Der Münchner Jodler, der neben einer Fremden aufwacht und sich an nichts erinnert

Und die Community hilft ihm, aus dieser Situation das Beste zu machen.
Von Max Sprick

Typ wacht verkatert auf und entdeckt im Bett neben sich eine Frau. Problem: Er weiß weder, wer sie ist, noch, ob er in der vergangenen Nacht mit ihr geschlafen hat oder nicht. Er weiß eigentlich gar nichts über sie.

Passiert wohl mal. "Lenny", so wird ihn später die Jodel-Community taufen, passiert das aber (laut eigener Aussage) zum ersten Mal. Er weiß nicht, wie er mit der Situation umgehen soll. Sie wecken? Sich weiter schlafend stellen? Frühstück holen? Er tut, was man heutzutage als Student in hilflosen Fällen halt so tut: Er jodelt sein Problem. Was folgt, sind hunderte Kommentare, Mitleser, Ratschläge und vor allem ein Hashtag als Schlussfolgerung – Lenny und seine Unbekannte werden das #Filmrisspärchen.

Kurzer Einschub für die, die Jodel nicht kennen (alle anderen den Absatz einfach überspringen): Mit der App kann jeder anonym und ohne Benutzerkonto Beiträge, genannt Jodel, posten. Bedeutet auch: Ob eine Geschichte so stattgefunden hat, kann nicht überprüft werden. Diese Jodel erscheinen im Feed der anderen Nutzer aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Sie können dann hoch- oder runtergevotet werden, außerdem kann man einen Jodel kommentieren. 

Auf der Facebook-Seite „Best of Jodel München“ hat sich jemand die Mühe gemacht, die Kommentare zu immer noch mehr als 200 Screenshots zusammenzufassen. Hier die Geschichte im Schnelldurchlauf:

Los gehts so: 

Die erste und wichtigste Frage lässt nicht lange auf sich warten: "Lebt sie noch?" Natürlich tut sie das, der vergessliche Typ (noch heißt er nicht Lenny) bejaht die Frage und wird dann erstmal recht häufig aufgefordert: "Pic oder Paulaner". Er postet dann wohl auch ein Foto seines Ausblicks, auf dem man die Dame nicht identifizieren kann, löscht es aber später wieder. Doch das Foto bringt die Community in Fahrt, ab diesem Moment kommen Kommentare im Sekundentakt. 

Weil er nicht mal ihr Gesicht sehen kann, schält er sich schließlich doch aus dem Bett. Im Flur findet er ihre Hose, aber nicht ihren Geldbeutel. Sein Kumpel, mit dem er feiern war, ist auch keine Hilfe, der schickt nur ein Feier-Smiley und geht nicht ans Handy. 

An diesen Ratschlag hält sich der Original-Jodler. Ahnungslos ist er aber weiterhin.  

Er ist dann etwas länger unterwegs, um Frühstück zu besorgen. Zu lange für die Community, die Updates verlangt. Die nutzt die Zeit anderweitig: Die geheimnisvolle Fremde wird "Laura" getauft, der OJ wird "Lenny". Lenny steht dann mit Gebäck vor seinem Bett und macht Musik an, um Laura zu wecken. Inzwischen laufen Mitleser vor Spannung gegen Pfosten, verpassen ihre Ubahn-Stationen und sagen den Familien-Brunch ab. Lennys Geschichte mag zwar nicht die einzigartigste sein, aber weil sie eben vielen bekannt vorkommt, können auch viele mitreden. Und als Laura dann erwacht, passiert das:

Doch es wird noch schlimmer. Lenny hört, wie Aura (ohne L, es ist so) beim Kotzen laut "Fuck" ruft und die Dusche anmacht. Er lässt sie erstmal in Ruhe. Sein gespanntes Publikum beginnt zu spekulieren. Wobei, es gibt natürlich sofort nur einen Verdacht: Lenny und Aura müssen Sex ohne Kondom gehabt haben, was ihr während des Kotzens dann wohl wieder eingefallen ist.

