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Foto: Lucy Nicholson/Reuters

Sport ist mir eigentlich egal. Ich empfinde wenig bis gar nichts, wenn fremde Menschen einen Ball in ein Tor schießen, mit dem Auto im Kreis fahren oder einander ins Gesicht schlagen, bis einer umfällt. Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind für mich nichts weiter als ein Schaulaufen der Sponsoren, für die ein paar hundert Sportler vor der Kamera ein gedoptes Theater namens "Wettkampf" aufführen, während wenige Straßen weiter Panzer die Favela befrieden und zwanzig Stockwerke höher IOC-Funktionäre eine Koks-und-Nutten-Party schmeißen.

Wahrscheinlich würde ich an einem schlechten Tag sogar noch weiter gehen: Sport blendet die Probleme unserer Zeit aus, die realitäts-sedierten Fans gehen höchstens dann kollektiv auf die Straße, wenn "ihr" Team oder Land irgendwas gewonnen hat. Und der Sport holt damit im Menschen alles Schlechte hervor: Ignoranz, Chauvinismus, Nationalismus.  So sehe ich das.

Eigentlich. Denn trotz neuer Meldungen über gedopte Russen und ein demgegenüber gleichgültiges IOC hat meine Anti-Sport-Haltung Risse bekommen, ausgelöst durch ein Foto vom Beachvolleyballspiel Ägypten-Deutschland.

Es zeigt zwei Frauen beim Zweikampf am Netz, die rein äußerlich wohl kaum unterschiedlicher sein könnten: Links im Bild die Ägypterin Doaa Elghobashy in Leggins und Longsleeve, das Haar unter einem Kopftuch verborgen. Auf der anderen Seite die deutsche Kira Walkenhorst im Bikini, die braunen Haare zum Zopf gebunden, die Haut gleichmäßig braungebrannt.

Durch die rostige Brille eines Populisten, Fundamentalisten oder Ewiggestrigen sähe man Folgendes: Auf der einen Seite das "kleine Kopftuchmädchen", unterdrückt vom arabischen Mann, verdammt zu einem Leben zwischen Herd und Produktion neuer Kopftuchmädchen oder Terroristen. Ein bemitleidenswertes Wesen ohne Stimme und Freiheit. Auf der anderen Seite ein promiskuitives Luder, das mehr Haut zeigt als es bedeckt. Eine verwahrlostes westliches Sexobjekt, Schande für Mann und Familie, das Ehre und Anstand gegen lüsterne Blicke eingetauscht hat.

Was diese Sichtweisen auf die beiden Frauen hier aber  ins Leere laufen lässt ist, und genau hier endet meine Aversion: der Sport. Beide Frauen strahlen mit ihren Armen, ihrer Körperspannung und ihrer Konzentration eine ikonenhafte Kraft aus, die so augenscheinlich und unleugbar da ist, und allein dadurch jedes Vorurteil einer vermeintlichen Schwäche und Unterwürfigkeit gegenüber was auch immer vollkommen abprallen lässt. Wenn man mich bitten würde, das Wort "selbstbestimmt" zu bebildern, möglicherweise nähme ich dieses Foto. Zwei auf den ersten Blick konträre Lebensentwürfe aus unterschiedlichen Kulturkreisen stehen sich da gegenüber. Man kann, würde man denken, da selbst nur auf einer Seite stehen. Hier gut, da schlecht. Aber hier wird das durchlässig, weil beide Entwürfe selbstgewählt wirken. Und sich auf Augenhöhe begegnen. Im Spiel werden die Seiten gewechselt, hinterher wird man sich gratulieren. Zwischen den Spielerinnen steht ein passierbares Netz, keine Mauer.

 

Der Sport leugnet hier nicht die Realität, sondern zeigt sie in aller Deutlichkeit, Ambivalenz und Vielschichtigkeit. Er erzählt Geschichten von Respekt und internationaler Freundschaft. Plakativ und dramatisiert, klar. Aber eben auch sehr echt. Und das trotz Doping und Korruption, die ich weiterhin schlechtgelaunt kritisieren werde. Der Sport ist dabei aber nicht der Auslöser, sondern das Opfer. Ich werde in Zukunft wieder öfter einschalten.

 

 

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