Treffer versenkt! Tülin hat in Kreuzberg ein Fußballstadion eröffnet

Dieses Jahr findet die WM in Deutschland statt, alle Welt taumelt über grünen Rasen und zieht sich Trikots über Kopf und Körper. Eine junge Türkin nutzt diese Gelegenheit, um sich in Berlin einen Traum zu erfüllen. Tülin Duman ist 27 Jahre alt und eigentlich Pharmazeutin. Im letzten Jahr hat sie jedoch kurz vor Weihnachten einen Laden für Fußballkultur in Berlin Kreuzberg eröffnet: „Goal – Eine Welt für Fußball“. Nun zieht sie eine erste Bilanz.
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Illustration: Julia Schubert

Die Wollmütze über den dunklen Locken muss sein, denn nur ein dicker Heizlüfter neben dem Tresen schickt Wärme in den Laden. Auf dem Gesicht der kleinen Frau hinter dem Tresen breitet sich ein Lächeln aus, sobald Menschen auftauchen vor dem Schaufenster, durch das man auf den kleinen Platz an der Oranienstraße gucken. Mitunter drücken sie sich die Nasen am Fenster platt, ihr Blick schweift über die vielen Sachen, die Tülin liebevoll im Schaufenster drapiert hat. Fußball mal anders und nicht in Form von Schal, Mütze und OléOlé. Bleiben die Menschen länger als drei Sekunden stehen, winkt Tülin und grinst. Das mag sie so, diese begeisterten und staunenden Blicke. Und wenn die Leute dann auch noch den Laden betreten, habe man es fast geschafft. Ihre Begeisterung für Fußball möchte sie teilen. "Man muss sich gute Wege aussuchen" „Das hat einfach alles gepasst“, sagt sie und wirkt zufrieden. Dass der Laden pünktlich zum Jahre 2006 eröffnet, war nicht geplant, es hat sich einfach ergeben. Das Weihnachtsgeschäft hat sie noch mitgenommen und jetzt geht der Trubel mit den Fußballfans bald richtig los. Die kleine Frau in dem hellbraunen Kordanzug hat Pharmazie studiert und koordiniert hauptberuflich Projekte im Bereich Gesundheitsförderung. Mittlerweile kann sie aber gar nicht mehr genau sagen, was denn Haupt- und was Nebenbeschäftigung ist. Vormittags geht sie ins Büro und ihrem gelernten Job nach. Am frühen Nachmittag macht sie sich auf den Weg in den Laden, das ist ihre Mittagspause, bevor sie dann bis 20 Uhr hinter der kleinen Theke steht. Hier arbeiten bedeutet einerseits den Laden zu schmeißen, das heißt Literatur über Fußball, Trikots der eigenen Kollektion, Tischfußballspiele in den verschiedensten Sorten und allerlei Schnickschnack im schwarzweißen Muster zu verkaufen und neue Artikel zu erstöbern und aufzutreiben. Andererseits ist da das Netzwerk, das es aufzubauen und zu erhalten gilt. Denn ohne dieses gäbe es den Laden gar nicht. „Man muss sich gute Wege und gute Leute aussuchen“, um ein solches Projekt in die Realität umzusetzen. „Man sollte möglichst viele verschiedene Menschen aus allen Ecken und verschiedenen Bereichen mit ins Boot holen“, betont Tülin. Viele von Tülins Bekannten hätten ihre Leidenschaft für Fußball am Anfang überhaupt nicht geteilt. Jetzt aber sind sie es, die anrufen und fragen, wann es mal wieder ins Stadion geht. Der Laden sei ein Paket aus gebündelten Stärken und Ideen von Menschen, sagt Tülin und strahlt. Und damit passt er gut in die Oranienstraße. Wenn man die Hürde Ladentür genommen hat, steht man mitten auf dem Platz. Ein Raum für Straßenfußball mitten in Berlin, denn den liebt Tülin: „Dieses simple Kicken auf den Straßen ist uns verloren gegangen, dafür ist kein Platz mehr. Dabei sollte Sport doch zur Kultur gehören“. Deswegen will sie auch bei den ersten Weltmeisterschaften im Straßenfußball mitmachen.

