Eine Frage der Ehre

Zu Besuch bei einem Workshop in München, der versucht, den Begriff der Ehre zu ergründen
michael-moorstedt

Sharif kommt aus dem Münchner Hasenbergl und sein Cap hat er tief ins Gesicht gezogen. Der 17-jährige Rapper spricht über Ehre. „Darin fühle ich mich verletzt, wenn jemand schlecht über meine Texte spricht“, sagt er. „Oder über unsere Familien“, ergänzt sein Partner Richie. Vor ein paar Minuten noch, haben die beiden stakkatohafte Reime in ein Mikrofon gesprochen. Für Frieden und gegen Gewalt standen sie auf einer kleinen Bühne im Münchner Westend – nach einer Breakdancevorführung und vor einer Theatergruppe. Was dieses Wort heute noch bedeutet, wollte man bei dem Wettbewerb „Eine Frage der Ehre“ ergründen. Am heutigen Freitagabend werden im Jugendzentrum IG Feuerwache die von verschiedenen Schulklassen und Jugendgruppen im vergangenen Jahr erdachten Beiträge vorgestellt und ausgezeichnet. Unter vielen anderen auch der Rap von Sharif und Richie und ihrem DJ. Ehre - ein schwieriger Begriff, den die Wikipediadefinition nicht zu klären vermag, die der Website des Projekts voransteht. „Ehre bedeutet in etwa Achtungswürdigkeit“, ist dort zu lesen. Ehre, das ist etwas Persönliches, das am ehesten noch mit Stolz assoziiert wird, oder mit Familie. Vielleicht gibt Ehre aber auch ein falsches Gefühl von Sicherheit, wenn sonst nicht viel feststeht. „Wir wollen nicht mit dem Finger auf irgendwelche Gruppen zeigen“, meint Michael Kröger, Sozialpädagoge bei der Inititiativgruppe Interkulturelle Begegnung und einer der Projektorganisatoren. „Mit den Beiträgen soll ein realistisches Abbild der Gesellschaft gezeigt werden.“ Im Publikum herrscht eine hohe Dichte von beflaumten Oberlippen, dunklen Baggys und schweren Goldketten. „Ich schwör“, ruft jemand im Hintergrund. Vor dem Eingang der IG Feuerwache stehen ein paar Jungs und schnorren die Besucher gierig um Zigaretten an. Im Jugendzentrum steht jedoch das Wort Ehre im Fokus – auch auf einer mit Zeitungsartikeln beklebten Litfaßsäule. Dort ist das Wort gelb angestrichen und zeigt einmal mehr seine Wandelbarkeit. Da kommt es vor, dass die Namen Papst Benedikt XVI. und Hatun Sürücü auf einer kleinen Fläche zusammen kommen. Der ehemalige Kardinal wurde zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt gekürt. Die junge Frau aus Berlin wurde im Namen der Ehre von einem ihrer Brüder erschossen. „Bei uns im Viertel ist es ganz normal, wenn es mal Stress zwischen den Gruppen gibt. Irgendwann redet man dann miteinander und genauso schnell ist das wieder vorbei“, sagen Sharif und Richie, die Rapper. Dann machen sie sich auf den Weg in den Freitagabend, gehen mit ihrer Crew Party machen. Später am Abend wird ihre Hip-Hop Performance unter all den Beiträgen in Abwesenheit als Gewinner gekürt. Und vielleicht werden sie sich geehrt fühlen, wenn sie es erfahren.

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