Lenny fragt dann vorsichtshalber nach (durch die Tür!), ob Aura einen Freund hat. Die antwortet mit einem lauten "Nein!" und will erstmal in Ruhe gelassen werden. Er sucht daraufhin weiter verzweifelt nach einem Kondom. Spoiler: Er wird keines finden.

Für sein Verhalten und seine Sorgen wird Lenny von den Jodlern gefeiert. "Kein herzloser Vollidiot." Eine Dreier-WG, die Lennys Geschichte zum Anlass genommen hat, in der Küche zusammen zu lesen und zu trinken, lädt ihn für den Fall der Fälle zum Schock-Runterspülen ein – doch der wird von der Welle der Aufmerksamkeit erstmal überrollt und will keine weiteren Details posten. Kurz droht die Stimmung zu kippen, Lenny wird "Marcel Reif of Jodel" genannt und aufgefordert, weiter zu erzählen. Tut er dann auch. 

Die Grundstimmung zwischen Aura und ihm sei gut, schreibt er dann, aber: Sie ist gar nicht begeistert davon, dass sie ohne Kondom miteinander geschlafen haben. (Was man am Rande noch lernt: Jodler benutzen für "miteinander schlafen" offenbar das Synonym "dlrh". Den Lörres ... )

Nachdem sie sich ein zweites Mal übergeben hat, realisiert Lenny, dass es keine zweite Runde zwischen ihm und Aura geben wird. Dafür beschließt er, sie beim Kauf der Pille danach zu begleiten, ("will ihr das nicht alleine zumuten") und sie lädt ihn ein, mit zu sich zu kommen. Vom Jodel weiß Aura übrigens nichts.

Lenny meldet sich dann wieder von ihrer Couch.  "Sie sagt, dass sie heute morgen ziemlich geschockt war und weinen wollte. Sie hat aber nicht damit gerechnet, dass es mir ähnlich geht. Also, abgesehen vom Weinen." Dann wird erstmal Pizza bestellt und Netflix geschaut, aber auch wirklich nur gechillt. Und Lenny schreibt: "Sie wundert sich bestimmt, warum ich ständig auf die Toilette renne." 

Und dann deutet alles auf ein Happy End hin: Sie lehnt sich an ihn.  

Lenny will sie aber nicht einfach küssen, er hat Angst, es zu versauen. Dann die Überraschung: Sie küsst ihn. Aus dem Nichts heraus. "Aber ohne Zunge!"  Einmal auf die Backe, dann auf den Mund. Danach wird geschmust, es aber dabei belassen, "sie wäre gerade leicht überfordert mit der Situation und kanns nicht glauben. Ich auch nicht", schreibt Lenny dazu. Aura schläft dann ein, auf seiner Brust. "Ich hab Schmetterlinge", jodelt Lenny. Doch er entschließt sich, bald nach Hause zu gehen, auch wenn sein Bauch ihm davon abrät. Er würde sich sonst creepy vorkommen, auch noch über Nacht bei ihr zu bleiben. 

Nach dem romantischen Essen bei der goldenen Möwe bringt Lenny sie heim, küsst sie und verabredet sich mit ihr zum Brunch am nächsten Tag. Ihre Augen und Gestik hätten zwar Lust auf mehr suggeriert,  "aber so ist es besser, von meinem Gefühl her". Dann folgt der nächste Morgen:

Viel geschlafen hat Lenny in der Nacht nicht. Er freut sich, Aura wiederzusehen. Nüchtern.  Doch das birgt natürlich auch Risikopotenzial - ihr Brunch sei zwar gut gelaufen, schreibt Lenny später, "aber nicht so ungezwungen wie gestern." Sie habe abwesend gewirkt. "Keine Ahnung was los ist." Die beiden gehen danach spazieren (aber ohne Händchen halten!) und sie sagt, sie wolle später noch zu ihren Eltern. Wird wohl kein Selbstläufer, vermutet Lenny. Und macht sich Sorgen, ob er wohl zu verliebt geguckt haben könnte.

Und dann kommt es doch, das (zumindest kleine) Happy End:

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