"Wir müssen auch Jugendliche mit Suizidgedanken abweisen"

Suizid ist die zweithäufigste Todesursache von jungen Menschen. Elena ist 20 Jahre alt und arbeitet seit vier Jahren bei einer Beratungsstelle. Im O-Ton erzählt sie von ihrer Arbeit.
charlotte-haunhorst

"Seit vier Jahren arbeite ich bei U25, einer Mailberatung von jungen Leuten für Jugendliche mit Suizidgedanken und in Krisen. Wir haben fünf Standorte in Deutschland und 125 sogenannte Peers, also Leute unter 25, die andere Jugendliche beraten. U25 funktioniert so, dass man uns eine Mail schreiben kann und dann innerhalb von sieben Tagen an einen Peer weitervermittelt wird, mit dem man sich austauschen kann.

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Illustration: Julia Schubert

Elena ist 20 und arbeitet seit vier Jahren bei der Mailberatung U25.

Die meisten, die uns schreiben, sind Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren. In ihren Mails geht es zum Beispiel um Suizidgedanken, selbstverletzendes Verhalten oder Mobbing. Viele Leute schreiben uns nur einmal, weil es ihnen bereits gut getan hat, das alles einmal loszuwerden, sie antworten dann zum Beispiel nur noch kurz: "Das hat mir geholfen, ich hab mir jetzt Hilfe gesucht." Ich hatte aber auch schon den Fall, dass ich drei Jahre mit einer Klientin in Kontakt stand. Manchmal hat sich das fast wie eine Freundschaft angefühlt, obwohl man sich natürlich nie privat treffen würde. Das lehnen wir prinzipiell ab, dafür sind wir auch gar nicht ausgebildet. Es gibt auch gerade noch eine Klientin, die mir regelmäßig und sehr konkret schreibt, immer, wenn sie sexuelle Gewalt erlebt hat, weil sie immer noch im Kontakt mit dem Täter ist. Das ist teilweise sehr hart.

Aktuell betreuen wir 900 Leute, 2000 Menschen hätten aber Bedarf. Manchmal müssen wir also auch Jugendliche mit Suizidgedanken abweisen, das ist schlimm. Wir versuchen dann zwar, an andere Beratungsstellen weiterzuvermitteln, aber da U25 anonym ist, man die Schreiber also auch nicht über die IP-Adresse zurückverfolgen kann, wissen wir nicht, was aus den Fällen wird. 

Wenn ich nach einer Suizidankündigung von einer Person nichts mehr höre, versuche ich mir immer einzureden, dass es ihm oder ihr bestimmt gut geht und er oder sie sich Hilfe geholt hat. Das ist so eine Strategie, die ich mir über die Jahre zugelegt habe. Anders könnte ich ja auch nie den Computer ausschalten und mir eine Auszeit von der Beratung nehmen. Das anonyme System hat wiederum den Vorteil, dass die Jugendlichen bei uns sehr offen über ihre Suizidgedanken reden können. Es wird nichts tabuisiert, weil sie wissen, dass wir ihnen jetzt nicht einfach die Polizei vorbeischicken können oder sie zwangseinweisen lassen. Unsere Aufgabe ist es, für die Leute da zu sein und sie ernstzunehmen. Wenn sie sich dann auf unsere Anregung hin professionelle Hilfe suchen, ist das gut. Aber wir haben nicht immer perfekte Lösungen für alle parat.

Um bei U25 arbeiten zu können, benötigt man eine viermonatige Ausbildung und muss natürlich jünger als 25 sein. In der Ausbildung wird dann über Themen gesprochen, die in Klientenmails häufig vorkommen, man schreibt Beispielsmails und redet viel über die eigenen Lebenserfahrungen. Danach hat man nicht direkt eigenverantwortlichen Kontakt mit den Klienten, sondern die Antwortmails werden von einer hauptamtlichen Mitarbeiterin gegengelesen, bevor sie rausgehen. Später kann man dann auch eigenverantwortlich Mails rausschicken. Wenn einem ein Fall zu viel wird, kann man ihn auch abgeben. Das ist mir bisher aber noch nicht passiert.

Wir Peers sind alle ehrenamtlich bei U25. Hier in Berlin gibt es noch eine Hauptamtliche. Das bedeutet natürlich, dass wir keine 24/7-Beratung leisten können. Wenn jemand sich akut mit einer Suizidandrohung meldet, versucht die Hauptamtliche jedoch, möglichst schnell an einen Peer weiterzuvermitteln und bietet Kontakte zu Krisendiensten an.

Momentan ist das Projekt noch bis Ende des Jahres finanziert, wir alle hoffen sehr, dass es danach weitergeht. Allerdings ist Suizidprävention in Deutschland immer noch ein Tabuthema. Deshalb veranstalten wir einmal im Jahr, am 10. September, die Großaktion "600 Leben", bei der sich 600 Menschen symbolisch vor dem Brandenburger Tor fallen lassen und dort so lange liegen bleiben, bis ihnen jemand aufhilft. 600 ist dabei die ungefähre Zahl an unter 25-Jährigen, die sich jedes Jahr in Deutschland das Leben nehmen.

Dieses Jahr haben auch mehrere Politiker zugesagt, dass sie zu der Aktion kommen wollen. Wir hoffen natürlich, dass die uns schnell aufhelfen, denn das wäre ein Zeichen, dass es ein Interesse an dem Thema gibt. Toll wäre natürlich, wenn es irgendwann auch eine nationalen Aufklärungskampagne zum Thema Suizidprävention gäbe."

Anmerkung der Redaktion: Wenn Du Dich selbst betroffen fühlst, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge oder U25. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 gibt es Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Text: charlotte-haunhorst - photocase.de/Dwerner

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