In meinem Interview habe ich nicht von der Quantität der Ausbildung gesprochen, sondern von ihrer Qualität. Diese lässt in der Tat häufig zu wünschen übrig: So steht viel zu sehr die rein historische Daten- und Faktenvermittlung im Vordergrund.

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Wünschenswert wäre es, das Thema Nationalsozialismus von verschiedenen Perspektiven aus zu beleuchten. Insbesondere im Ethik und Religionsunterricht sowie im Sozialkundeunterricht kann und sollte dieses Thema jenseits der rein geschichtlichen Fakten aufgegriffen werden. Die moralische Dimension der Shoa und die Ableitung konkreter ethischer Handlungsanweisungen finden zu wenig Beachtung. Wir brauchen ein intensives Nachdenken über die Würde des Menschen, ein Verständnis für das „Wie“ und „unter welchen Umständen“ wurden und werden Menschen zu Tätern. Es müssen Transferleistungen zu den Herausforderungen der Gegenwart erbracht werden. Wir brauchen Toleranztrainings und Maßnahmen der Demokratiebildung, wie etwa das in Israel konzipierte und vom Centrum für angewandte Politikforschung an der Universität München adaptierte Betsavta.´ Außerdem ist darauf zu achten, dass den jungen Menschen nicht das Gefühl vermittelt wird, Schuld an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu haben. Sie sind nicht schuldig und die Vermittlung eines solchen Gefühls ist kontraproduktiv und blockierend. Der Nationalsozialismus muss so vermittelt werden, dass den Jugendlichen klar wird, dass sie keine Schuld an, sondern Verantwortung aus der Geschichte haben und sich entsprechend politisch engagieren. Bei Ihrem Vorschlag nach dem Modell des „black history month“ sehe ich das Problem einer auf einen bestimmten zeitlichen Rahmen beschränkten Auseinandersetzung, die dann schnell ritualisierten Charakter annimmt. Alljährliche Gedenkveranstaltungen haben wir ja bereits. Wir brauchen eine permanente und neu konzeptionalisierte Vermittlung des Nationalsozialismus. Vor dem Hintergrund, dass bald keine Zeitzeugen mehr von ihrem Leid berichten können, die Nazi-Diktatur also allmählich auch faktisch zur Historie wird, muss die Vermittlung in den Schulen überdacht werden. Oder besser: Wir brauchen keine Vermittlung des Nationalsozialismus, sondern eine Vermittlung praktischer ethischer Werte, die wir in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelernt haben, bzw. deren Bedeutung durch die Erfahrung des Nationalsozialismus bestätigt wurde. In Ostdeutschland haben wir das Problem, dass sich die DDR per se als „antifaschistischer Staat“ definiert hat, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem NS-Regime hat daher auch nicht stattgefunden. Noch mehr: Ehemalige Orte der NS-Gewaltherrschaft wurden vom SED-Regime für seine eigenen Zwecke politisch instrumentalisiert. Im ostdeutschen Diskurs litten an diesen Orten nicht Juden unter dem Nationalsozialismus, sondern kommunistische Freiheitskämpfer unter dem Faschismus, dessen gesellschaftlicher Gegenentwurf die DDR sein sollte. Um das zu wissen, braucht man nicht einschlägige Fachliteratur zu lesen, sondern nur ein bisschen die seit einigen Jahren geführte Debatte zu verfolgen. Foto: dpa