Brandschutztüren von Biedermann

Im Orwo-Haus in Berlin proben 400 Musiker. Als sie rausfliegen sollten, haben sie gekämpft – und gewonnen.
klaus-raab

Auf dem Dach des siebenstöckigen Plattenbaus steht in großen weißen Leuchtbuchstaben das Wort „Musikfabrik“. Es ist nur eine Fotomontage – aber es ist auch Vision. Dann aber gibt es da noch die Realität. In der hängt vorne am Haus, zur mehrspurigen Landsberger Allee hin, ein großes vom Verkehr verrußtes Plakat eines Elektromarktes, der mit Sparpreisen wirbt. Das Orwo-Haus steht in der Straße 13 in Berlin, nahe der S-Bahn-Haltestelle Marzahn. Was Marzahn betrifft: Die Berliner Band Die Ärzte hat einmal einen Song geschrieben namens „Mit dem Schwert nach Polen, warum, René?“, einen Song über einen chancenlosen Verlierer. René kam aus Marzahn. „Das ist ziemlich hart“, sangen Die Ärzte. Das also ist Marzahn. Und die Straße 13 gehört wahrscheinlich zu den abgetakeltsten im Bezirk. Sie ist 400 Meter lang, eine Sackgasse, darin: ein Aldi, riesige überirdisch verlaufende Silberrohre, einige Industriegebäude und genug Baustellenfahrzeuge, um die ganze Straße in drei Tagen durchzupflügen und neu zu bauen. Am Ende der Straße, Hausnummer 19-20: das Orwo-Haus. Die Mieter sagen, das Haus sei „Berlins lauteste Platte“. In 80 Proberäumen üben hier 120 Bands mit 400 Musiker. Auch die Band Silbermond, die dieses Jahr einen Echo gewann, hat hier einen Raum. So viele Musiker auf einem Haufen, das sei einmalig, sagt Andreas Otto. Er ist Anfang 20, Schlagzeuger bei der Band Dropped, die im Haus probt. Einmalig in Berlin? Andreas sagt: „Wir wissen von nichts Vergleichbarem in ganz Europa.“ „Es geht nicht nur um Orwo, es geht auch um dich.“ Dafür, dass dieses einzigartige Haus bleiben darf, haben er und die 399 anderen gekämpft. Denn Andreas ist nicht nur Schlagzeuger, er ist auch der Sprecher des Orwo-Hauses. Sie brauchten einen Sprecher, als sie rausfliegen sollten. Otto kann gut reden, er war der Richtige. Zusammen mit ein paar anderen hat er Unterstützung organisiert, aus der Musikbranche und von Politikern. Der Kultursenator, Thomas Flierl von der PDS, schaltete sich ein, sogar Bundespräsident Horst Köhler wollte kommen. Er kam dann doch nicht, zu viele Termine, aber er hat einen Brief geschrieben, in dem stand, dass er Jugendarbeit, wie sie da geleistet werde, für „so wichtig“ halte. Die Bands Papptiger, Groovepool und DOmi schrieben Songs, in denen es heißt: „Es geht nicht nur um Orwo, es geht auch um dich.“ Oder: „Vielen Dank auch an die TLG, ihr werdet schon sehen, wie weit die Leute hier im Orwo-Haus gehen.“ Die TLG hat es gesehen und vor allem gehört. Die TLG ist die Treuhand Liegenschaftsgesellschaft mbH, und sie war die Eigentümerin des Hauses. 2004 kündigte sie wegen Brandschutzmängeln die Mietverträge. 20 der Musiker besetzten daraufhin im Juli das Haus. Die TLG zäunte das Orwo-Haus mit Maschendraht ein, so dass niemand mehr rein konnte. Die Musiker gaben daraufhin ein Überraschungskonzert, direkt vor dem Büro der TLG. In der Zeitung stand: „Rache ist laut.