Kuscheltalk und Killerspiele

Beim "Nachmittag zu Counterstrike & Co." haben Medienforscher, Soziologen und Pädagogen auf der "Munich Gaming" über "Risiken und Potenziale von Computerspielen" diskutiert. Ein Ortstermin.
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„Wir müssen versuchen, bei der Diskussion ganz soft zu bleiben“, raunt Moderator Nico Nowarra leise ins Ohr des Pädagogen Wolfram Hilpert von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Nowarra weiß: Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Soeben hat ein erregter Herr aus dem Publikum den Vortrag eines Redakteurs der Zeitschrift GameStar als „widerlich“ und Gewalt verherrlichend bezeichnet. Thema des Vortrags: die so genannten „Ballerspiele“.

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Illustration: Julia Schubert

Die Diskussionsrunde beim Videospielkongress "Munich Gaming". Von links: Wolfram Hilpert, Ibrahim Mazari, Nico Nowarra, Hans-Jürgen Palme, Tobias Rothmund Noch bevor die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema „Counterstrike & Co.“ beginnt, verlässt der wutschnaubende Herr den Saal. Wie sich bald herausstellt, verabschiedet sich damit der einzige lautstarke Gegner von Gewaltspielen. Für den Blutdruck des älteren Herrn mag das besser gewesen sein, dem Verlauf der nachfolgenden Diskussion hätte ein wenig Feuer aber gut getan. Stattdessen bleibt die Debatte soft. Sehr soft. Ganz so wie es Moderator Nico Nowarra von seinen Gästen gefordert hatte. Als offensichtlichen Vertreter der Gamer-Fraktion hat der Videospielkongress "Munich Gaming" den 34-jährigen Ibrahim Mazari zur Diskussion geladen. Er ist Jugendschutzbeauftragter der Electronic Sports Leauge, der größten Online-Liga für Computerspieler in Europa. Mazari ist vor allem daran gelegen, mit dem Klischee vom weltfremden Computer-Nerd zu brechen. "Das sind keine einsamen, schlecht sozialisierten Leute. Unsere Counterstrike-Spieler sind überdurchschnittlich intelligent, mehrheitlich Zivildienstleistende und Pazifisten", sagt Mazari. Offenen Widerspruch gibt es kaum, doch herrscht schnell Einigkeit darüber, dass Gewaltspiele nicht in Kinderhände gehören. Für Medienpädagoge Hans-Jürgen Palme sei das eigentliche Problem nicht der fehlende Jugendschutz, sondern dessen mangelnde Umsetzung in der Praxis: "Es gibt kaum einen 13-jährigen Jungen, der noch nie Counterstrike gespielt hat". Allerdings seien es mehrheitlich junge Erwachsene, die in Gewalt abdriften. Und Pädagoge Wolfram Hilpert ergänzt: "Wenn brutale Handlungen in Computerspielen ständig belohnt werden, dann ist das problematisch". Das Wort Winnenden fällt während der gesamten Veranstaltung nicht.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Screenshot aus dem Computerspiel Counterstrike Immer wenn die Diskussion Fahrt aufnimmt, ergreift Moderator Nico Nowarra das Wort und schlichtet, noch bevor es überhaupt zu einem Streitgespräch kommen kann. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Nowarra selbst ein Multimediamagazin im Radio moderiert. Sein Spitzname bei den Senderkollegen: "Der Spieler". Er testet und kommentiert jede Woche aktuelle Computerspiele. Als Nico Nowarra abschließend fordert, man müsse Jugendliche stärken statt Gewaltspielverbote zu fordern, hat er im Kern sicher recht. Eine Diskussionsrunde ohne hörbare Gegenmeinung wird der stets betonten Relevanz der Gewaltspieldebatte aber nicht gerecht. Fotos: Medientage München, ddp

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