Aktionskunst am Kölner Dom: jetzt.de hat die Besucher belauscht

Eine Armee aus Müll macht in Köln gerade dem Dom seine Stellung als meistfotografiertes Motiv streitig. Die vom Aktionskünstler HA Schult geschaffenen Trash People, 1000 mannshohe Figuren aus gepresstem Abfall und Bauschaum, haben schon viel von der Welt gesehen: Sie waren auf dem Roten Platz in Moskau ausgestellt, sie bewachten die Chinesische Mauer und sie reihten sich vor den Pyramiden von Gizeh. Noch bis zum Montag den 1. Mai sind sie auf dem Roncalliplatz in Schults Wahlheimat Köln zu sehen. Danach werden die 1,80 Meter großen, aus Müll gepressten Figuren weitertransportiert – erst nach New York und dann in die Antarktis. Täglich finden sich Tausende von Menschen vor dem Kölner Dom ein und lassen die Parade dieser „Archäologie der Gegenwart“, wie sie der Erschaffer nennt, auf sich wirken. Unser Autor hat sich zwischen die Besucher begeben und Beobachtungen und Kommentare notiert.
lars-weisbrod

Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag zwischen Dom und Römisch-Germanischem Museum. Nach einem kurzen Regenschauer finden sich wieder einige Dutzend Menschen ein, die von der Absperrung aus die Skulpturen begutachten. Vor allem junge Frauen zeigen sich als erstaunlich kunstverständig, sofern sie Hosenanzug tragen und einen kleinen Trolley ziehen. Eine Dame klärt ihre Freundin sachlich über Geschichte und vergangene Ausstellungssorte auf. Demnach werden die Figuren nach dem Aufenthalt in der Domstadt nach New York unter die Brooklyn Bridge verfrachtet. Die Freundin ist enttäuscht. „Ich dachte, an den Nordpol“. Für den endgültigen Verbleib sei Köln im Gespräch, „hier wurden die Skulpturen aber nicht gut behandelt“, sagt die Trolley-Frau. Sie hat Recht. Am vergangenen Wochenende hatten Betrunkene nachts einen Sicherheitsmann niedergeschlagen und einige Figuren umgeworfen. Auch andere Besucher geben sich deshalb entrüstet: „Das ist ´ne Unverschämtheit, die machen sich die ganze Arbeit und die Leute werfen es einfach um.“ Vorbildhafter ist der Onkel der Nordpol-Freundin: Er soll, so ist zu erlauschen, bereits eine der 6.000 Euro teuren Figuren erworben haben. Zwei Herren mit Schnauzer wollen bei so viel Sachverstand nicht hintanstehen und diagnostizieren bei den Figuren „Gesichtslosigkeit“ und in der Summe „räumliche Tiefe durch Diagonale“.

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Illustration: Julia Schubert