“ Aber sie haben nicht nur geschrieben und gelärmt. Sie haben auch den ganzen formalen Kram durchgezogen: einen Verein gegründet, sich mit Rechten auseinandergesetzt, ein Betreiber- und Finanzierungskonzept erstellt und PR-Arbeit gemacht. Am Ende, am 30. April 2005, hat der neue Orwo-Haus-Verein dann tatsächlich das Haus gekauft. 340 000 Euro müssen sie innerhalb von neun Monaten abbezahlen und zahlreiche Sicherheitsauflagen erfüllen. Sie sind gut dabei. Die Sängerin Jeanette Biedermann gab ein Konzert, aus dessen Erlös 20 Brandschutztüren gekauft wurden. Biedermann probt selbst in dem Haus, wenn sie in Berlin ist. Udo Lindenberg kam zur Unterstützung vorbei, und entdeckte dabei die Orwo-Gruppen Fugalo und Papptiger als Vorbands. Er empfahl: „Echt cool hier, lasst euch nicht unterkriegen!“ Wenn Wände husten könnten Jetzt fehlt noch etwa eine halbe Million Euro, um das Haus zu restaurieren. Vielleicht auch mehr. „Wir rauchen eure Hilfe“, steht daher auf einem Schild am Eingang. Das b von brauchen hat jemand weggenommen. Jeden Samstag treffen sie sich nun um 14 Uhr zur Aktion „Pimp my Orwo-Haus“. Zusätzlich zur teurer gewordenen Miete übernehmen die Musiker Arbeitsschichten und Wachdienste. Suchen Handwerker, Ingenieure und Grafiker, die zum Lohn Teil der Hausgemeinschaft werden können. Zu tun gibt es noch genug: Von den Decken hängen nicht angeschlossene Kabel, Steinfliesen liegen im Treppenhaus. Es ist staubig, und wenn Wände reden könnten, müssten sie erst einmal husten. Danach käme eine lange Geschichte. Kurzfassung: Die DDR-Firma „Original Wolfen“ – oder eben „Orwo“ – stellte hier Filmmaterial und Fotopapier her. Von der Wende bis 1998 stand das Haus leer. Dann bezogen die ersten Musiker Proberäume und immer mehr kamen dazu. Am vorläufigen Ende der Geschichte haben sie den Kampf um das Orwo-Haus gewonnen. Sie haben auch ein Symbol gefunden für diesen Kampf: den Musiker Frank Zappa. Im August hat der Verein einen Antrag auf Umbenennung der tristen grauen Industriestraße namens Straße 13, in der das Orwo-Haus steht, in Frank-Zappa-Straße gestellt. Der Ausschuss des Bezirks Marzahn-Hellersdorf hat ihn bewilligt. 2006 wird nun die weltweit erste Frank-Zappa-Straße eingeweiht. „Die Nachricht ging um die ganze Welt, sogar in Australien wurde darüber berichtet“, sagt Andreas Otto. „Wenn die wüssten, wie die Straße aussieht.“ Die Frage ist nur: Warum Frank-Zappa- und nicht, zum Beispiel, Kurt-Cobain-Straße? Otto sagt: „Weil Frank Zappa nicht nur Musiker ist, wie wir, sondern ein universelles Symbol für den Überlebenskampf der Untergrundkultur.“ Zappa war ein Bürgerschreck. Seine Haare hätten für eine ganze Kleinstadt gereicht. Seine Songs wurden extra obszön, als jemand auf die Idee kam, obszöne Songs zu verbieten. „Er hatte einen kämpferischen Geist“, sagt Otto. „Wir mussten auch kämpfen für das Haus. Das passte einfach.“ Einen Kampf hat Frank Zappa verloren, den gegen den Krebs. Sonst wäre er heute, am 21. Dezember, 65 Jahre alt geworden. Die Proberäume im neuen, gepimpten Orwo-Haus könnten dieses Alter erreichen.

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