Wir Avatare

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Eine der erfolgreichsten Apps der Stunde heißt „MyIdol“, kommt aus China, führt derzeit die App-Charts an und funktioniert ungefähr so: Man lädt ein Foto von sich selbst, einem Freund oder einem heißgehassten Feind hoch, die App verwandelt dieses in einen cartoonhaften Avatar und animiert es schließlich zu einem dadaistisch bis verstörend anmutenden Kurzvideo.

Einige Beispiele gibt es hier, hier und hier. Und eine Tierversion gibt es selbstverfreilich auch.

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Illustration: Julia Schubert


Morgan Freeman im Pandakostüm auf einem Eisthron. Alles klar?

Freunde, Feinde oder sich selbst ins sogenannte „Uncanny Valley“ zu befördern, scheint Menschen auf der ganzen Welt zu faszinieren: Die App trendet global, obwohl sie ausschließlich auf Chinesisch erhältlich ist.

Der Begriff „Uncanny Valley“, also „unheimliches Tal“, wurde erstmals von dem japanischen Robotiker Masahiro Mori verwendet, um den verstörenden Effekt einer schlecht getroffenen Computeranimation zu beschreiben: Gelingt die künstliche Nachbildung eines Lebewesens nicht hochprozentig, stürzt die Wohlfühlkurve des Betrachters massiv ein – die Figur wirkt auf ihn nicht nur unstimmig, sondern intuitiv gruselig und zombiehaft.

Gepaart mit den absurden Setting-Optionen der App (Eine Table-Dance-Stange, ein Eisthron, ...) ergibt das natürlich einen Trash-Overkill – der die Menschen amüsiert. Jeder will einmal die „Uncanny Version“ von sich selbst sehen und lädt die App runter. Und hat er sie einmal, ist er natürlich verleitet, auch andere Menschen in das unheimliche Tal der Avataranimation zu stürzen.

Vielleicht steckt dahinter nichts weiter als kurzweilige Neugier. Vielleicht aber erzählt der Erfolg von „MyIdol“ auch von der Sehnsucht des Menschen nach dem endgültigen Eingeständnis seiner Sinnlosigkeit: Wenn doch eh die Menschheit sich selbst zugrunde richtet, die Katze sich dauernd in den Schwanz beißt und jeder einmal sterben muss, dann kann man die Lächerlichkeit unserer Existenz genauso gut noch einmal bejubeln.

mercedes-lauenstein



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