Thomas Brussig in Kairo (4)

Der Autor von "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" und "Wie es leuchtet", berichtet aus Ägypten.
christoph-koch
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Illustration: Julia Schubert

Protest vor der dänischen Botschaft in Berlin gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen (Foto: AP) Während ich dies schreibe, gehen hier und in Europa die Emotionen hoch: Es geht um diese Karikatur(en), die Mohammed als Terroristen darstell(t)/(en). Hier heißt es: Schlimme Beleidigung für Moslems/jede Grenze wurde damit überschritten u.ä. Im Westen heißt es lediglich: Das ist nun mal Pressefreiheit, und die ist uns heilig. Diese Auseinandersetzung hat sich wahrscheinlich auch deshalb aufgeschaukelt, weil geradezu modellhaft die Indisponiblien beider Seiten in Konflikt zu geraten scheinen. Wir stecken also mitten im Kampf der Kulturen. Ich bin jetzt nicht so feige, keine Position zu beziehen. Ich bin ein großer Freund der Pressefreiheit. Und vor den Moslems gab es schon viele, viele andere, die im Namen der Pressefreiheit schlimme Beleidigungen einstecken mußten. Ich bin aber ein so großer Freund der Pressefreiheit, daß ich mich frage, ob wir unsere Pressefreiheit nur dergestalt ausfüllen wollen, indem wir unsere „islamophoben“ (das Wort habe ich hier gelernt) Vorurteile in beleidigenden Karikaturen bestätigen? Wieso eigentlich fühlen sich nur Moslems beleidigt? Vielleicht beleidigt diese Karikatur ja auch mich, weil sie auf einem Niveau nach meiner Zustimmung, meinem Beifall schielt, das nicht mein Niveau ist. Habe schnell gelernt, daß die Moslems sich nicht von Relativierungen trösten ließen, z.B. wenn ich ihnen erzähle, daß die Katholikin Sinead O´Connor das Bild des Heiligen Vaters öffentlich zerriß, oder wie das zeitgenössische Theater mit der Mutter Gottes oder mit Jesus umgeht... Und ich mußte zugeben, daß auch wir nicht so tabulos sind, wie wir immer tun. Eines unserer Tabus ist z.B. der Antisemitismus. (Ich verspüre keinerlei Sehnsucht nach einer Rhetorik wie sie hier üblich ist [denn auch die ist unter meinem Niveau], finde aber, daß z.B. bei Martin Walser eine Art Denkpolizei immer mal ihre Razzien abhält – und das paßt nicht zu einer aufgeklärten, liberal-souveränen Gesellschaft.) Ich halte die Karikatur(en) für einen Fehler. Ich halte es aber trotzdem und vor allem für eine Errungenschaft, daß wir im Westen ein System haben, bei dem solche Fehler möglich sind. Solange sie möglich sind, werden sie passieren. Und wenn sie passieren, sollte das geschehen, was normalerweise immer nach Fehlern geschehen sollte: Die Verantwortlichen (Redakteur, Chefredakteur und Zeichner) sollten sich bei den Moslems entschuldigen, deren Gefühle sie nicht verletzen wollten. (Wenn sie sie verletzen wollten, dann sind sie dümmer als ich dachte.) Und wir alle haben – hoffentlich – etwas gelernt. Wenn die von uns so geschätzte Pressefreiheit bedeutet, daß die Presse alles darf, dann bedeutet das nicht automatisch, daß alles einwandfrei ist, was in der freien Presse passiert. Dies ist ein Auszug des Tagebuchs von Thomas Brussig, der zur Zeit als Stadtschreiber in Kairo gastiert. Anlass ist die Ägyptische Buchmesse, auf der dieses Jahr Deutschland als Gastland repräsentieren darf. Die kompletten Tagebücher von Thomas Brussig kann man auf der Webseite des Goethe-Instituts lesen, über das er uns die Auszüge freundlicherweise zur Verfügung stellt.

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