Außenpolitik in jung?

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Es ist Sonntagnachmittag um kurz vor drei, als Nicki Weber, 24, den Münchner US-Generalkonsul William E. Moeller zur NSA-Affäre ausfragt. Jemand aus dem Publikum hatte gefragt, inwiefern die US-Regierung denn sicherstellen könnte, dass die von der NSA erhobenen Daten nur zur Terrorabwehr genutzt werden. Moeller, der gerade eben erst aus der Münchner Sicherheitskonferenz im Bayerischen Hof gekommen ist, windet sich raus. Das mit Angela Merkels Handy sei natürlich ein Fehler gewesen, andere Geheimdienste würden aber mit Sicherheit schlechter mit ihren Daten umgehen. "Wir sind geprägt von 9/11", sagt Moeller immer wieder und dann einmal "Ich werde gut bezahlt um optimistisch zu sein." Lachen im Publikum, später wird jemand sagen: "Na ja, was soll man auch erwarten, wir sind hier im Amerika Haus und er kann als Generalkonsul natürlich auch nicht mehr sagen als seine Regierung."

Rund 30 junge Leute folgen der Diskussion, die Nicki da vorne auf dem Podium in der amerikanischen Kulturstätte am Münchner Karolinenplatz moderiert. Mit ihm sitzen noch Dr. Gunther Schmid, ehemaliger Professor für Sicherheitspolitik und der Journalist Thomas Wiegold, der 2012 die geplante Lieferung deutscher Panzer nach Saudi Arabien aufdeckte, auf der Bühne. Die Gäste tragen alle Anzüge, schließlich waren sie bis eben noch auf der Sicherheitskonferenz. Aber auch im Publikum sind vermehrt Jacketts, Krawatten und Blusen zu sehen, also nicht gerade das Outfit, das Studenten tragen deren größte intellektuelle Herausforderung heute Abend das Erraten des Mörders beim "Tatort" sein wird. Denn die Zuschauer hier engagieren sich alle im Jungen Forum der Gesellschaft für Außenpolitik, einem parteiübergreifenden Verein, der mittlerweile rund 160 Mitglieder unter 35 Jahren hat. Das ist insofern beachtlich, als dass Politik ja immer noch als schwer vermittelbares Thema gilt, insbesondere für junge Menschen und noch mehr an einem eigentlich freien Sonntagnachmittag.

Über fehlenden Andrang kann sich das Junge Forum nicht beklagen: "Natürlich haben wir schon viele Mitglieder aus geisteswissenschaftlichen Studiengängen wie Politikwissenschaft, es gibt bei uns aber auch Ingenieure und Mathematiker", erzählt Susanne Biechl aus dem Vorstand des Jungen Forums. Die 24-Jährige hat gerade ihr Studium an der Münchner Hochschule für Politik abgeschlossen, demnächst startet sie in ihren ersten Job. Sie ist sich bewusst, dass die heutige Veranstaltung für die Teilnehmer anstrengend ist: Um 9.45 Uhr begann das Public Viewing der Münchner Sicherheitskonferenz live aus dem Bayerischen Hof. Thema eins: die Zukunft des Nahen Ostens. Zwei Stunden später dann die Übertragung der mit viel Spannung erwarteten Diskussion mit dem iranischen Außenminister. Und nun noch die Podiumsdiskussion, die ihr Kollege Nicki aus dem Vorstand moderiert. Susanne sagt dazu: "Man ist es mittlerweile gewöhnt, politische Informationen durch Medien gebündelt präsentiert zu bekommen. Dabei ist Politik doch auch etwas Zwischenmenschliches." Das Junge Forum organisiert deshalb regelmäßig Veranstaltungen mit prominenten Politikern oder Experten und auch privat wird weiter diskutiert. "Vor der Sicherheitskonferenz haben zwei von uns einem Radiosender ein Interview gegeben und der eine war sehr kritisch gegenüber der Konferenz, während der andere sie eher verteidigt hat", erzählt Susanne. "Genau das macht ja unser parteiübergreifendes Konzept auch spannend."

Nicki Weber (r.) im Gespräch mit dem Münchner US-Generalkonsul am Sonntag

Ihr Kollege Simon sieht das ähnlich. Er sagt von sich selbst, er sei "eher CSU-nah", etwas, das gewiss nicht auf alle Mitglieder des Jungen Forums zutrifft. Momentan studiert er Politik und VWL, für die Zeit nach dem Abschluss könnte er sich aber eine Diplomatenlaufbahn vorstellen. "Oder als Militärattaché", sagt der 23-Jährige. Obwohl er letzte Nacht erst um halb vier im Bett war, ist er heute morgen für die Übertragung ins Amerika Haus gekommen. "Aus Interesse an den Referenten und weil ich ein Fan von der Sicherheitskonferenz bin. Was da diskutiert wird, hat Weltklasse", sagt Simon. Als Netzwerk zum Kontakteknüpfen will er das Junge Forum allerdings nicht hauptsächlich sehen: "Das machen sicher auch Mitglieder, aber viele planen gar keine Karriere im außenpolitischen Bereich", sagt er.

Das trifft zum Beispiel auf Nicki, den Moderator der Podiumsdiskussion, zu. Eigentlich überlegt er, nach dem Studium als Journalist zu arbeiten. "Bisher bin ich mit dem Studium und der Arbeit beim Jungen Forum allerdings noch nicht so viel zum Schreiben gekommen", erzählt er. Dabei ist das Junge Forum sicher eine perfekte Übung für diesen Job: Stellt Nicki auf dem Podium jemandem eine Frage, wollen die anderen auch noch "nur noch einen Satz" dazu sagen, der sich dann meistens als zehn Sätze entpuppt. Gleichzeitig ist er hier aber auch so nah am außenpolitischen Geschehen, wie sonst wenige in seinem Alter. Dr. Gunther Schmid, der frühere Professor für Sicherheitspolitik, erzählt ihm zum Beispiel, dass es einen Interessenskonflikt zwischen den Sponsoren der Sicherheitskonferenz und deren Teilnehmern gebe und warum die Europawahl eine Katastrophe werden könne. Thomas Wiegold, der Journalist, erklärt warum ein No-Spy-Abkommen nicht öffentlich diskutiert werden kann. Dazwischen immer wieder der US-Generalkonsul, der das Publikum regelmäßig zum Lachen bringt, aber wenig Konkretes sagt.

Nach zwei Stunden sind alle Teilnehmer sichtlich erschöpft, das Bild von den vier europäischen Verteidigungsministerinnen ist in dieser Zeit gefühlte 300 Mal über die Tweet-Wall über den Köpfen der Diskutierenden gelaufen. Es gibt noch Semmeln, viele gehen allerdings direkt nach Hause. Für Nicki und seine Kollegen geht die Arbeit allerdings direkt weiter: Für Mitte Februar ist ein Treffen mit dem französischen Generalkonsul geplant, danach steht das Riesenprojekt Europawahl an. "Dazu wollen wir gerne ein Panel organisieren, allerdings wird es kompliziert, im Wahlkampf Vertreter von jeder Partei zu organisieren", sagt Nicki. Und das, obwohl Europa als eines der am schwierigsten zu vermittelnden politischen Themen gilt. Das Junge Forum wird trotzdem darüber diskutieren. Irgendjemand muss es ja tun.



Text: charlotte-haunhorst - CC BY 2.0

  • teilen
  • schließen