Hat kollektive Schadenfreude den Ausgang der US-Wahl bestimmt?

Das sagt zumindest dieses Video.

Bei Schadenfreude denkt man sofort an ein "Upps, die Pannenshow"-Video, in dem beispielsweise ein Typ beim Schneeschaufeln vom Dach fällt und man heftig lachen muss. Die moralische Frage, die man sich möglicherweise nach dem Fertiglachen stellt, ist, ob es überhaupt okay ist, so über das Unglück eines anderen zu lachen. Die ist berechtigt, aber wenn man sich den Erfolg gewisser Shows und Fail-Youtube-Videos anschaut, für die meisten Menschen wohl doch eher zweitrangig. Aber was, wenn dieses banal-menschliche Gefühl größere Auswirkungen hat? Wenn Schadenfreude negative Folgen für sehr viele Menschen hat? Weltpolitische eventuell sogar? 

Auf seinem Youtube-Kanal Nerdwriter1 veröffentlichte der amerikanische Filmproduzent Evan Puschak vergangene Woche einen Video-Essay zu der Theorie, dass Schadenfreude maßgeblich zum Sieg Donald Trumps bei der US-Wahl beigetragen hat.

Als Voraussetzung dafür sieht Puschak die tiefe Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft in Trump-Gegner und -Anhänger. Je tiefer der Graben, desto größer die Schadenfreude auf den beiden Seiten. Je mehr man sich einer Gruppe – oder Partei – zugehörig fühlt, desto mehr Spaß hat man am Scheitern der anderen.

Trump-Fans freuten sich über den Erfolg, den ihr Kandidat wider Erwarten erzielte, besonders, weil er eben nicht in das "Establishment" passt. Und für seine Opponenten schien Trump zunächst kein ernstzunehmender Gegner zu sein. Seine Kandidatur wurde ähnlich belächelt wie die Aussage von Kanye West, 2020 Präsident werden zu wollen. Für sie war klar: Wird eh nichts, jetzt haben wir halt was zu lachen im Wahlkampf. Für sie war Trumps-Kandidatur wie ein einziges großes Fail-Youtube-Video.

Bei Trumps Gegnern wird die Schadenfreude zusätzlich durch bestimmte Kriterien verstärkt. Das Empfinden dieses Gefühls beruht auf dem Prinzip des gesellschaftlichen Wettkampfs: Ist jemand reicher oder erfolgreicher als man selbst, kommt arrogant rüber, oder man findet, seine Missgeschicke seien verdient, freut man sich noch mehr über den Fall des anderen. Donald Trump erfüllt all diese Kriterien mit Bravour und ist somit die perfekte Figur für Schadenfreude.

Schadenfreude kam also von allen Seiten. Das nächste Problem:  Medien verbuchten sie als Interesse. Das führte dazu, dass Trumps Wahl-Kampagne immense Aufmerksamkeit zuteil wurde. Durch seine Omnipräsenz gelang es ihm, die meisten anderen Kandidaten der Vorwahlen aus den Nachrichten zu drängen.

Zu hundert Prozent ist die Theorie zwar nicht belegbar. Aber dass Schadenfreude einen gewissen Einfluss auf das Wahlergebnis hatte, ist nach diesem Video kaum noch zu leugnen. Und man kann die These derzeit ganz gut an sich selbst überprüfen: Nämlich, indem man sich fragt, welchen Trump-Content man warum konsumiert. Warum man sich dafür interessiert, ob nun gegen ihn ermittelt wird oder ob seine Pläne zur Abschaffung von Obamacare zunächst scheiterten.

ang

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