Verliebt in Essen: Zu Besuch bei der Love-Parade

Alle ziehen nach Berlin. Von mir aus, sagt NRW. Die Loveparade zieht seit diesem Wochenende durch den Pott.
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Liebe ist überall: Mit dem vieldeutigen Motto “Love is everywhere” hatten sich die Loveparade-Veranstalter ausgerechnet einen Titel ausgesucht, den in den 90ern schon die holländische Boy Band Caught in the Act besang. Jungs mit gesträhnter Schweini-Gedächtnis-Frisur, Sternchen-Mädchen mit bicoloren Haaren und etliche Plastiktüten voller Flaschen füllen die Züge auf dem Weg in die Ruhrstadt. Noch ist das Feiervolk kaum von den Dortmunder Fußballfans zu unterscheiden.

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Illustration: Julia Schubert

Loveparade in Essen: Die Riesenparty aus Berlin hier zu haben - das scheint zunächst ein bisschen wie Saint Tropez am Baggersee. Passend wird das Ruhrgebiet von den Veranstaltern zur Ruhrmetropole erklärt. Laut Fünf-Jahres-Plan sollen Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg folgen. Essen, „Die Einkaufsstadt“, macht den Anfang. Ein wirrer Mix von Menschen läuft durch die Einkaufsstraßen, die vom Bahnhof zur Parade-Location führen: Familien mit Kindern, ältere Herrschaften auf Wochendausflug, echte Freaks und jede Menge Nackte, Glitzernde, Hotpants, Kuhfellstulpen, Karnevalskostüme und vor allem Hintern und Brüste in schön oder weniger. Es wirkt fast wie ein explodiertes Science-Fiction-Stadtfest. „Kulturhauptstadt 2010“ – das ist Essen jedoch auch, stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet. Irgendwie gehört die Parade dazu, die längst keine „Friede, Freude, Eierkuchen-Demo“ mehr ist, sondern eine kommerzielle Veranstaltung. Trotzdem kann sie nur stattfinden, weil alle mitziehen. Inklusive Bürger, Politik und der Hoffnung auf den Wirtschaftsfaktor. Bereits mittags gibt jemand lautstark am legendär unansehnlichen Hauptbahnhof das Motto für den Tag aus: „Scheißegal, dass das nicht meine Musik ist, dabei sein ist alles.“ Olympischer Geist beseelt alle, die hierher kommen. Vor allem von Dortmund, Haltern bis nach Holland. „I like House music and I want to see mad people“, erklärt Harrold aus Groningen. Kein Problem. Der Begriff Ballungsgebiet bekommt jedenfalls eine neue Bedeutung. Auf der Paradestrecke schieben sich meist regional angehauchte Wagen zusammen mit Leibermassen direkt an Wohn- und Geschäftshäusern vorbei. Neben tausendfachem Ruhrpott-Dialekt schwirren vereinzelt spanische und englische Stimmen vorbei. Es brummt und bebt. Genau deshalb haben die Lünener Technofans Sabine und Jasmin ihr Neon-Outfit wieder ausgepackt: „Wegen dem Wumms, dem Bass, der Leute“. Hauptsache nicht Düsseldorf Andreas und Lolo mit den Engelsflügeln sind Loveparade-Veteranen. Schon auf den ersten Umzügen am Kudamm in den 90ern haben sie geravt. Der Enge des idealisierten Kudammfeelings zumindest kam man mit 1,2 Millionen Menschen sehr nah. Die Stimmung bei beiden ist super. „Berlin und der Pott haben eigentlich was gemeinsam“ philosophiert Andreas „die Leute sind einfach und nicht so überkandidelt. Das ist toll für NRW“, meint der Kölner und ergänzt: „Hauptsache es nicht in Düsseldorf.“

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Illustration: Julia Schubert

„Eigentlich gehört die Loveparade nach Berlin – Egal!“, hört man immer wieder. Denn die kurze Anfahrt ist für viele nicht zu toppen. Für Caren aus Nordholland zum Beispiel. „Berlin is more than six hours away, you know“, sagt sie im Vorbeitanzen. „Für die Leute von hier ist das echt was Großes, glaub ich“, meint Sebastian aus Köln. Die Begeisterung ist spürbar. Ein bisschen stolz sind alle, dass Essen so etwas kann. Baukräne statt Siegessäule „Etwas assig ist es schon“, meint hingegen ein Mädchen auf dem VIP-Sonnendeck eines Club-Veranstalters. „Na ja, vielleicht ist das immer so“, ergänzt sie. Auch Samba-Tänzerin Simone feiert nicht komplett überzeugt: „Im Gegensatz zu Berlin sind die Leute viel zu klein, zu verklemmt. Na ja, man soll ja auch den Karneval in Rio nicht mit dem in Deutschland vergleichen.“ Die Suche nach einem Berlin-Spirit bliebe wahrscheinlich so mühselig wie die nach den ewigen "guten alten Zeiten". Von den alten Protagonisten legt Dr. Motte lieber nur irgendwo klein auf, Mayday-Mann Westbam kommt nur kurz und Marusha sitzt sowieso bei den Popstars. Eigentlich sucht auch niemand so recht danach. Denn der Pott feiert sich selbst. Sven aus Hagen mit der grüner Riesenhose tanzt vor einem Lädchen. „Man wird schon oft nach Pep, Teilchen, Pilzen gefragt, aber Nee“. Auf dem Boden dafür überall Flaschen. Gegen das Chaos sollen Info-Stände, 50 000 Kondome, 1000 Dixi-Toiletten helfen. „Love! Das ist Quatsch. Ehrlicher wäre es, das Ganze ‘Essen, Trinken, Feiern’ zu nennen“, meint Komparatistik-Student Pascal. Wer ist Dr. Motte? Der Berliner Platz, Ort der so genannten Abschlusskundgebung, entpuppt sich derweil als riesige Schotterfläche umringt von halb abgerissenen Gebäuden, die einer Shopping Mall weichen sollen. Baukräne statt Siegessäule. Auf die Frage am Infostand, ob es bei der Kundgebung neben DJs und rotem Flitter auch noch eine Rede wie einst bei Gründer Dr. Motte gäbe, entgegnet es: „Wer ist Dr. Motte?“ Der jetzige Loveparade-Geschäftsführer und Fitnessstudioketten-Besitzer Rainer Schaller hält keine Ansprache, schwärmte im Vorhinein aber vom „urbanen Charakter“. Rein optisch hat Essen an diesem Tag wirklich etwas vom Baustellen-Berlin zur Techno-Hochzeit. Am meisten allerdings glich es am Samstag der Costa Brava: Feierwütige, vergessene Häuser, Clubs, Vergnügungstempel, Shoppingmeilen. Im Zug zurück schließlich versucht jemand einem älteren Herrn vergeblich zu erklären, dass sie von der Loveparade in Essen kommt. Essen ist nicht Berlin, weiß der. Zu verstehen, dass es das auch gar nicht muss, das dauert wahrscheinlich nicht nur bei ihm noch etwas. Auf den nächsten Seiten kannst du einige Impressionen der Essener Love-Parade sehen


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