Post aus New York: Die Stadt schmilzt

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Während ich das hier schreibe, esse ich, was vom letzten chinesischen Essen übrig geblieben ist und verstecke mich vor der Hitze. Der Fernseher läuft, CNN berichtet über den Krieg. Früher habe ich Musik gehört, während ich arbeitete. Ich habe Musik gehört, wenn ich nachts betrunken nach Hause kam. (Oft habe ich dann sogar die Luftgitarre ausgepackt und playback gesungen. Ich muss wohl alleine gewesen sein. Egal.) Ich habe sogar Musik gehört, bevor ich ins Bett gegangen bin. Aber das alles ist Ewigkeiten her. Das Problem sind wohl die Emotionen, die dabei wach gerufen werden und je älter ich werde, desto weniger ertrage ich sie. CNN weckt auch eine Emotion: Furcht. Und die Furcht ist wahrscheinlich jene Emotion, die mich in meinem Alter am meisten bewegen sollte. Aber es fällt schwer zu schreiben, wenn du voller Furcht bist. Es fällt genauso schwer, wenn es draußen gefühlte 115 Grad sind, so wie heute. Trotzdem gibt es ein paar Unerschütterliche, die vor der Webster Hall campen, direkt bei mir um die Ecke, weil Sleater Kinney ihren letzten NYC Gig spielen. Es sind wohl Indie Rock Fans, die da campen. Es könnte auch eine Horde Briefträger sein.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Es gibt durchaus einen Grund, warum ich davon hier so detailreich berichte. Diese Stadt war ein Ort, an dem alles möglich war. Jedenfalls war sie das für mich und ich bin mir sicher, dass sie das auch irgendwie immer noch ist. Ich konnte hier immer schreiben. Ich konnte schreiben, wenn ich betrunken war, wenn ich high war, wenn meine Miete schon drei Monate überfällig war. Ich konnte schreiben mit nichts mehr als Nikotin in meinem Blut. Ich konnte schreiben, wo ich wollte. Schreiben und denken auf Hausdächern, in Cafes, in Gefängniszellen, in Kneipentoiletten, in den Betten merkwürdiger Frauen. All das war möglich. Jetzt muss irgendwie alles… irgendwie so sein. Es MUSS sein. Ich habe eine jahreszeitlich bedingte Depression. Aber ich hege den leisen Verdacht, dass es so etwas wie Unbeschwertheit, Jugend und Arroganz da draußen noch geben mag. Vielleicht in den Köpfen der Jüngeren. Die Tatsache, dass diese Jüngeren allerdings nur halb so talentiert sind wie sie denken, liefert mir den einzigen Grund, mich für meine Depression nicht schämen zu müssen. Und gleichzeitig ist es meine schüchterne Entschuldigung dafür, dass ich hier keine wilden Geschichten aus NYC zu berichten habe. Die Stadt schmilzt nur so dahin. Ich erinnere mich an einen Sommer, es mag 1993 gewesen sein – Sine, wo einst Jeff Buckley entdeckt wurde, hatte noch geöffnet und gerade war Exile in Guyville von Liz Phair veröffentlicht worden. Ich saß mit zwei Freunden, einem Jungen und einem Mädchen, und einem Dr Who Flipper in einem Kellerappartment am St. Marks Place. Die Bar nebenan brachte den Flipper zeitweise bei sich unter. Als Gegenleistung verlangte man uneingeschränkten Gebrauch. Es war verdammt heiß in diesem Sommer, vielleicht war es doch 94? Forrest Gump war gerade angelaufen und ich erinnere mich, dass ich ihn heimlich angeschaut habe, weil er nicht zu den angesagten Filmen gezählt wurde. Es war so heiß, dass wir den ganzen Tag und die ganze Nacht im Badezimmer verbrachten und das kalte Wasser floss aus dem Hahn. Warum wir keine Klimaanlage hatten, weiß ich nicht einmal mehr. Dennoch - das hier gerade ist heißer als damals. Ich habe jetzt eine Klimaanlage. Und genügend andere Dinge, die ich verlieren könnte. Was ich damals hatte und heute nicht mehr, ist der Drang unbekümmert und leichtsinnig zu sein. Der Teil in mir, der Gump zu sich aufnehmen wollte, hat gewonnen. Jedenfalls im Moment. Ich gehe immer noch aus. Und ich arbeite an einer brandneuen Novelle. Ich wollte diese Gelegenheit hier dazu nutzen aus dem Vergangenen einen Sinn zu ziehen und über meine zukünftigen Schriften und Projekte zu sprechen. Die Novelle ist noch eine Art Vorschlag. Ich kann mich glücklich schätzen über die Möglichkeit, ein Buch auf der Basis eines Vorschlags veröffentlichen zu können, auf der Grundlage von ein oder zwei Kapiteln. Ich weiß, dass andere ganze Bücher schreiben müssen und ihnen das Herz gebrochen wird, wenn die Manuskripte abgelehnt werden. Ich denke also nicht, dass mein Privileg so selbstverständlich ist. Obwohl... manchmal doch. Ich werde diesmal wahrscheinlich nicht darüber schreiben, wie es ist, alte MOJO-Ausgaben in der Badewanne zu lesen, nachdem man um ein Uhr mittags aufgestanden ist. Das ist nicht von Interesse und alternde Rocker können so was immer und überall machen, oder? LA? Jersey. Vermont. Canada. Ich möchte hier den Fokus auf New York lassen. Ich liebe diese Stadt. Immer noch. Diese Stadt inspiriert mich immer noch total. Und diesen Freitag - im Gegensatz zu, ihr wisst es schon - heute und sonst immer, gehe ich raus in diese Stadt und trinke und schaue, was dann passiert. Es könnte gut werden. Ich könnte den Sixteen Candles Soundtrack auf Vinyl für 50 Cents in den Milchkisten vor einem Indie Plattenladen auf der 10th Street finden. Es könnte auch beschissen werden. Wie wenn ich zum Gespött der Massen in der Library Bar werde, weil ich meine riesengroße orangene Sonnebrille drinnen trage oder wenn sich ein 22jaähriger Halbwüchsiger im Teenage Mutant Ninja turtles Shirt über mich lustig macht, nicht weiß, wer ich eigentlich bin und mich nicht im Entferntesten respektiert. Lebe deinen schnoddrigen Punk Style und sterbe daran. Egal, wer du bist oder wer du 94 warst, ob ein Gump Fan oder ein Trainspotter oder vielleicht noch nicht einmal auf dieser Welt – irgendwas wird hier mit dir geschehen. Etwas, das es Wert ist, darüber zu schreiben. Und CNN läuft im Hintergrund. Fühlt sich an wie 115 Grad. (Euer) M Bild: Cody Smyth

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