Im Wohnzimmer der Rhythmusgymnasten

Eine Kölner Brauerei schreibt einen Wettbewerb aus, um aus einer alten Eckkneipe eine Szenebar zu machen. Zwei Kölner DJs gewinnen das Gastwirtscasting – und wandeln den „Subbelrather Hof“ in ein „Centrum für Lebensenergien“.
nadja-schlueter

Vor dem „Subbelrather Hof“ steht ein Plüschtierautomat. Einer, wie man ihn von Jahrmärkten kennt und an dem man oft Stunden braucht, um mit der kleinen Greifzange ein noch kleineres Tier herauszuziehen. Er wirkt, bunt wie er ist, etwas deplaziert, hier, mitten im Grau von Köln-Neuehrenfeld. Stolperte man nicht mit den Augen über diesen großen gelb-roten Kasten, würde man die Eckkneipe wahrscheinlich einfach übersehen. So aber findet man die Tür und betritt ein Lokal, dessen erster Eindruck mit den Worten „kuschelig“ und „urig“ vielleicht am besten beschrieben ist. Rustikales Mobiliar, eine traditionelle Theke, gedämpftes Licht und dunkle Ecken. Die Wände sind pink gestrichen und mit Comics bemalt. Neben einer Leinwand, auf der ein animierter Barbie-Film läuft, sind die Karikaturen zweier sporttreibender Jungs zu sehen. Um ihre riesigen Köpfe tragen sie Stirnbänder. „Bleibtreuboy“ steht auf dem einen, „Powerfun“ auf dem anderen. Es sind die Namen der beiden DJs, die seit November 2009 Inhaber des „Subbelrather Hofs“ sind. Bleibtreuboy sitzt mit Freunden an einem Tisch und plaudert. Er trägt einen weißen Bademantel und auf seinem Gesicht trocknet gerade eine Pistaziencreme-Maske. Heute ist „Wellness-Night“ im „Subbelrather Hof“. Neben Gesichtsmasken stehen Handpeelings, Fußbäder oder eine Behandlung bei Masseur El Florage zur Auswahl. Wer sich darauf einlässt, legt sich, bestenfalls oben ohne, bäuchlings auf eine Liege, und wird von einem Mann mit Wrestling-Maske geknetet. El Florage ist in Köln nicht unbekannt. Er gehört zum Team der „Rhythmusgymnastik“, einer beliebten Kölner Partyreihe der DJs Bleibtreuboy (Sebastian Mortan) und Powerfun (Nils Gabsa). Dass sie seit Neustem auch noch Gastwirte sind, verdanken sie dem Wettbewerb „Szenekneiper gesucht!“, den eine Kölner Brauerei Anfang 2009 ausgeschrieben hatte. „Das Ziel war, eine traditionelle Eckkneipe in der Stadt wiederzubeleben und eine junge Szenekneipe daraus zu machen“, erklärt Sebastian. 250 Bewerber gingen in das Rennen um den „Subbelrather Hof“. Eine vierköpfige Jury, der unter anderem der Marketingchef der Brauerei sowie ein erfolgreicher Kölner Kneipier angehörten, wählte 30 davon aus, die im Einzelgespräch ihr Konzept vorstellten. „Wir hatten uns überlegt, eine Art Comedy-Kneipe zu gestalten“, fasst Sebastian den Plan zusammen, mit dem die Rhythmusgymnasten das Finale erreichten. Ihren Endspurt legten sie unkonventionell und vielleicht auch darum erfolgreich zurück: „Eine Power-Point-Präsentation und eine Marktanalyse haben wir weggelassen und stattdessen eine Fantasie-Traum-Reise mit der Jury gemacht. Wir haben die Jury erleben lassen, wie eine Woche in der Kneipe aussehen soll.“ Aus dem Subbelrather Hof wurde schließlich das „Centrum für Lebensenergien“, das sich unter anderem gegen eine Fußball-Kneipe, eine Edel-Lounge und eine Dildo-Party-Location durchgesetzt hat.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Seitdem kann man jeden Dienstag beim türkischen Abend Raki trinken und zu Funk aus der Türkei tanzen, am Sonntag Bundesligapartien auf der X-Box austragen oder sich am Mittwoch massieren lassen. Donnerstags ist Kölsch-Kult-Nacht, die jede Woche von einem Musiker oder Comedian gestaltet wird. Am Wochenende gibt es die Kopfhörerdisco. Die Musik im Raum läuft dann auf Zimmerlautstärke. Wer tanzen möchte, setzt sich einfach einen Funk-Kopfhörer auf. Zu Beginn wurde das Angebot zögerlich angenommen. „Wir mussten das den Leuten natürlich erst mal vermitteln. Aber dann hat einer den Anfang gemacht und später haben sie sich drum gerissen“, erinnert sich Sebastian. „Jetzt arbeiten wir erstmal mit Hits, die jeder kennt. Aber irgendwann soll es eine zweite Funkstrecke geben, dann kann man zum Beispiel Rock gegen Hip Hop tanzen lassen.“ Das Wochenprogramm soll bald erweitert werden. Ein Herzblatt-Abend ist geplant und das Team möchte gerne das gegenüberliegende Seniorenheim in den Kneipenbetrieb integrieren. „Wir wollen einen Bingo- und einen Single-Abend mit den Bewohnern machen oder einen Bus für sie mieten und Kaffeefahrten veranstalten, die hier in der Kneipe enden. Auf der Fahrt erzählen wir dann Lügen über die Kölner Geschichte.“ „Trashig“ soll das Gesamtkonzept laut Sebastian sein. Den Trashfaktor führt er vor, indem er laut bellt und daraufhin der Kellner mit dem sogenannten „Schnapsdackel“ erscheint, einem Dackel aus Porzellan, der mit Waldmeisterschnaps gefüllt ist. Die Kellner im „Subbelrather Hof“ haben sich alle einen Charakter ausgesucht, den sie bei der Arbeit darstellen. Je nachdem, wer gerade Schicht hat, wird der Schnapsdackel dann etwa von Catwoman, Jimmy Hendrix oder einem Seemannsgarn spinnenden Matrosen serviert. Es ist ein Mittwochabend und die Kneipe füllt sich langsam. Wochenends läuft es mittlerweile sogar sehr gut. Neben ihrem Engagement kommen den Betreibern wohl auch andere Faktoren zu Hilfe. Der Wettbewerb der Brauerei brachte Aufmerksamkeit und die Inhaber profitieren von ihrem Kult-Status in der Stadt: Viele Gäste kennen die DJs schon, der „Subbelrather Hof“ sei zu so etwas wie dem „Wohnzimmer der Rhythmusgymnasten“ geworden, sagt Sebastian. Ein Freunde an der Theke nickt. „Früher hingen wir beim Sepp zu Hause rum", sagt er, und nippt vom Waldmeisterschnaps. "Heute sind wir halt hier und zahlen, wenn wir was trinken."

Text: nadja-schlueter - Foto: privat

  • teilen
  • schließen