Allein im Humorseminar: Lustig sein mit Wladimir Kaminer

Unser Autor hat am Wochenende ein Seminar für lustige Literatur in Leipzig besucht. Ein Erfahrungsbericht
florian-lamp

Ein Seminar zum Thema "Humor in der Literatur", veranstaltet von der in Leipzig, Seminarleiter Wladimir Kaminer. Das klingt doch ganz nett. Alle Kurs-Teilnehmer sollen eigene humorvolle Geschichten einreichen, die dann samstags und am Ostersonntag zusammen mit Herrn Kaminer und dem Gründer der Text-Manufaktur, André Hille, diskutiert werden.

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Illustration: Julia Schubert

Seminarleiter André Hille mit Humortrainer Kaminer, Foto: Lamp Anfang der Woche finde ich in meinen Mails den Reader mit allen Texten der Konkurrenz, kann aber kaum messbare Spuren von Humor, Witz oder wenigstens Witzigkeit aufspüren. Erste Zweifel kommen auf: Was sind das für Leute, mit denen ich da im Leipziger Stadtteil Plagwitz Ostern verbringen werde? Sind die witziger als ihre Texte? Oder schließt das Thema „Humor in der Literatur“ auch die Texte nicht aus, in denen Humor explizit mangelt? In der Leipziger Baumwollspinnerei residiert die Text-Manufaktur André Hilles – eine Textwerkstatt, in der u. a. bekannte Autoren wie Franziska Gerstenberg oder auch Lektoren großer Verlage wie Aufbau von Auge zu Auge mit Amateur-Autoren arbeiten. Wladimir Kaminer freut sich auf dem Weg in den Seminar-Raum: „Es ist schön, dass hier vor 100 Jahren Stoff gesponnen wurde und jetzt dasselbe wieder im Seminar hier stattfindet.“ Es fällt auf, dass das Seminar zum Großteil von älteren Menschen besucht ist. Genauer gesagt, sitzen hier fünf Mindestensmittfünfziger in der Runde, dazu ca. sieben Anfang/Mitte-Vierziger, ein Mann, der Mitte-Ende-30 zu sein scheint und ich mit meinen 32 Jahren. Positiv ist: Ich habe mich noch nie so jung gefühlt. Negativ: Ich habe mich selten so allein gefühlt. Zum Anfang des Seminars gibt André Hille einen kurzen Überblick über die verschiedenen Spielarten des Humors in der Literatur. In einem Tafelbild stellt er alles grafisch da, vom Sarkasmus zur Ironie über die Pointe, das Stärke-Schwäche-Spiel, die Glosse und den Running Gag und da - es hat noch niemand der Anwesenden einen seiner Texte laut vorgelesen - da fällt mir der Fehler im System auf: Das Problem des deutschen Humors ist, dass er sich in einem Schaubild erklären lässt. Schon in der Vorstellungsrunde bin ich bald fassungslos. Die Menschen berichten, dass sie bei Zuschussverlagen ein Vermögen verloren haben, erzählen von der Veröffentlichung eines "Berlin-Krimis" oder geben preis, dass sie als Studienräte arbeiten (die dann wiederum sexistische "Der-geile-unlustige-Lehrer-fährt-voll-auf-die-Praktikantin-ab"-Texte schreiben). Zwischendrin sitzt ein angeblicher Titanic-Mitarbeiter, der ein T-Shirt, bedruckt mit Gewürznamen, Metal-Bands und Musikgenres trägt und das bestimmt voll crazy und lustig findet. Dann geht es los mit der Lesung. Text 1 ist schlimm, Text 2 wird schlimmer und stammt von einem Studienrat, Text 3 ... ein Text über eine unsympathische, hessisch babbelnde Greisin. Herr Kaminer gibt zu, dass er diesen Text nicht verstanden hat und die Autorin erklärt vorab, warum alles in Schrifthessisch da steht: "Ich hab auch eine hochdeutsche Fassung geschrieben, aber dann war das irgendwie gar nicht mehr lustig. Aber ich wollte den Text schon unbedingt vorlesen, denn meine Freunde haben alle gesagt: Des iss so lustisch! Des musste dem Kaminer mitbringe!" Ich bin entsetzt, aber irgendwie stehe ich ziemlich alleine mit meiner negativen Meinung. Mehrere andere Autoren loben, dies sei der mit Abstand lustigste Text im gesamten Reader gewesen, wie genau doch das Milieu des hessischen Waschweibs getroffen sei, wie herrlich beobachtet