Der Schriftsteller schwitzt. Sein mäßig sitzender Anzug und das hochgeknöpfte, dunkelblaue Hemd sehen aus wie ein wandelndes Gefängnis für diesen Klops Mensch. Sein Kopf ist vielfach größer als die Köpfe derjenigen, die im Publikum sitzen. Lottmanns Augen flirren nervös durch den Raum, er lächelt gequält. Zu viele Menschen, zu viel Gerede, zu viel im Raum stehende Erwartung, vor allem aber: zu viel Missgunst.

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Das Berliner nbi, ein studentisch anmutender Kulturclub mit alternden Sofas und prätentiösen Mädchen hinter der Bar, ist gut gefüllt, zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Auf den zweiten sieht man dann: Die Tische und Stühle hier sind so drapiert, dass wenige Menschen viel Publikum machen. Es ist die übliche Bagage Berliner Populärkultur: An einem Tischchen rechts sitzt Maxim Biller, schräg hinter ihm eine ehemalige FAZ-Redakteurin, links am Rand liest eine der Grether-Schwestern das, was Lottmann nun vorliest, im Halbdunkel mit, macht hektisch Notizen, während Lottmann eher stammelt als vorträgt. Ein dicker Mann im Publikum steht entnervt auf, sagt: „An manchen Tagen liest Lottmann schlecht, an manchen genial. Heute ganz offenbar: schlecht.“ Ein hagerer Mann neben ihm kichert derweil in vorauseilendem Gehorsam. „Zombie Nation“, Lottmanns neues Buch, ist ein Familienroman. Er fängt da an, wo Lottmanns letztes Buch, „Die Jugend von heute“ endete, spielt wiederum in Berlin, im bürgerlichen, arrivierten Westen und im – in Lottmanns Vorstellung – wilden, jungen Osten. Lottmanns literarisches Alter Ego „Jolo“ macht sich, nach der mehr oder minder abgeschlossenen Suche nach der Jugend, im neuen Buch auf die Suche nach den Trümmern des Konstrukts „Familie“. Die Begegnungen mit dem noch immer kaisertreue Onkel Heinz, mit der "hübschen aber lesbischen" Nichte im Friedrichshain geben sich reportagenhaft – und offenbaren sich dann doch als Lottmann’sche Fiktion: Die Welt, gesehen mit den wirren Augen von J.Lo.

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Lottmann ist nicht nur Autor, er ist auch Kulturjournalist. Das aber ist eine Klassifizierung der Anderen, die mit Lottmann und seinem Wirklichkeitsbegriff nur schwer in Einklang zu bringen ist. Lottmann schreibt einfach. Schreibt auf, wie er die Welt sieht. Sein subjektiver Eindruck steht in der Hackordnung klar vor den faktischen Eckpfeilern der Wirklichkeit. Wenn man beispielsweise liest, was Lottmann über Bands oder Konzerte schreibt, dann kann es gut sein, dass Namen, Orte, Uhrzeiten und Begebenheiten nicht stimmen. Lottmann geht es, bewusst oder nicht, um etwas anderes: Um das Festhalten eines diffusen Zeitgeistes, eines Gefühls das in der Luft liegt. Selbstverständlich denkt jeder Zweite im Publikum über Lottmanns Schaffen und Auftritt: Das könnte ich auch. Und: Es stimmt. Das Lottmann’sche Werk zeichnet sich ganz sicher nicht durch einen ersichtlichen, unbestreitbaren Genius aus. Das Besondere an „JoLo“ wird im Prinzip erst dann wahrnehmbar, wenn man so nah bei Lottmann ist, dass er selbst nervös wird – und das ist nicht schwer. Man muss eigentlich nur nach der kurzen, wenig spektakulären Lesung und der gewollt gesellschaftskritischen und ermüdenden Debatte auf den Schriftsteller zugehen und ihn nach seinem Befinden fragen, nach der Erstauflage und danach, ob er bei Elke Heidenreich eingeladen werden wird. Man sieht, dass Lottmann Angst hat. Vor den Menschen hier, vor den Kritikern, vor dem Misserfolg. Joachim Lottmann ist ein Getriebener: Einer, der draußen ist – und deshalb zu manch interessanter Beobachtung im Stande ist –, der aber eigentlich gerne dazugehören will und nicht kann. Einer der schreibt, weil er die Welt nicht versteht. Einer der schreibt wie er schreibt, weil er es anders nicht kann. Ob das nun großer Genius ist oder großer Schwachsinn, das hängt davon ab, was man erwartet. Joachim Lottmann: Zombie Nation. 398 Seiten, Kiepenheuer & Witsch ist ab sofort im Handel erhältlich. Cover: KiWi Köln; Foto: Christian Thiel