Ein Mixtape von Bret Easton Ellis

Für die Eins-Live-Radiosendung „Kassettendeck“ stellen Prominente regelmäßig ihre Lieblingslieder zusammen. Anlässlich des Literatufestivals „Lit.Cologne“ gibt es am Montag eine Sonderausgabe der Sendung mit dem legendären US-Schriftsteller Bret Easton Ellis.
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Illustration: Julia Schubert

Bret Easton Ellis (Foto: Ian GIttler) Schon in jungen Jahren für seinen Debütroman „Unter Null“ gefeiert, begeisterte und schockierte Ellis in den folgenden Jahren die Literatur- und Medienwelt mit Romanen wie „American Psycho“, „Glamorama“ und zuletzt „Lunar Park“. In den Büchern von Bret Easton Ellis spielt Musik stets eine große Rolle – doch was sind wirklich die Lieblingslieder des erfolgreichen Autors? jetzt.de wirft einen exklusiven Vorabblick ins EinsLive-Kassettendeck und den Plattenschrank von Bret Easton Ellis.

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Illustration: Julia Schubert

Warren Zevon - Desperados Under The Eaves Das ist einer der traurigsten Song, der je über Los Angeles geschrieben wurde und ich frage mich gerade, warum ich da wieder hinziehen will. Es geht mir im Moment ganz gut und trotzdem ist dieses schlimme, tragische Lied ganz oben auf meiner Liste. Warren Zevon ist in Deutschland nicht so bekannt – ihr kennt hier mehr die Eagles – aber „Desperados Under The Eaves“ muss ganz oben stehen. Ich denke an L.A. wenn ich das höre, ganz einfach. Es geht da um Einsamkeit und Verzweiflung, aber gleichzeitig ist das Stück sehr majestätisch – da ist einfach alles dabei. Früher konnte ich mich besser in Musikgespräche reinsteigern. Jetzt ist mein Geschmack nicht mehr so breit gefächert wie früher, aber das passiert vielleicht, wenn man älter ist. Man konzentriert sich auf bestimmte Genres und Lieder. Aber es wird natürlich nie aufhören, dass ich mit manchen Freunden gerne über Künstler und ihre Platten sprechen werde.

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The Carpenters - Goodbye To Love Das ist mein liebstes Gitarrensolo aller Zeiten. Ich muss an meine Kindheit denken, wenn ich das höre. Meine Eltern haben sich diesen Song oft angehört, als ich in L.A. aufwuchs. Die Carpenters waren damals überall. Klar finde ich auch die Sex Pistols, Replacements und andere Punkbands sehr gut, aber das hier ist einfach ein handwerklich perfekter Popsong. Die Carpenters haben oft im Weißen Haus von Präsident Nixon gespielt. Sie waren Vorzeigekinder für das Establishment, standen für Familienwerte und so weiter – und trotzdem waren ihre Songs so traurig, da ist fast eine Art Trauma im Spiel. Und sie sind definitiv mehr Avantgarde als man ihnen meist zugesteht. Ich hafrüher übrigens andauernd Mixtapes aufgenommen, auch mit den Carpenters drauf. Ich bin ein Meister des Mixtapes! Aber das denkt vielleicht auch jeder von sich. Als ich dann angefangen habe, Sachen runterzuladen und CDs zu brennen, war das plötzlich nicht mehr so persönlich. Mit einem analogen Band kann man mehr machen, das rauscht noch, am Ende wurde mal ein Lied abgeschnitten und so weiter.

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Illustration: Julia Schubert

Radiohead - Fake Plastic Trees Diesen Song hörte ich häufig während des O.J.-Simpson-Prozesses. Ich habe in der Zeit auch mit jemandem Schluss gemacht. Keine Ahnung, ob es in dem Stück ums Schlussmachen geht, aber ich kann ihn mir beinahe nicht mehr anhören, er macht mir richtig zu schaffen. Aber es ist immer noch der beste Radiohead-Song aller Zeiten. Die letzte Zeile bringt mich jedes Mal um. Ich habe nur sehr selten selbst ein Mixtape bekommen, das ich wirklich gut fand. Ich dachte immer, dass meine Mixtapes die besten seien. Aber ein einziges Mal habe ich ein Mixtape zurückgeschickt bekommen. Das war vor 15 Jahren, die Person wollte es wohl nicht mehr in ihrem Leben haben und hat es mir per Post zurückgeschickt.

