Wenn Gengis Ademoski vor die Tür geht, ist Manhattan weit weg. Die Riegelsbergerstraße in Saarbrücken-Malstatt: ein so genannter sozialer Brennpunkt. Hier wohnt die Arbeitslosigkeit. Klein-Moskau nennen sie die Gegend. Ein paar Straßen weiter ist die Tosa-Klause, die im Mordfall Pascal traurige Berühmtheit erlangte. Gengis bleibt nicht in seinem Viertel, er geht entweder runter in die Fußgängerzone oder in die "Kufa". Dort, in der Disco KUlturFAbrik am Rangierbahnhof, heißt Gengis dann nur noch Lil Ceng - und ist einer der weltbesten Breakdancer. Dass er noch nicht die Nummer eins ist, wurde ihm in New Yorks Glitzerwelt klar: Bei der inoffiziellen Breakdance-Weltmeisterschaft in Manhattan flog Gengis alias Lil Ceng in der ersten Runde raus. Bitter, aber kein Beinbruch. Ein paar Tage New York hat er sich noch gegönnt, und dann steht auch schon bald die nächste Tournee an. Mit dem Breakdance ist der Vollprofi Lil Ceng schon ordentlich in der Welt herumgekommen. Dabei ist er gerade erst 18.

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Lil Ceng im New Yorker Untergrund. Breakdance - die Mutter aller Straßentänze und doch ein irgendwie in Vergessenheit geratenes Phänomen. Vor fast 40 Jahren in der South Bronx entstanden, als eine sportliche Variante der Ghetto-Gangs, ihre Konflikte auszutragen, in Form einer Dance Battle. In Verbund mit dem Hip-Hop entstand zunächst ein gewaltiger Boom. Doch wer heute durch die Bronx, Haarlem oder Brooklyn läuft, begegnet kaum B-Boys - höchstens am Times Square, als dollarheischendes Touristenspektakel. Ein paar Blocks weiter südlich Richtung Madison Square Garden stauen sich jedoch Ende November die Fans: 1500 Hiphopper drängen in das altehrwürdige Theater Hammerstein Ballroom, wo die 16 besten B-Boys gegeneinander antreten. Auf der weltbekannten Bühne marschieren nun die Juroren auf, nicht ohne selbst ein paar sehr beachtliche Moves hinzulegen. Einer drückt sich nach einer Rolle rückwärts über den Kopf in den Stand. Es folgen die Breakdance-Kombattanten. Sie tragen Namen wie Cloud, Flying Buddha, Wing oder Punisher und kommen aus den USA, der Ukraine, Korea, Japan, Brasilien, Russland, Portugal, Frankreich - und aus Saarbrücken-Malstatt. Eigentlich stammt Lil Ceng aus Mazedonien. "Ich weiß aber gar nicht, wie der Ort genau heißt", erzählt der 18-Jährige. Die Familie wandert aus und landet im Saarland. Bewegung hat Lil Ceng schon immer im Blut gelegen, sagt er: "Mein Bruder und ich sind immer schon über Sachen gesprungen, haben Handstand gemacht, Fußball gespielt, einfach alles versucht, ach quatsch: Wir haben einfach alles gemacht." Ein Cousin nimmt die Brüder einmal zu einem Tänzer mit - und dann geht es so richtig los. Regelmäßig treten sie nun in der Bahnhofstraße auf, in der Fußgängerzone. Lil Ceng ist erst zehn, die Mutter eher besorgt als begeistert. Egal, die Brüder tanzen weiter, bestreiten die ersten Wettkämpfe. Schon bald ist Ceng eine große Nummer in der deutschen Szene. Die Berliner Breakdance-Truppe Flying Steps, die auch bei der Eröffnungsfeier zur Fußball-WM 2006 zu bestaunen war, wird auf ihn aufmerksam und baut ihn schließlich in ihr Show-Programm ein. Lil Ceng ist jetzt Profi, hat gerade den Hauptschulabschluss gemacht, lebt mit den B-Boy-Kumpels in einer WG in der Charlottenburger Kantstraße und tourt durch die Welt: Brasilien, Korea, Irland, Kanada. Mit 15. Jetzt also New York. Die Stadt, in der alles begann. Ceng hat sich riesig gefreut, hat so hart trainert wie nie zuvor, ein paar Stunden jeden Tag in der Tanz-Akademie am Tempelhofer Ufer. "Da bleibt keine Zeit mehr für die Straße. Das ist ein ganz anderes Training, sehr viel konzentrierter", erzählt er. Wer ihm zusieht, versteht das. Cengs Spezialität sind Powermoves, dem Kunstturnen entlehnte Artistik-Elemente, vorgetragen mit einem Tempo und einer Dynamik, gegen die Moonwalker Michael Jackson wie ein braver Kindergärtner wirkt. Oder die Air Flares: Ceng, 1,68 Meter klein und 60 Kilo leicht, stützt sich auf einer Hand am Boden ab und schwingt die Beine scheinbar schwerelos durch die Luft. Für Normalsterbliche sind diese gefühlten 47 Moves in drei Sekunden kaum noch wahrnehmbar, aber natürlich auch abgestimmt auf die Musik im Wettkampf. Zum dritten Mal schon nimmt Lil Ceng an der inoffiziellen Weltmeisterschaft teil; beim letzten Mal war er bis ins Halbfinale gekommen - jetzt will er mehr. Und das ist dann wohl das Problem.

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Lil Ceng auf der Bühne Wie ein Derwisch legt Ceng in seinem ersten Battle genannten Zweikampf los - und überpowert dabei. Das Tänzerische, das flüssige Verbinden verschiedener Flips und Schritte, kommt zu kurz. Sein Gegner kommt dem Ideal des Breakdancers näher: mit dem Körper ein Bild auf die Tanzfläche malen. Das ist das Ziel. Ceng scheitert daran, er ist raus, aus der Traum. Er bekommt kaum noch etwas mit, nicht die Ur-Hip-Hopper der Rock Steady Crew, und auch fast nicht das Finale: sein französischer Kumpel Lilou gegen den US-Boy Cloud, der vier Jahre lang zum Tänzer-Team von Madonna gehörte. Lilou gewinnt - ein Typ, der so gar nicht nach Hip Hop aussieht, sondern eher wie der biedere Fabian Hambüchen: Brille, kaum noch Haare auf dem Kopf, schwarze Kniestrümpfe, blaue Trainingshose, weißes T-Shirt mit der Aufschrift "I'm a muslim - don't panic!" Er stammt aus Algerien. Es dauert eine Weile bis sich Lil Ceng gefangen hat. Bis er sich wieder freuen kann an der After Show Party, an der Stadt und ihren Clubs: der M2 Ultra Lounge in der 28. Straße, dem Pink Elephant in Chelsea, dem Cielo im Meatpacking District oder dem 40/40 Club von Jay Z beim Flatiron Building. Wenn er so von Manhattan schwärmt, wirkt der junge Mann mit der Gelfrisur und dem extradicken Deko-Schal fast doch wieder wie ein kleiner Junge in der großen Stadt. Saarbrücken und die "Kufa" mit dem Hip Hop Saturday, zwei Euro Mindestverzehr und der Bier-Happy- Hour "zwischen 21 und 23 Uhr ("Alle Biere 1 Euro"), all das ist ganz schön weit weg. Und Gengis Ademoski heißt Lil Ceng dann erst wieder in Malstatt, in der Riegelsbergerstraße. Das nächste Projekt der Flying Steps in Berlin trägt den Titel "Flying Bach" und soll "Fette Moves im Wohltemperierten Klavier" bringen.