Böse Welt, mach deine Hausaufgaben: Naomi Klein stellt ein Buch vor

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Für die Fotos setzt Naomi Klein die Brille ab. Sieht noch besser aus als mit. Ein Lichtgewitter blitzt kurz, aber nur kurz, denn schließlich geht es hier um Inhalte und nicht um Äußerliches. Ist schließlich kein Modell, die junge Frau. Auch, wenn sie wirklich gut aussieht. Naomi Klein ist Journalistin und wurde von der Londoner „Times“ mal zur „wohl einflussreichsten Person unter 35 Jahren“ erklärt. Das war vor sieben Jahren. Naomi Klein war damals gerade 30 Jahre alt und hatte eines der wichtigsten Bücher einer neuen kritischen Generation geschrieben: „No Logo!“ Das Buch wurde zu einer „Bibel der Globalisierungskritiker“ und Klein zur Jeanne d’Arc der Bewegung. Mittlerweile ist Klein selbst eine Art Logo geworden und stellt im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin-Mitte ihr neuestes Werk vor: „Die Schock-Strategie“.

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Illustration: Julia Schubert

Jeanne d’Arc der Globalisierungkritiker: Naomi Klein Bild: Reuters Das Publikum sieht nicht besonders globalisierungskritisch, sondern very Dussmann-like aus: herb dreinblickende Damen um die 50 in herbstfarbenen Kleidern, dazwischen sogar ein junger Mann mit Barbour-Jacke, viele Journalisten und doch ja, da vorne sitzen tatsächlich ein paar junge Leute auf dem Boden im Schneidersitz. Journalist Johannes Kaiser behauptet zu Beginn tatsächlich, dieser 600-Seiten-Schinken hätte ihn ganze drei Abende gekostet. Angeber. Naomis Brille sitzt inzwischen wieder auf ihrer Nase. Kurz fragt man sich, ob ihr Blazer wohl von H&M sei, schiebt die Frage aber schnell auf den eigenen Anti-Reflex. Pfui. Tut schließlich auch nichts zur Sache. In „Die Schock-Strategie“ geht es um mehr. Um den Neoliberalismus und wie dieser auf der Welt verbreitet wird. „Katastrophen-Kapitalismus“ nennt Klein die Art des Westens, insbesondere der USA, zuerst eine Katastrophe herbeizuführen, um dann ganze Regionen nach neokapitalistischen Maßstäben umzuformen. Diese kollektiven ökonomischen Schocks, so Klein, ähnelten Foltertechniken, die die CIA anwende: Das Opfer wird zu Tode verängstigt, bis es sich schließlich in einem kindlichen Zustand zurück falle. In diesem Stadium nehme es seinen Peiniger als Vaterfigur wahr und akzeptiere bereitwillig jeden seiner Befehle. Folterknecht ist gleich freier Markt. Eingeschossen hat sie sich dabei besonders auf den Nobelpreisträger Milton Friedman und dessen Chicagoer Schule des Monetarismus. „Monster“ nannte sie ihn einmal in einem Interview. Um ihre Thesen zu belegen, hat Klein für „Die Schock-Strategie“ einen ganzen Stab an Forschern und Dokumentaren angeheuert. „Das ist keine Verschwörungstheorie“, sagt sie „Jede meiner Behauptungen ist mit Fakten untermauert.“ Immerhin, da kann Michael Moore auch noch etwas lernen. Fünf Fragen stellt Journalist Kaiser in diesen anderthalb Stunden. Zu jeder hält Klein ein kleines Referat von 15 Minuten Länge, welches die Dolmetscherin dann übersetzt. Nichts Neues dabei, aber alles unter einem Blickwinkel geordnet. 40 Jahre blutiger Kapitalismus: vom Mord an Allende in Chile 1973 über Thatchers Falkland-Krieg und die Hinterhofpolitik der USA in Lateinamerika bis zum Irakkrieg 2003. Überall dasselbe Muster: Nach der Zerstörung folgt der Wiederaufbau, und der ist gnadenlos und neoliberal. In der ersten Reihe sitzt ein schmallippiger Herr mit herunter hängenden Mundwinkeln, der aus dem Nicken gar nicht mehr herauskommt: „Halliburton“. Nick. „Festung Europa“ Nicknick. „Bush, Privatisierung, Krieg“. Nicknicknick. Böse Welt. Gegen Ende sagt Klein dann noch einen Satz, bei dem einen die eingangs unterdrückte Frage wieder einfällt. Auch die Dussmann-Gruppe, Vermarkter ihres Buches, müsse sie an dieser Stelle kritisieren. Die sei nämlich auch in der Sicherheitstechnik tätig und dick im Geschäft wenn es darum geht, illegale Einwanderer aus Europa fernzuhalten. Aber das ginge sie jetzt nichts mehr an, da müssten die „Europäer ihre eigenen Hausaufgaben machen“. Das Publikum applaudiert. Und genau an dieser Stelle offenbart sich die ganze Schizophrenie der Globalisierungskritik. Naomi Kleins Buch „Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ kostet 22,90 Euro.

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