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Illustration: Julia Schubert

Robbie Williams – Strong (Hörprobe) In den USA ist Robbie Williams ziemlich unbekannt, aber ich persönlich finde alles, wirklich alles von ihm super. Und das Beste, was ich seit langem gelesen habe, war die Biographie über ihn von Chris Heath. Ich kann das Buch gar nicht genug empfehlen, noch nie wurde über jemanden aus dem Showgeschäft so gut geschrieben. Robbie Williams’ Song „Strong“ kann ich besonders gut verstehen. Ich habe ihn auf der Lesetour meines Buchs „Glamorama“ viel gehört. Robbie singt „You think I’m strong – but you’re wrong“, und genau so habe ich mich auch gefühlt. Robbie Williams ist wahnsinnig talentiert, er hat absolute Killersongs. Aber leider verstehen die meisten Amerikaner nicht, dass er gleichzeitig ironisch und ehrlich ist, wenn er auf der Bühne steht. Ich finde das großartig.

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Illustration: Julia Schubert

Bon Jovi - Midnight In Chelsea (Hörprobe) Eigentlich bedeutet mir Bon Jovi nicht sonderlich viel – deutlich weniger als die anderen Künstler, die ich für diese Zusammenstellung ausgewählt habe. Aber diese Soloplatte, auf der „Midnight In Chelsea“ drauf ist, ist besser, als alles, was er mit seiner Band gemacht hat. Das Lied ruft in meinem Kopf Bilder hervor: Es geht darum, zu akzeptieren, wer man ist, darum, die Einsamkeit anzunehmen. Es ist ein sehr gut konstruierter Song, vor allem der letzte Refrain hat es mir angetan. Ich glaube, ich bin tatsächlich besessen von Popmusik. Einerseits als Musiker: Ich hatte selbst eine Band mit ernsten Absichten, als mein erstes Buch „Unter Null“ rauskam. Aber der Bucherfolg hat die Band zerstört. Andererseits war ich auch immer mit Leib und Seele Fan. Ich hatte Poster mit Elvis Costello und Bruce Springsteen an den Wänden, das Sandinista-Poster von The Clash in meinem Schlafzimmer. Ich fühlte mich immer zu Musikern hingezogen. Im Grunde bereue ich jeden Tag, dass ich ein Star in der Literaturwelt geworden bin und nicht in der Musikwelt.

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Jackson Browne - Late For The Sky (Hörprobe) Ich hatte einen sehr engen Freund, der vor zwei Jahren gestorben ist. Das hier war sein Lieblingslied – und deshalb bedeutet mir dieser Song sehr viel.

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Illustration: Julia Schubert

Waterboys - This Is The Sea (Hörprobe) Dieser Song kam 1985 raus und das war genau zu der Zeit, als mein erster Roman „Unter Null“ erschien. „This Is The Sea“ handelt davon, dass man sich voranbewegt, dass man auf ein anderes Level kommt, einen Schritt nach vorne geht – und das hat mich in dem Moment natürlich sehr stark angesprochen. Musik ist mir generell sehr wichtig, aber mittlerweile höre ich beim Arbeiten keine Musik mehr. Sie lenkt mich zu sehr ab. Früher ging das besser. Manchmal gibt es aber Songs, die ich während der Entstehung eines Buchs gerne höre. Und vielleicht kommt dieser Song dann später in dem Buch vor, weil zum Beispiel einer der Charaktere die Band gutfindet. Ich kann dafür nichts. Ich bin ein Kind der Rockära, deshalb hat Rockmusik auch mein Schreiben beeinflusst.

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Illustration: Julia Schubert

Ash - Shining Light Das ist der energiegeladenste Song, den ich in meinem Leben gehört habe. Davon bekomme ich immer gute Laune. Ich kann dazu gar nicht so viel sagen, aber wenn ich ihn höre, will ich aufspringen und rumtanzen. Das kann man sich bei mir zwar nicht sehr gut vorstellen, aber es ist wahr. Der Song ist große Klasse und treibt einen richtig an. Es ist mir schwer gefallen, mich in meiner Songauswahl zu begrenzen. Ich kann auch “Chicago” von Sufjan Stevens sehr empfehlen oder "Krafty” von New Order – oh Mann, es gibt so viele gute Songs … Wer die komplette Sendung mit Bret Easton Ellis – und vor allem mit all seinen Lieblingssongs hören will, kann das am Montagabend ab 23 Uhr auf Eins Live tun. Hier geht es direkt zum Livestream, hier gibt es zusätzliche Infos über das komplette Eins-Live-Programm des zur Lit.Cologne. Doch Bret Easton Ellis ist nicht nur in Köln: Vom 10. bis zum 20. März ist der Autor auf Lesereise in Deutschland unterwegs. Dabei kommt er am 17. März auch nach München und liest dort aus seinem neuen Roman "Lunar Park". Die deutsche Überserzung liest der Schauspieler Christian Ulmen, moderiert wird die Veranstaltung im Audimax der LMU von jetzt.de-Redakteur christoph-koch.

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