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Illustration: Julia Schubert

Draußen wird es langsam dunkel, Tülin knipst die Lichterkette an, kurz darauf kommt eine Mutter mit ihren beiden Kindern herein. Auf der linken Seite gibt es die Ecke für die Kleineren in der richtigen Höhe und mit Preisen, die auch ins monatliche Taschengeldbudget passen. Jeder soll anfassen und ausprobieren können. Und wenn die Jungs eben nur kommen, um einmal mit dem Schaumstoffball auf das Tor hinter dem Tresen zu schießen, dann ist das genauso gut, als würden sie etwas kaufen. "Es soll immer Spaß machen" Was Tülin Duman interessiert, sind die berühmtem „kleinen Geschichten“ der Menschen. Wenn ein Lehrer in ihren Laden kommt und sie nach Fußballplakaten fragt, dann ruft sie schnel beei dem Fußballmagazin 11 Freunde an und fragt, ob die noch Promomaterial übrig haben. Oder sie telefoniert sich durch die ansässigen Vereine, wenn eine Mutter einen Trainingsplatz für ihr Kind sucht. Sie spricht die Leute an, die in den Laden kommen, ohne aufdringlich zu sein und merkt, dass es hier um mehr geht als um Verkaufsstrategien. Es sei wichtig, miteinander zu reden, da käme soviel am Ende raus, betont Tülin. Wäre ihr das nicht so wichtig, hätte sie ja auch einfach Fußballtrainerin werden können. „Das habe ich mal überlegt, aber dafür war ich an zu vielen Dingen interessiert. Wenn man eine Mannschaft trainieren will, dann sollte Fußball schon das Leben bestimmen“, erzählt sie und wärmt sich die Hände am Heizlüfter. Im Hintergrund dudelt leise orientalische Musik. Fußball sei nicht alles, aber eben ein großer und schöner Teil ihres Lebens. Es scheint, als klopfe sie die Dinge gerne von vielen Seiten ab. Nur eine Sichtweise ist ihr zu wenig. Die soziale Komponente spielt eine große Rolle, das Miteinander und der Austausch. Deswegen fühlt man sich in dem Laden auch gleich wohl. Man hat nicht das Gefühl, die kleine Frau wolle einem unbedingt das neueste T-Shirt aus der Kollektion aufschwatzen. Tülin interessiert es, warum man da ist, was man sucht und was man eigentlich von Fußball hält. Keck und witzig geht sie auf die Leute zu, man merkt sie sich mit ihrer doch direkten, aber nicht überrumpelnden Art. „Die Leute sollen reinkommen und mir ihre Ideen erzählen, nur so kann sich das Ganze weiterentwickeln“, sagt sie. Und dass sie sich auf die Zukunft freut. Natürlich solle man dieses große Gefühl, das einen überkommt, wenn man mittags den eigenen Laden aufschließt, mit Vorsicht genießen und anständig planen. Natürlich bedeutet es viel Arbeit, der Laptop steht auf der kleinen Theke bereit und wenn keine Kunden da sind, wird telefoniert, recherchiert, organisiert, denn Ressourcen sind nicht unbegrenzt vorhanden und müssen behutsam eingesetzt werden. Aber „das soll immer Spaß machen“ und das tut es. Das sieht man ihr an, wenn Tülin grinsend über die weißen Linien auf dem Kunstrasen balanciert und aus dem Schaufenster sieht. Draußen wimmelt es bunt. Hin und wieder schwappt das nach drinnen. Genau so soll es sein. Das ist die erste Stufe eines Traumes, die nun erklommen wurde. Das Ende vom Traum ist noch nicht ganz definiert, aber „bis jetzt fühlt es sich sehr gut an“.

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