Schau, die Kletteräffchen!

Parkour heißt der aus Frankreich kommende Sport, der junge Menschen dazu bringt, durch ihre Städte zu hüpfen als sei das Leben ein Jackie-Chan-Film. Langsam aber stetig wächst die Anhängerschaft auch in Deutschland – unter anderem durch spektakuläre Sprünge in Madonnas Hitvideo „Hung up“. Am Samstag fanden in Berlin nun die Weltmeisterschaften statt.
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Im obersten Stockwerk des Berliner Postbahnhofs sieht es so aus, als hätte jemand an einem überdimensionalen, hölzernen Tetris schnell das Interesse verloren: Überall stehen hohe und schlanke, niedrige und breite Kästen aus Spanplatten herum. Auf der höchsten, sicher drei Meter hohen steht ein 19-Jähriger mit einer olivgrünen Schildmütze. Mit einem Salto rückwärts springt er ins Kiesbett. Der Springer gehört zu einer Gruppe von Portugiesen, die nach Berlin angereist ist, um ihre Parkour-Künste zu präsentieren. Die ganze Truppe sticht aus der Menge durch sonderlichen Übermut heraus. Und das muss man bei diesen wild durch die Halle und auf alles, was bespringbar ist, hüpfenden Kletteräffchen bei der Weltmeisterschaft im Parkour erst einmal schaffen.

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Illustration: Julia Schubert

Bild: Karsten Uhlmann Die meisten Sportler, mehrheitlich zwischen 20 und 30, männlich, aus Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich, Großbritannien und eben Portugal, bereiten ihre Sprünge sehr gewissenhaft vor. Abstände zwischen Holzkästen werden in Fußlängen abgemessen, sicher ein halbes dutzend Mal springt ein junger Berliner, der seine Körperbeherrschung auch als Stuntmen anbietet, unspektakulär von einem Kasten zum anderen, um beim letzten Mal lässig von einer Holzbox auf die nächste abzuperlen und die Bewegung mit einem Salto abzuschließen. Kein Wunder: Die hier Versammelten sind Profis, austrainierte Muskelmasse, die bei aller scheinbaren Leichtigkeit sehr genau wissen, was ihr Körper kann und was nicht. Schließlich ist in der freien Wildbahn im Zweifelsfall so schnell keiner da, der einem den verstauchten Knöchel bandagiert oder einen mit Brüchen ins Krankenhaus bringt. Ursprünglich kommt Parkour, der Name ist ein Wortderivat von parcours, französisch für Hindernislauf, aus Lisses, einer 50 Kilometer vor Paris gelegenen Kleinstadt. David Belle, Sohn eines vietnamesischen Einwanderers, der in einer Elitefeuerwehreinheit arbeitete, entdeckt dort nicht nur seine Bewunderung für die enorme Kondition seines Vaters, sondern auch die Stadt als Sportplatz. Mit Freunden entwickelte er aus einer übermütigen Idee eine neue Sportart. Mittlerweile ist Parkour, dank der professionellen Bearbeitung durch die Parkour Dachorganisation Pawa und finanzkräftige Sponsoren, auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Und der Erfolg überrascht kaum, ist Parkour beim genaueren Hinsehen doch aus den Bestandteilen anderer, populärer so genannter Trendsportarten zusammengepuzzelt. Im Prinzip beinhaltet der Sport sowohl wieselflinkes Freeclimbing unter den Bedingungen einer Stadt, als auch Breakdance auf dreidimensionalem Grund und Skateboarding ohne Brett. Vermengt werden Bewegungen vom Barrenschwung und Bock- sowie Weitsprung mit Martial-Arts-Moves. Man muss die Euphorie, die Parkour zur Zeit medial angehängt wird, nicht glauben. Ganz sicher aber ist der Grundgedanke der neuen Sportart sehr ansteckend. Das weiß jeder, der beim Joggen schon mal die Lust verspürte, einen Abstecher über die Parkbank zu machen. Man vergisst das ja bizarrerweise mit jedem Jahr nach der Kindheit mehr und mehr: Wieviel Spaß es macht, einfach irgendwo hin und irgendwo drauf zu hüpfen.

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