Verreferenzt

"Look on my works, ye Mighty, and despair": Über ein Gedicht, das die amerikanische Popkultur gerade sehr gerne zitiert. Und warum man sich solche Referenzen manchmal besser sparen sollte.
jetzt-redaktion

Wer es noch nicht kennt: Erstmal dieses wahnsinnig tolle Video anschauen.

http://www.youtube.com/watch?v=TU-PXfzsj4o

Das ist der Trailer zum "Breaking Bad"-Finale, der auch dann super ist, wenn einem "Breaking Bad" egal ist. Die Bilder, der Sound, Bryan Cranstons Stimme, die klingt, als würden die Steine der Wüste New Mexicos darin aneinanderknirschen, das ist sehr gut gemacht. Und die knirschende Stimme liest ein berühmtes Gedicht: "Ozymandias", geschrieben von Percy Bysshe Shelley 1818 in England. Es erzählt von der zerstörten Statue eines Pharaos, auf deren Sockel Worte stehen, die seine Macht unterstreichen sollen: "My name is Ozymandias, king of kings: Look on my works, ye Mighty, and despair!" Thema: Hybris und Vergänglichkeit. Klar. Passt auch gut zum Ende von "Breaking Bad". Die drittletzte Folge wurde darum auch nach dem Gedicht benannt.

Nun ist es so, dass die amerikanische Popkultur aktuell anscheinend einen kleinen Narren  an "Ozymandias" gefressen hat. Das Gedicht wird da gerne zitiert oder man nimmt irgendwie Bezug darauf. Es taucht zum Beispiel in Breaking Bad, Mad Men und How I Met Your Mother auf, Woody Allen verweist in zwei Filmen darauf und es wird in einem Trailer zum Videospiel "Borderlands" zitiert. Das ist an sich ja nicht schlimm. Hochkultur in der Popkultur zitieren ist immer ein guter Kniff, es gibt dem ganzen einen schön intellektuellen Resonanzkörper, mehr Relevanz und Gewicht. Es kann aber auch böse enden, wenn falsch zitiert wird – oder der Zusammenhang einfach nicht passt. Im Falle von "Ozymandias" ist das jetzt passiert.

In einem spitzen, kleinen Text des amerikanischen Online-Magazins Salon.com klagt der Autor Scott Timberg darüber, dass literarische Klassiker in der Popkultur verscherbelt, weil oft falsch zitiert werden – aber es sei schon okay, weil sie so wenigstens irgendwie erwähnt würden. Timberg hat aber eine Entdeckung gemacht, bei der ihm das Auf-Teufel-komm-raus-Klassiker-Referenzen-Machen dann doch etwas zu weit geht: Es gibt da dieses News-Magazin für Millenials, das gerade extrem gute Zahlen schreibt, mehr als zehn Millionen Unique Users im Monat hat und das schnell und immer seiner Zeit voraus sein will. "We’re trying hard to be that place that vaults you ahead of the news – to show you things that are 12 or 15 months ahead", sagt der Herausgeber Carlos Watson. Und dieses Online-Magazin heißt: OZY. Benannt nach Watsons Lieblinsgedicht "Ozymandias".

Und da knirscht es dann aber gewaltig zwischen Referenz und Referenzrahmen, mehr als alle Steine der Wüste New Mexicos je knirschen könnten. Denn was bitte soll das bedeuten, wenn sich ein Magazin, das seiner Zeit voraus sein will, auf ein Gedicht bezieht, das die Vergänglichkeit besingt? Heißt das jetzt, dass die Erfinder damit rechnen, dass sie sich gnadenlos überschätzen und es sowieso irgendwann wieder bergab geht? Hat man den Herrn Watson auch gefragt. Der gab dann seine Interpretation des Gedichts zum Besten: "Watson said the lesson he takes from it is that you have to dream big." Ach so.

"Let’s hope the next time someone riffs on a Shelley poem it’s someone who actually gets it", schreibt Timberg auf Salon.com. Ja, hoffen wir auch. Bis dahin: einfach noch mal das obenstehende Video anschauen.

Nadja Schlüter

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