giovannis Augen schön, erinnerungswürdig und wiederholenswert. "Woher wissen wir, dass sie ebenfalls an einem Widersehen interessiert ist?", fragte auch die Vice vor ein paar Tagen in einem kritischen Artikel dazu. Doch das ist der hilfsbereiten Crowd egal.

Das Paar, das sich auf dem Eiffelturm verlobt hat und jetzt auf der ganzen Welt gesucht wird, ist bestimmt interessiert an den zufällig entstandenen Fotos ihrer Verlobung. Aber auch daran, dass vorher Zehntausende fremde Menschen die Bilder übers Internet teilen?

kathrin-hollmer

Text: jetzt-redaktion - Screenshots: Facebook/Twitter

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