Werbung am Times Square

Der Times Square kann mit seinen Bildschirmen und Neonschildern für alles Werbung machen – auch für seine eigene Zerstörung. Am 5. Dezember feierte „King Kong“ Premiere in New York. Ein großer Tag, fand Bürgermeister Michael Bloomberg und erklärte den Tag zum „King Kong Day“. Um 17.42 Uhr wurden dann alle Videoschirme und Jumbotrons auf der berühmten Straßenkreuzung synchronisiert und zeigten Clips aus dem Blockbuster. Dutzende Botschaften verschmolzen zu einer einzigen, überdimensionalen Werbeinstallation.
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Illustration: Julia Schubert

Und für einen kurzen Moment sah man auf den Bildschirmen auch den Times Square selbst, wie seine Gebäude und die Autos und Menschen darauf von einem Riesenaffen zerfetzt wurden. „Ladies and Gentleman – we give you: Kong!“ Werbung als Touristenattraktion Am Affen-Tag wurde die Macht der bunten Banner mal wieder demonstriert – obwohl Neonreklame in Zeiten von Spam, personalisierter Bannerwerbung und dem TV-Spot-Endlos-Loop eigentlich doch ein überholtes Konzept zu sein scheint. Am Times Square aber stehen die großen Leuchten noch im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit – die beeindruckenden Gebäude wie der 160 Meter große Turm mit der Hausnummer Eins sind nur Staffagen für die bunten Buchstaben, die Flachbildschirme, die Lautsprecher und Billboards. Der Times Square ist eine Touristenattraktion wie der Louvre, das Brandenburger Tor oder der Petersplatz und bestimmt bald Teil des Weltkulturerbes. Aber welche ist die berühmteste Werbe-Installation an der Kreuzung zwischen 42ster Straße und Broadway? Um das herauszufinden, hat die Times Square Association, ein Verbund der ansässigen Geschäftsleute, nun einen Preis ausgerufen. Eine Jury aus Kuratoren, Architekten und Designern hat eine Liste aus 26 Gebäudestrukturen, Kommerz-Zeichen und öffentlichen Kunstwerken zusammengestellt, aus der Anwohner, Passanten und Touristen im Internet bis zum 31. Dezember die „aufregendsten und wichtigsten“ auswählen können. Was eine schöne Leuchtreklame ausmacht, das muss jeder selbst wissen. Spätestens seit Andy Warhols Suppendosen-Coup ist klar, dass die Grenzen zwischen Kunst- und Werbeobjekten fließend sind. Und der große amerikanischen Architekt Robert Venturi sagte einmal: „Es wird die Zeit kommen, da werden diese Boards in Museen an den Wänden hängen gleich neben den Quilts, so dass wir ihre handwerkliche Schönheit verstehen werden. “

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Illustration: Julia Schubert

New York sucht das Superzeichen Das Angebot ist groß. Die Vielfalt auch. Wer also ist der Favorit in der Show „New York sucht das Super-Zeichen“? - Die sechs Stockwerke hohe Coca-Cola-Werbung, eine digitale Leinwand, auf der unterschiedliche Motive zu sehen sind: Luftblasen, die durch Limonade emporsteigen; Arbeitersilhouetten, die schweißen, hämmern und trinken, so dass sich mancher Passant fragen mag, ob da nicht wirklich gerade hinter dem Bildschirm gearbeitet wird. - Die Mini-Cooper-Werbung, in welcher die Designer von Artkraft Strauss neben einem Flachbildschirm auch nostalgische Zeichen eingebaut haben; blinkende Glühbirnen und ein rotes „XXX“, so dass die Anzeige zwar für ein, mit amerikanischen Maßstäben gemessen, jämmerlich kleines Auto Werbung macht, aber gleichzeitig auch zu einer Reflektion der Geschichte der Werbetechniken wird. - Oder doch das Werbeschild für das Musical „Chicago“, ein bisschen rote Farbe auf Aluminium, das von der Jury nominiert wurde, da es durch seinen „Lowtech-Appeal in einem Meer aus Videoschirmen besonders auffällt“. Der Times Square wird natürlich längst nicht mehr von Neonreklame in ihrem eigentlichen Sinne dominiert – also Leuchtröhren mit Neon als Füllgas, wie sie der französische Chemiker Georges Claude 1910 patentieren ließ und dessen „lebende Flamme“ (Eigenwerbung) vor Kinos, Bars und in Amüsiervierteln angebracht wurde. Heute sind im ehemaligen Neonrotlichtviertel Times Square die Nutten und Gangster längst verschwunden – statt dessen machen riesige Flachbildschirme Werbung für die New Yorker Börse, Stroboskope locken in Richtung Samsung-Store und die Investment Banker von Lehmann Brothers haben gar die ganze Fassade ihres Hauptgebäudes mit Pixeln statt mit Ziegeln verkleidet. Hier verschwindet das Gebäude endlich komplett hinter den Images: im Herbst brodelte hier eine wilde Steilküste, gerade schneit es in einer Weihnachtslandschaft und in einigen Monaten wird eine Frühlingswiese den Straßenzug 24 Stunden am Tag in Sommerlicht tauchen.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Platz für Statements Die Werbung am Times Square ist nicht schöner oder klüger als anderswo. Trotzdem betrachten wir sie mit anderen Standards. Während wir daheim über die billigen Leuchtschilder, Pixel-Crawls und Neonröhren in Sonnenstudios, Eisdielen und Videotheken nur lachen können, weil die bunten Farben das Biedermann-Gesicht so unzulänglich übertünchen, kommen wir nach New York um zu Staunen; erkennen im grotesken Funkeln des Platzes die Maßlosigkeit des amerikanischen Traums. Ganz wie es Tom Wolfe einmal über Las Vegas schrieb: „Man sieht nur Reklameschilder. Doch was für Schilder! Turmhoch ragen sie in den Himmel. Sie drehen sich und schimmern und glitzern und sind von einer solch phantastischen Vielfalt, dass alle Begriffe der Kunstgeschichte versagen.“ „Der Times Square ist ein Platz für Statements“, heißt es nüchtern bei den Veranstaltern des Design-Wettbewerbs, „ganz gleich ob politischer, kommerzieller oder künstlerischer Natur.“ An der Adresse 1567 Broadway hängt eine Anzeige, die nicht für Softdrinks oder Motoröl Werbung macht, sondern eine politische Agenda zum Leuchten bringt: „Cost of Iraq War“, steht über einer Digitalanzeige, welche die vielen Hundert Milliarden Dollar zählt, welche die US-Armee bereits in den Sand gesetzt hat. Die toten Soldaten und Zivilisten werden allerdings nicht gezählt. Dafür muss man den Blick nach rechts wenden, auf dem Newsticker von NBC läuft am 27. Dezember 2005: „Four U.S soldiers killed in helicopter crash.“ Vielleicht reißt der Newsticker mit solchen Inhalten den einen oder anderen Passanten aus seinem Shopping-Wahn. Für den Design-Wettbewerb aber ist er nicht nominiert. Die Abstimmung läuft noch bis zum 31. Dezember. Wem bei einem Besuch in New York schon mal ein besonders schönes Zeichen aufgefallen ist, kann hier seine Stimme abgeben.

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