Wenn Reservate zu Hanfplantagen werden

Seit Kurzem dürfen amerikanische Ureinwohner legal Marihuana anbauen. Nun will ein erster Stamm das tatsächlich nutzen. Die Probleme sind absehbar.
jetzt-Redaktion

Okay, wir schenken uns jetzt sämtliche Anspielungen und Witzchen mit Friedenspfeifen und sagen direkt: Seit vergangenem Jahr dürfen die Ureinwohner Amerikas straffrei Marihuana anbauen, unabhängig davon, ob das in ihrem Bundesstaat eigentlich erlaubt ist oder nicht. Diese Entscheidung traf zumindest das Justizministerium der Obama-Regierung vergangenen Dezember, und natürlich ist das alles schon theoretisch hoch kompliziert. Umso spannender wird es jetzt, wo der Santee-Sioux-Stamm angekündigt hat, tatsächlich ins Marihuana-Business einzusteigen und einen sogenannten "Erwachsenenspielplatz" mit Glücksspiel und Drogen im Reservat zu gründen, wie Stammesführer Anthony Reider es nannte. Der Stamm hat seinen Sitz nämlich in South Dakota, wo Marihuana bisher nur zu medizinischen Zwecken verkauft werden darf.

Wenn Marihuana legal wird, wird alles super? Eher nicht.

Genaugenommen sieht die Entscheidung des Justizministeriums vor, dass die Stämme die Drogen zukünftig nur innerhalb ihrer Reservate anbauen und konsumieren dürfen. Ob das Ferien im Hanfparadies für US-Bürger aus anderen Gebieten ein- oder ausschließt, ist unklar - manche Behören haben bereits angekündigt, Drogenvergehen von Reservatsbesuchern weiter zu verfolgen. Außerdem dürfen die Stämme selbst entscheiden, ob sie Marihuana anbauen wollen oder den Konsum lieber weiterhin, mithilfe lokaler Behörden, verfolgen wollen - selbst wenn ihr Reservat in einer derjenigen Staaten liegt, in denen Marihuana bereits legalisiert ist.

Um die Hintergründe dieser Entscheidung zu verstehen, muss man auf die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner schauen: Nach dem die Völker jahrelang zwangsumgesiedelt, vertrieben und ermordet wurden, dürfen sie seit dem Indian Self Determination Act 1975 verstärkt selbst über ihre Wirtschaft bestimmen. Eine Folge waren zahlreiche sogenannte "Indianerkasinos", also legale Spielhöllen in Bundesstaaten, in denen sonst das Glücksspiel verboten ist. Gleichzeitig führte die jahrelange Ausgrenzung und Armut in Reservaten in Kombination mit dem Glücksspiel zu einem verstärkten Alkohol- und Drogenproblem. Eine Studie im Jahr 2011 fand heraus, dass 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Native Americans ein Drogenproblem haben, bei der erwachsenen Bevölkerung sind es knapp acht Prozent. Verständlich also, dass viele Reservate sich eher eine strengere als eine laschere Drogenpolitik wünschen.

Die Santee-Sioux, die nun ankündigten, 2017 mit dem Grasanbau zu beginnen, wollen mit den Einnahmen ein neues Krankenhaus und Suchtprogramme finanzieren. Ob das wirklich klappt, hängt allerdings noch von einer ganz anderen Sache ab: Die Sondergenehmigung für Reservate gilt bisher nur unter der Obama-Regierung. Ein neues Staatsoberhaupt könnte sie sofort kippen. Die USA wählen ihren nächsten Präsidenten im Herbst 2016.

charlotte-haunhorst

Text: jetzt-Redaktion - Bild: photocase.com / Flügelwesen

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