Ich gehe jedes Jahr auf die Wiesn, nur nicht in München

Über die Erfahrung, als Oktoberfest-Fan das erste Mal auf die „richtige“ Wiesn zu gehen.
Von Tabea Mirbach

Hoch die Maaaaaaaaaß in Issum!

Foto: Matthias Balk / dpa

Es gibt einen Termin im Jahr, der bei mir so fest eingeplant ist, wie sonst nur Weihnachten. Immer am zweiten Wochenende im September wird in meiner Heimatstadt Issum „o`zapft“.  Issum liegt ganz im Westen von NRW, an der niederländischen Grenze, hat 12 000 Einwohnern, eine Brauerei und drei Kirchen. Die Gemeinsamkeiten mit München sind also überschaubar.

Aber aus irgendeinem Grund gibt es die Wiesn auch bei uns. Und ich finde das toll. Bis jetzt bin ich auch noch nie auf die Idee gekommen, das sogenannte „Original” in München zu besuchen. Wieso auch? Es gibt bei uns nur ein kleines Festzelt, man bezahlt für seine Karte 31 Euro und darin ist schon ein Essen und eine Maß (gesprochen: Maaaaaaß) enthalten. Und ja, bei uns sagt man nicht Mass, wie man es in München zu sagen pflegt.

Bei uns muss niemand um acht Uhr morgens vor dem Eingang anstehen oder stundenlang vor dem Zelt warten, um reinzukommen. Gott sei Dank! Einlass ist erst um 17.30 Uhr und die Band beginnt um 18.30 Uhr zu spielen. Außerdem werden bei uns keine Unsummen dafür bezahlt, überhaupt einen Platz am Tisch zu bekommen. Der Sitzplatz ist im Preis enthalten. Allerdings kann der Preis einer Maß mit 9,70 Euro mit dem in München mithalten. Das stört aber spätestens nach der zweiten niemanden mehr. 

Noch ein weiterer entscheidender Unterschied: Unsere Wiesn ist nur an einem Abend. Und das macht unser Oktoberfest besonders. Ein Abend, an dem sich gefühlt die ganze Kleinstadt im Zelt befindet. Ein Abend lang Ausnahmezustand in Issum. Bei uns gehört zwar das Biertrinken genauso zur Kultur wie in Bayern, nur ist unser Bier nicht so stark. Noch dazu kommt, dass sich jeder denkt, dass die Wiesn eh nur von so kurzer Dauer ist – was dazu führt, dass alle lieber eine Maß zu viel als eine zu wenig trinken. Deshalb sieht man wahrscheinlich bei uns in Relation zur Besucherzahl in München mehr Alkoholleichen. 

Nach einem Abend mit Trinksprüchen wie „Oans, zwoa, drei - g’suffa“, die wir (vermutlich) alle sehr falsch aussprechen, sieht man bei uns aber das ganze Jahr über keinen mehr in Tracht.

Nun ergab sich für mich als Praktikantin bei jetzt die Gelegenheit, dieses Jahr aufs Münchner Oktoberfest zu gehen. Obwohl es für mich nur ein Original gibt – das in Issum. Ich wollte herausfinden, warum jedes Jahr Millionen Menschen auf die Wiesn fahren – und nicht nach Issum.

Die erste Überraschung für mich: Es gibt das Bier nur in Bierzelten und auch nur, wenn man einen Tisch hat. Bei uns gibt es zwar das Bier im Liter-Krug auch nur im Zelt, aber draußen gibt es einen Getränkestand, wo man neben Bier auch Cocktails bekommt.

Bei uns hat zwar jeder einen Tisch, aber im Laufe des Abends ist dann niemand mehr an seinem Platz. Dann wird einfach irgendwo bestellt. Im Gang, wenn man auf eine*n Kellner*in trifft oder einfach direkt an der Bierausgabe. Da muss dann niemand – wie in München – verdursten, weil er kein Bier bekommt. Und es darf sogar im Gang getrunken werden!

Außerdem wenn man in München eine Maß bestellt, heißt das nicht unbedingt, dass man eine volle Maß bekommt. Von sechs Maß, die wir neulich auf der Münchner Wiesn bestellt haben, waren davon nicht annähernd alle Bierkrüge mit einem Liter gefüllt. Das ist mir in all den Jahren bei mir zuhause noch nie passiert. Wenn man in Issum eine Maß bestellt, dann bekommt man auch eine Maß. Klar, auch hier soll natürlich möglichst viel Profit gemacht werden. Aber da hier jeder jeden kennt, wird da doppelt und dreifach drauf geachtet, dass alles in Ordnung ist. Der Festwirt, der ein Restaurant in Issum betreibt, möchte natürlich nicht seinen guten Ruf verlieren. Bei den Preisen in München sollte man wenigstens erwarten können, das zu kriegen, wofür man bezahlt hat.

Ich habe in meiner Zeit in München mit Münchnern zusammengelebt. Nur gehen die seit Jahren nicht mehr dorthin, weil es nur noch eine Touristenattraktion ist, sagen sie.

Dass es auf der Wiesn viele Touristen gibt, habe ich spätestens gemerkt als mir eine Gruppe Amerikaner nach der anderen mit Lederhosen aus Baumwolle oder T-Shirts wie „I survived Oktoberfest“ entgegenkamen und mich fragten, ob ich ein Foto von ihnen machen könnte. In der Stadt wimmelte es auch nur von Ständen mit billigen Last-Minute Dirndln und Lederhosen. Bei uns ist das Oktoberfest nur ein einmaliges Erlebnis im Jahr und dadurch werden keine Touristenfluten angezogen wie in München.

Sie wissen genauso wie in Issum, wie man richtig feiert

Die Wiesn in München hat mir manchmal das Gefühl gegeben, dass ich fehl am Platz bin, weil ich die Tradition der Bayern als Touristin kaputt mache. Man sollte meinen, dass es eigentlich zur Wiesnzeit normal sein sollte, dass Leute in Tracht öfter mal nach dem Weg zur nächsten Station fragen. Stattdessen ernteten wir abschätzige Blicke, als wir ein älteres Paar nach dem Weg fragten und uns damit augenscheinlich als Touristen outeten. Und dann trugen wir auch noch Dirndl und Lederhose, als wäre das ein Verbrechen als Nicht-Münchner/Bayer. Der Mann antworte nur mit einer genervten Kopfbewegung in die Richtung, in die wir gehen mussten.

Was man aber der Münchner Wiesn lassen muss: Sie wissen genauso wie in Issum, wie man richtig feiert. Das kommt in den Bierzelten definitiv nämlich nicht zu kurz. Ob in München oder Issum, irgendwann stehen alle auf den Bänken, Arm in Arm mit seinen Nachbarn und grölen im Einklang mit der Band einen Wiesn-Hit nach dem anderen mit.

In der Redaktion wurde ich nach meinem ersten Wiesn-Besuch gefragt, wie ich es denn fand. Die Wiesn in München ist einen Besuch wert, um einmal erlebt zu haben, in welchem Dimensionen dort gefeiert wird. Aber es ist einfach nicht dasselbe, wenn du nicht zuhause bist und alle Leute um dich herum kennst. Vielleicht komme ich irgendwann nochmal zur Münchner Version, aber das Oktoberfest in Issum wird trotzdem immer ein fester Bestandteil in meiner Terminplanung bleiben.

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