"Ich schäme mich für unser Land"

Ein isländischer Protestler erklärt, warum der Premier nach einem kontroversen Interview zurücktreten soll.
Interview: Matthias Fiedler
island rtr
Foto: Stringer/Reuters

Bei einem Interview mit dem schwedischen Fernsehsender SVT kommt der isländische Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson ins Stottern. Der Frage, ob er mit der Briefkastenfirma Wintris Inc. gearbeitet habe, weicht er aus. Heute protestieren Tausende vor dem Parlament in Reykjavík und fordern den Rücktritt des Premiers. Baldvin Jónsson, 45, ist einer der Organisatoren des Protestbündnisses „Jæja“ und erklärt, warum er sich vom Premier betrogen fühlt, und was die Enthüllungen der Panama Papers für das Land bedeuten.   

jetzt: Herr Jónsson, das öffentliche isländische Fernsehen hat am Sonntag ein Interview mit Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson gezeigt. Bei der Frage nach seiner Beteiligung an einer Briefkastenfirmen entglitt ihm das Gesicht, er kam ins Stottern, brach das Gespräch später ab und verließ den Raum. Was haben Sie in diesem Moment gedacht?  

Baldvin Jónsson: Ich habe das Gespräch zu Hause mit meiner Familie gesehen. Gunnlaugssons Reaktion fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Es war so peinlich. Ich schäme mich für unsere Regierung, für unser Land.  

Hat Sie überrascht, dass der Premierminister Anteilseigner einer Offshore-Firma war?

Überrascht hat mich, wie direkt er daran beteiligt war. Und dass sich in den Unterlagen der Anwaltskanzlei „Mossack Fonseca“ außerdem 600 isländische Namen finden, die Briefkastenfirmen gegründet haben. Ich hatte höchstens mit ein paar Dutzend gerechnet.  

Fühlen Sie sich vom Premierminister betrogen?

Er hat die Leute schlicht verarscht. Nach der Finanzkrise 2008 hat er den großen Retter gespielt, wollte isländische Gläubiger bevorzugt entschädigen. Und jetzt diese Geschichte. 

Welche Auswirkungen haben die Enthüllungen der Panama Papers auf das Renommee des Landes?

Der Imageschaden ist enorm – und das war er ja schon in der Finanzkrise, als bekannt geworden war, dass sich isländische Banker gegenseitig unsicherere Kredite gegeben und ihre Banken manipuliert hatten. Jetzt steht Island wieder in schlechtem Licht da.    

Wie ist die Stimmung im Land?

Aufgeladen. Es gibt wohl kaum einen Isländer, der das Interview am Sonntag nicht gesehen hat, bei der Ausstrahlung waren die Straßen wie leer gefegt. Jetzt fordern die Menschen Veränderung. Ich und Tausende andere haben gestern Abend vor dem Parlament in Reykjavík protestiert.  

Was fordern Sie?

Den Rücktritt des Premierministers und des Parlaments sowie den Einsatz einer Übergangsregierung bis zu Neuwahlen in diesem Sommer. Dafür haben wir auch eine Petition unterschrieben.  

In einer öffentlichen Stellungnahme hat der Premier heute Mittag einen Rücktritt ausgeschlossen. Seine Beteiligung an einer Briefkastenfirma sei ein „Missverständnis“ gewesen, sagte er.

Das ist lächerlich. Ich hoffe sehr, dass er zurücktritt. Alles andere wäre eine noch größere Schande für unser Land.   

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