20 lange Sekunden

Tokio, Tokio, Tokio. Die japanische Hauptstadt gilt in Europa immer noch, immer wieder und immer noch immer mehr als Ort der Faszination, des Wirren und Morgigen. Was immer aus Tokio kommt, scheint es, es wird dankbar aufgenommen, kopiert und fast ungeprüft abgefeiert. So auch das Präsentationsformat „Pecha Kucha“, das – nach Terminen in Tokio, Los Angeles, London, Zürich und Rotterdem – am letzten Mittwochabend in Berlin Deutschlandpremiere feierte.
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Drei, zwei, eins – die Show geht los. Es ist 20.20 Uhr, der Klub der Republik im Prenzlauer Berg ist zum Bersten gefüllt und alle starren auf das an die Seitwand projizierte Logo von Pecha Kucha Nights Berlin. Dann erscheint der erste Namen, Jean-Ulrick Desert, und sogleich das erste Bild. Jan-Ulrick Desert, ein auf Haiti geborener und in New York und Berlin lebender Künstler beginnt seinen Vortrag. 20 Bilder darf er zeigen, ein jedes wird genau 20 Sekunden zu sehen sein. Die Zeit läuft ab, wer sich verschätzt und zu viel sagen will, geht verloren, Zeit ist Inhalt und weniger mehr.

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Illustration: Julia Schubert

„Pecha Kucha“ ist Japanisch und bedeutet Tratsch oder Geplapper. Initiiert wurde diese Veranstaltung 2003 ursprünglich durch Klein Dytham Architects in Tokio und wurde sofort ein großer Erfolg - und folglich exportiert. Einmal im Monat luden die tokioter Architekten verschiedene Designer, Künstler, Handwerker, Modeschöpfer, Studenten und Unternehmer ein, ihre Gedanken, Pläne und Ideen vorzustellen. Für das Publikum springt im besten Falle ein abwechslungs- wie geistreicher Abend heraus, an dem in kürzester Zeit eine Vielfalt an Referenten vortragen und so ein unterhaltsames Sammelsurium an verschiedenen Formen der Kreativität zusammenbringen. Für die Vortragenden eröffnet sich die Möglichkeit, vor einem offenen, interessierten Publikum zu sprechen und die „6 ½ minutes of fame“ als Bühne zu nutzen und Werbung für sich und ihre Ideen zu machen. Das abschließende Feierabendbier bietet sich dabei auf fast schon widerliche Weise als Networkingmöglichkeit an.

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Illustration: Julia Schubert

Photo: jeanulrickdesert.com Jean-Ulrick Desert jedenfalls fängt einfach mal an, sagt er, und tut auch sofort genau das. Er stellt sich kurz vor und manövriert sich von da an auf Deutsch, Englisch und Französisch radebrechend durch seine 6 ½ Minuten im Scheinwerferlicht. Berichtet von seinem Burka-Projekt, bei der er aus der deutschen, britischen, französischen und US-amerikanischen Flaggen die bis auf einen Augenschlitz komplett verhüllende islamische Tracht nähe und in Berlin und New York ausstellte. Schnell geht es weiter zu seinem Projekt „Negerhosen 2000“, das im wesentlich darin bestand, dass Desert – selbst Schwarzer – in Lederhosen mit dem Zug durch Deutschland fuhr, seine Mitreisenden irritierte – und ins Gespräch kam. Kurzweilig und leichtfüßig manövriert sich Desert durch sein Schaffen und seinen Vortrag – was im Laufe des Abends leider nicht von allen Vortragenden behaupten kann.

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Illustration: Julia Schubert

Photo: Andreas Meichsner Der Nächste, Andreas Meichsner, bringt zwar recht sehenswerte Photographien aus einer holländischen Feriensiedlung mit, die stilistisch im Umfeld von Martin Parr einzuordnen sind, kann aber wenig begeisterndes dazu sagen. Die Filmemacherin Karin Kruse zeigt Photographien rund um einen Cowboy-Dandy aus Los Angeles, beschränkt ihren Vortrag aber vollständig darauf, die gezeigten Bilder zu beschreiben; eine Designerin stellt über geschlagene 20 Bilder einen Messestand für einen japanischen Comicverlag vor; allein der Vortrag eines Berliner Journalisten über den deutsch-japanischen Kunst- und Kulturaustausch und seine Missverständnisse und die Präsentation des in Berlin lebenden, niederländischen Künstlers Iepe über Schachboxer lassen ein Händchen für Unterhaltung erkennen, darüber hinaus hält sich die Begeisterung in Grenzen. Viel mehr stellt sich ein Urlaub-Dia-Abend-Effekt ein. Das Publikum sitzt geduldig, aber leidend vor den Bildern während die Vortragenden intuitiv improvisieren: „Und da sieht man uns jetzt vor der Akropolis, da links war dann so ein andere Gebäude.“ Nur, dass bei Pecha Kucha über Design, Kunst und Mode gesprochen wird. Kurzum, 20 Sekunden sind ein Tag, wenn eine Referent nicht im Ansatz in der Lage ist, mehr zu sagen, als das Bild selbst zu beschreiben oder versucht, Unwissen und unreichende Vorbereitung als Konzept des Scheitern zu verkaufen, wie die der Geschäftsführer einer heimischen Brillenmanufaktur zu tun versuchte. Ein langweiliger Vortrag bleibt ein langweiliger Vortrag und somit vertane Zeit. Auch wenn alle 20 Sekunden das Bild wechselt. Und ja: auch wenn das Konzept dazu aus Tokio kommt. Die nächste Berliner Pecha Kucha Night findet am 7. Juli um 19 Uhr im Platoon in der Weinmeisterstraße 3 statt; präsentiert wird ab 20.20 Uhr. Der Eintritt kostet 3 Euro. Den Vortrag von Jan-Ulrick Desert kann man sich als Video ansehen.

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