Twitter dir deine Plattensammlung

Twitter kann viel, doch Musik konnte es bisher noch nicht. Die #music-App soll das nun ändern. Aber brauchen wir wirklich noch einen Musikdienst im Netz?
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Wie sind wir früher an neue Musik gekommen? Wir haben in den Schallplattensammlungen der Eltern oder den CD-Regalen der Geschwister gestöbert und hingen stundenlang in Musikläden herum (die coolen Kids in den Plattenläden, die anderen in der Musikabteilung von Müller). Die Errungenschaften tauschte man dann unter auserwählten Freunden. Seit wir unsere Musik im Internet bekommen, läuft das alles etwas anders. Die Auswahl ist grenzenlos und wir mit unseren Orientierungsversuchen oft hoffnungslos verloren. Das glaubt zumindest Twitter und will uns mit einer App aus dieser misslichen Lage helfen. „Und was hörst du so für Musik?“ - „Das was auf Twitter läuft!“

In den USA, Kanada, Goßbritannien und einigen anderen Ländern kam Twitter #music bereits im April diesen Jahres in den App-Store. Doch nach anfänglich großer Resonanz in den Medien wurde es sehr schnell sehr leise. Richtig interessiert hat es niemanden und genutzt haben es auch nur wenige. In Deutschland fand man auf der #music-Internetseite monatelang nur ein einsames „Coming soon“. Als man die App im August dann auch bei uns bekommen konnte, blieb das fast unbemerkt. Dabei versprach Twitter doch einen Dienst, der unsere Art Musik zu finden völlig verändern sollte. Es wird Zeit, sich diesen Dienst einmal näher anzusehen.

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Illustration: Julia Schubert

Musik per Twitter - bringt das was?

Was ist Twitter #music – und was nicht?

Twitter #music ist in erster Linie kein Streaming-, sondern ein Empfehlungstool. Es geht also nur darum, neue Künstler und Songs zu entdecken. In die Lieder, die man findet, kann man zehn Sekunden reinhören, dann soll man sie auf iTunes kaufen. Damit wird der neue Dienst für den Nutzer vor allem eines: völlig uninteressant.

Das haben sich wohl auch die Entwickler gedacht und sich von Beginn an mit rdio beziehungsweise Spotify zusammengetan. Ist man auf einem der beiden Portale angemeldet (auch mit einem kostenlosen Account), kann man alle dort vorhandenen Songs auch mit Twitter #music in voller Länge hören.

Was die App selbst bietet, sind Empfehlungen unter verschiedenen Kategorien: Zum einen nach Genre sortiert, zum anderen die Beliebtheit auf Twitter betreffenden. Den Vorschlägen zugrunde liegen Algorithmen, die das Verhalten der Twitter-User und ihre Vorlieben beobachten. Vor allem die Beliebtheitskriterien sind auf den ersten Blick zu viele und lassen eine gewissen Trennschärfe vermissen: Superstars – die beliebtesten Musiker auf Twitter, Popular – Musik, die auf Twitter im Trend ist, Emerging – die aufstrebendste Musik, Unearthed – versteckte Talente, die in Tweets gefunden wurden, Hunted – beliebte Musik auf Blogs. Zusätzlich verwirrend: In der deutschen Version der Handy-App sind die Kategorien mit: Superstar, Beliebt, Aufkommend, Aufgestöbert und Aufgestöbert übersetzt (ja, da steht zweimal „Aufgestöbert“).

Unter diesen Kategorien kann man wohl das ein oder andere finden und natürlich auch gleich weitertwittern, wirklich hilfreich ist die App bis dahin allerdings nicht, da der persönliche Musikgeschmack des Users keine Rolle spielt. Das „Ähnliche Künstler“-Angebot findet man zudem bei den meisten anderen online Musikdiensten auch, und dass Miley Cyrus die beliebteste Musikern auf Twitter ist – ja mei …  

Wo ist der Mehrwert von Twitter #music?

Interessanter aber wird es unter dem Menüpunkt #NowPlaying. Hier findet man die Musik, die von den Menschen, denen man folgt, getwittert wurde. Folgt man den richtigen Leuten, ist hier also tatsächlich die eine oder andere Entdeckung zu machen, vorausgesetzt diese Menschen nutzen die App auch. Das klingt interessant, aber gibt es so etwas nicht schon? Gibt es – heißt Spotify oder eben rdio. Das Prinzip dahinter ist genau das gleiche. Einmal siehst du, was deine Facebook-Freunde mögen und einmal, was die Leute mögen, denen du auf Twitter folgst. Die #music-App ist damit sicherlich auch spannend, aber eben nicht revolutionär.

Praktisch ist: Twitter #music gibt es seit drei Wochen auch als Spotify-App. Damit kann man sich den Dienst (bis auf die #NowPlaying-Funktion) im gleichen Design auch bei Spotify holen und von dort nutzen. Außerdem ist die App in jedem Fall kostenlos.

Twitter #music – ein Fazit

Wer sich schon immer gedacht hat: „Mensch, die Leute auf Twitter hören bestimmt viel bessere Musik als die auf Facebook“, der hat auf diese App wirklich gewartet. Alle anderen finden bestimmt auch den ein oder anderen neuen Song oder coolen Künstler. Zudem macht es die App einfacher, Songs zu twittern und anderen Usern zu empfehlen. Die große Revolution unseres Hörverhaltens ist Twitter #music allerdings bestimmt nicht.

Text: teresa-fries - Illustration: Yinfinity

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