Müllmann vor Dom. (Foto:ddp) Einige Jugendliche mit Oberlippenflaum und Londsdale-Bekleidung interessieren sich vor allem für jene Figuren aus Computerschrott: „Wo is’ ´en die Grafikkarte?“. Dann spekulieren sie über die Entflammbarkeit der Installation: „Ich werf` jetzt meine Kippe darein, geil!“ Rentner machen angesichts des Kunstwerks vor allem Rentnerwitze, das heißt, sie weisen Damen aus ihrer Reisegruppe mit einem spöttischen Lachen an, sich doch bitte zu den Müllleuten – „höhö“ – zu gesellen, höhö, damit man Fotos machen könne. Andere Großväter nutzen die moderne Kunst ganz praktisch und bringen ihren Enkeln das große Einmaleins bei. „Wenn das genau 1.000 sind und in einer Reihe stehen 50, wie viel Reihen sind das dann?“ Eine Mutter möchte Sohn und Tochter zum Mitdenken anstiften und stellt pädagogische Aufgaben: „Guckt doch mal, wie unterschiedlich die alle sind. Was für Materialien könnt ihr denn entdecken?“ Auch ein kundiger Einlass zu den verbauten Coladosen fehlt nicht: „Die sind ganz schlimm, weil die ja nie verrotten.“ Die Kinder heucheln Interesse und entdecken, wie befohlen, Materialien. Die meisten Besucher fotografieren und halten das Kunstwerk für Daheimgebliebene fest. Eine adrette Frau im Kostüm lässt sich vor den Müllfiguren ablichten; ein Vater mit Kinderwagen ebenso, aber erst nachdem er den Nachwuchs dazu bringen konnte, Richtung Kamera zu sehen. Bleibt die Frage, wie man Müll eigentlich am besten fotografiert. „Ich mach jetzt mal mit Rote-Augen-Reduktion.“ Zwei ältere Hosenanzugsträgerinnen mit strengen Frisuren finden vor allem jene „ganz ganz dumm, die sagen, sie hätten so was ja auch gekonnt“. Eine Anfangzwanzigjährige ärgert sich. „Wenn ich sowas gemacht hätte, hätte es sicher niemand Kunst genannt.“ Ein Mann in Trekkingschuhen weiß, dass Beuys gesagt hat, dass jeder Künstler sein kann. Kritische Stimmen bleiben in der Minderheit. Man zeigt sich begeistert oder belustigt von den verbauten Gegenständen. „Der hat ´nen Eimer am Fuß!“ „Da, eine Tastatur!“ „Hier guckt ja noch das Kabel raus!“ Die Männer der Strenge-Frisuren-Damen fasziniert der technische Apsekt, die „logistische Leistung“, eine Vokabel, die an den Absperrungen oft fällt. „Da brauch` man ein großes Auto, um die so weit zu transportieren.“ Nicht wenige möchten den Dominoeffekt test und spielen laut mit dem Gedanken, eine Figur zu schubsen. „Dann fallen sie alle um. Klackklackklackklack“. Andere vermuten aus lautmalerischer Sicht eher ein „Buffbuffbuffbuff“. Ein wirklich sehr dicker Mann ruft zu seiner wirklich sehr dicken Frau: „Komm, mir laufen einma’ rund, dann ham’ wir wat für die Figur getan“. An anderer Stelle ist man in Diskussionen vertieft. „Für misch is’ datt Müll, knippsen tu` isch et trotzdem“ widerspricht ein untersetzter Kölner seiner rothaarigen Frau, die alles „Klasse!“ findet. Er kontert: „Wo kommt dat denn nachher allet hin? Hier bei uns in Köln auffe Müllkippe.“

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Illustration: Julia Schubert

Rechts im Bild HA Schulz, links Elke Koska, seine Muse. Beide gesellen den "Galaxyman" zu den "Trash People". Er ist aus Teilen des Ford Autos Typ Galaxy gefertigt. (Foto: ap) Einen Tag später. Von 16 bis 18 Uhr gibt HA Schult im Dom-Hotel am Roncalliplatz Autogramme. Es bildet sich keine Schlange. Der Künstler erkundigt sich bei den Käufern seiner Trash-Poeple-Poster pflichtgemäß, ob es auch eine Widmung sein soll. „Können Sie gerne meinen Eltern widmen, für die ist es nämlich zum Geburtstag“. Mit den „Eltern“ ist genaugenommen „Mutter Hildegard“ gemeint, die am 4. Mai feiert. Seiner Unterschrift fügt der Künstler jedes Mal noch zwei Zacken und Wellenlinien hinzu und erklärt dabei: „Ich mal Ihnen noch den Dom und den Rhein“. Ein-Euro-Jobber in Jacken einer Sicherheitsfirma bewachen die Skulpturen und müssen sich auch als Museumsführer beweisen. Auf die Frage, ob die Trash People in Moskau auf dem Roten Platz oder anderswo gestanden haben, muss einer der Wachmänner passen. Auf der gegenüberliegenden Seite wird einer seiner Kollegen in eine politische Diskussion über die „kulturfeindliche Religion Islam“ verwickelt. Scheinbar regt das Werk zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen an, Politik ist Gesprächsthema bei einigen der umher stehenden Grüppchen. Und sei es nur wegen der Ein-Euro-Jobs der Bewacher. „Passen Sie gut auf die Schrottmänner auf“, verabschiedet sich der Islamkritiker und wünscht seinem Konversationspartner noch einen ruhigen Abend. „Werden wir haben“, sagt der.

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