und wie unglaublich lustig auch gerade der Dialekt wirke. Gebauchpinselt erzählt die Autorin, ihre Texte über dieses Waschweib würden mittlerweile im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Radio-Comedy gesendet. Mir wird kurz schlecht, aber ich kann mich sammeln. Schließlich bin ich der nächste, der vorträgt. Eine Geschichte um einen Aufsichtsratsvorsitzenden, der morgens aufwacht und ein Pferd ist, der sich dann aber keine größeren Gedanken macht, sondern einzig und alleine seinen Pferdegeruch lästig findet. Ein Fehler, wie mir vorgeworfen wird. Wenn er doch ein Pferd sei, dann könne er doch gar nicht mehr riechen, dass er nach Pferd rieche? Ich unterdrücke die Frage, ob die Dame, die das weiß, schon einmal ein Pferd gewesen sei und höre mir weitere Verbesserungsvorschläge und Kritikpunkte an. Die Geschichte sei zu lang, sich mit Kafka zu messen, sei größenwahnsinnig und überhaupt sei dieser Text kein bisschen komisch. Hille und Kaminer geben freundliche Ratschläge, wie aus der Geschichte doch noch bzw. überhaupt etwas anderes zu machen sei und nach einer guten halben Stunde kommt der nächste Autor an die Reihe. So geht es bis Sonntag um 16 Uhr weiter. Die Texte sind allesamt nicht komisch oder humorvoll, die unkomischsten Texte finden die meisten Anhänger (vgl. Mario Barth). Die Protagonisten tragen per se lustige Namen (Metzger Bumm oder Frau von Bromhagen); es gibt dröge Imitationen von Heinz Strunk, die vom Autor selbst und ernsthaft als „Buntes Potpourri an Kuriositäten“ bezeichnet werden, Machofantasien, die Frauen geschrieben haben und Frauenfantasien von Machos, einen komischen Krimi um eine Kommissarin namens Robina und ihren Sidekick Schulze-Diependorf ... es ist im Kopf nicht auszuhalten. Wladimir Kaminer gibt sich diplomatisch, versucht, bei jedem Text Positives hervorzuheben, gibt Anekdoten aus seinem eigenen Leben zum Besten und Anregungen, wie man an den vorgelesenen Texten weiterarbeiten könnte. Interessant ist am zweiten Tag eigentlich nicht mehr die Textkritik, sondern vielmehr die Menschen an und für sich, die dort mit mir an einem runden Tisch sitzen. Der einsame Autist, der schon einmal ein Lachseminar besucht hat („Eine körperliche Erfahrung!“), zweimal in seinem Leben nach Frankreich fuhr und jedes Mal von den Zöllnern an der Grenze dazu gezwungen wurde, sich nackt auszuziehen, der biestige Studienrat kurz vor der Pensionierung, die Frau des Mathelehrers, die einen humorvollen Roman über die Unruhen in Tibet geschrieben hat, die Komödienschreiberin, die „schon lange humorvolle Texte schreibt, weil sie ein so trauriges Leben hatte“, die ehemalige Drehbuchautorin, die jeden zweiten Satz mit „Ich hab mal irgendwo gelesen / im Fernsehen gesehen / gehört“ beginnt. Meine Freundin sitzt derweil auf meinem Balkon, isst Würstchen und trinkt Bier. Irgendwie sind alle diese Leute tragische Gestalten – tragische Gestalten, die wie jeder, der schreibt, darauf hoffen, mit ihren Geschichten von einem großen Verlag entdeckt zu werden, veröffentlicht zu werden, vom Schreiben leben zu können. Mit dieser Tragik sind sie in der Philosophie Kaminers allerdings per se auch schon wieder lustig, denn eine Komödie ist seiner Meinung nach nur eine gelungene Tragödie und eine Tragödie eine mißlungene Komödie. Zu seinem ersten Autorenvertrag sei er mehr oder weniger durch Glück gekommen. Eine Agentin habe ihn nach einer Lesung angesprochen. Und so bleibt allen Teilnehmern des Seminars „Humor in der Literatur“ nur der schwache Trost aus dem Mund eines Bestseller-Autoren: „Was ist schon Glück? Ein flüchtiger Moment! Unglück hingegen ist dauerhaft, denn Unglück ist Arbeit!“

Text: florian-lamp - Cover: Photocase/elena anna rieser

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