Alle lieben Angela

Aber warum nur? Jeder hat eine andere Erklärung für die Popularität der Kanzlerin
christoph-koch
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Illustration: Julia Schubert

Die Infratest-Umfrage bestätigte nur das, was jeder schon vorher gefühlt hatte: Alle lieben Angela. Selbst erbitterte Gegner geraten bei pilsgestützter Politikanalyse plötzlich ins Schwärmen. Aus dem bauchgefühligen „geht gar nicht“ wurde binnen weniger Amtswochen ein „geht total gut“. Die Frage von Deutschlands gemeinstem Magazin „Darf das Kanzler werden?“ beantwortete Deutschlands dümmste Zeitung am Montag sogar mit einem „Angie, Kanzlerin der Herzen!“. Lustig sind die Gründe, die die Analysten der verschiedenen Medien für die plötzliche Popularität finden. Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung am Sonntag sah den Grund ihrer Beliebtheit vor allem in einer beinahe spitzmädchischen Art und der Wirkung, die sie auf ihre Umgebung hat: „Es scheint, als könne ihr niemand etwas übel nehmen. Als in Paris Präsident Chirac an der Seite Merkels vor die Fernsehkameras trat, glaubte man, er sei durch einen Jungbrunnen gegangen.“ Eine tiefe Abneigung gegen Pathos Der Stern weiß indes, dass es nicht nur die verjüngende Wirkung der Kanzlerin ist, die sie so beliebt machen, sondern ihre Bodenständigkeit: „Das eitle und gespreizte Getue der diplomatischen Welt ist ihr fremd. Sie will sich zwar nichts anmerken lassen, aber wer sie genau beobachtet, erkennt, dass sie sich mit einer gewissen Belustigung in diesem operettenhaften Betrieb bewegt. […] Sie hegt weiter eine tiefe Abneigung gegen Pathos und ideologische Überhöhung.“ Auch die Zeit haut in eine ähnliche Erklärungskerbe, wenn sie den Soziologen Heinz Bude laut nachdenken lässt und dieser zu dem emotionalen Befund kommt, dass sich ein masochistisches Deutschland nach einem Comedown nachgerade sehnen muss: „Es ist so, als hätte die Bundesrepublik auf die mit der Figur von Angela Merkel verbundene große Desillusionierung buchstäblich gewartet. Man will die Dinge beim Namen genannt wissen, die Verhältnisse geordnet haben und das Notwendige getan sehen. Das soll ohne geräuschvollen Enthusiasmus, aber mit Flexibilität und Augenmaß geschehen.“ Unperfekt wie wir Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung konstatiert hingegen, dass wir alle uns deshalb so zu Angela Merkel hingezogen fühlen, weil sie uns unsere eigene Unperfektion vor Augen führt und uns in einer Art Katharsis von der Scham darüber erlöst: „Beim Gehen winkelt sie die Arme nach oben ab und wirkt trotz energischen Ausschreitens wie von einem Elektromotor angetrieben. Ihre optische Erscheinung ist ganz und gar der Laune der Fotografen anheimgestellt. Homestories sind undenkbar. Hält sie eine wichtige Rede, verspricht sie sich. Geht sie zu einem festlichen Empfang, hat ihr Kleid einen Fleck. Kommt ihr ein Gegner in einer Debatte frech, verstummt sie. Kurz: Es ist wie bei jedem normalen Menschen.“ Aber die FAS findet sogar noch einen zweiten, ernsthafteren Grund für die nur von Sympathiebolzen „Genschman“ getopten Zuneigungswerte der Kanzlerin: Wir erwarten nichts mehr von der Politik. Oder anders ausgedrückt: „Das Publikum ist der Wiederholungen und Neuinszenierungen der politischen Sternstunden überdrüssig. Wenn deutsche Offiziere in einem Awacs-Flugzeug mitfliegen, dann will es nicht mehr "Deutschland im Krieg!" dazu lesen. Der Einfluß eines Ministers auf Konjunktur und Wachstum wird nüchtern eher gering eingeschätzt; selbst wenn Michael Glos Zigarren rauchte, es wird nie mehr wie unter Ludwig Erhard. […] Politik ist ein Thema unter vielen. Merkel ist eine wie alle.“ Männliche Machtgesten musste meiden Bitte nicht den Gender-Aspekt vergessen, ruft indes die tageszeitung und führt die Angela-Euphorie vor allem darauf zurück, dass sie auf „männliche Machtgesten“ verzichte und die Klaviatur der leiseren Töne dafür umso flinker rauf und runterklimpert: „Angela Merkel ist extrem populär, gerade weil sie sich die großen Gesten der Schröders und Fischers spart: Ihr gestischer Jargon entspricht der zeitgenössischen Politik der kleinen Münze […] Denn die großen Gesten, die sich Merkel spart, sind ja nicht nur Machtgesten, es sind auch männliche Machtgesten. […] Frauen bewahren sich, auch wenn sie in den Fundus dieses Repertoires männlicher Machtgesten greifen, doch meist eine gewisse Rollendistanz. Oft müssen sie sich dann sagen lassen, sie seien "linkisch", doch immer häufiger hört man nun, sie seien "erfrischend anders".“ Einer der wenigen, die sich weigern, die Merkel-Passion zu ver- und erklären, ist Kurt Kister. In der Süddeutschen Zeitung stellt er fest, dass Merkel bislang als Innenpolitikerin kaum in Erscheinung getreten ist und sich auch der Beifall für ihre außenpolitischen Auftritte aus sehr fragwürdigen Klatschern zusammensetzt: „Dem Charme Chiracs sei Merkel nicht erlegen; George W. Bush habe einen sehr positiven Eindruck gehabt; Wladimir Putin sei sie mit der nötigen Distanz begegnet. Nun ja. In Washington einen besseren und in Moskau einen anderen Eindruck als Schröder zu hinterlassen, ist nicht schwierig. Außer Oskar Lafontaine hätten das wohl die meisten Spitzenpolitiker geschafft. Und wenn viele Kommentatoren anmerkten, dass Merkel sich nicht von Chiracs Handkuss einlullen ließ, sagt dies viel über das Frauenbild der Kommentatoren und relativ wenig über Merkel aus.“ Der Grund für Merkels Popularität sei weder in ihrer Bodenständigkeit zu suchen, noch in der Desillusionierung der Bevölkerung. Sondern darin, dass sich die „arg gerupften Volksparteien verabredet“ hätten, „den politischen Streit kaum mehr auszufechten. Die Opposition wiederum besteht aus drei kleinen Parteien, die sich untereinander spinnefeind sind. […] Die verabredete Unterdrückung der Konflikte macht es der Kanzlerin leicht, einen guten Eindruck zu erwecken“. Das klingt ernüchternd, ist aber vielleicht sogar selbst für Angela Merkel die bessere Wahl als „Kanzlerin der Herzen“ zu sein. Denn wie die taz richtig anmerkt: „Die letzte Königin der Herzen wurde in Paris getunnelt“. (Foto: AP)

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