24 Stunden sind kein Tag

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24 – Day 4 Mit: Kiefer Sutherland, William Devane, Kim Raver, Alberta Watson, u.v.m. Warum diese Serie auf DVD? Weil James Bond und Mission Impossible in Sachen Heldenkino doch schon seit einer Weile unendlich anöden. Die besseren Action-Drehbücher laufen im Fernsehen – „24“ ist eines der schönsten Beispiele dafür. Außerdem muss man sich in der DVD-Version nicht von den Cliffhangern quälen lassen, sondern kann – wenn es gerade sosososo spannend ist – einfach die nächste Folge wegglotzen. Und die nächste. Und die nächste.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bilder: Twentieth Century Home Entertainment Worum geht’s? Auch „Tag 4“ der legendären Echtzeit-Actionserie beginnt wie gewohnt mit einer Katastrophe, die den Alltag von Jack Bauer (Kiefer Sutherland) sauber durcheinanderbläst. Jack ist allerdings nicht mehr der bei Antiterroreinheit CTU, sondern als persönlicher Berater für den Verteidigungsminister (William Devane) tätig. Doch genau der wird entführt. Im Internet wollen ihm die muslimischen Entführer den Schauprozess machen und ihn anschließend vor den Augen der Welt hinrichten. Man muss nicht lange suchen, um Parallelen zu den Aktivitäten von al-Sarkawi und anderen zeitgenössischen Radikalen zu erkennen – doch der Schauprozess entpuppt sich nur als eines von vielen Problemen, denen sich Jack Bauer an seinem vierten „härtesten Tag seines Lebens“ gegenüber sieht. Eine weitere Storyline um eine muslimische Familie von „Schläfern“ führte bei der Ausstrahlung in den USA zu einer mittleren Kontroverse – zu klischeehaft sei die Darstellung von amerikanischen Muslimen, prangerte das Council on American-Islamic Relations (CAIR) an, die Serie schüre damit Fremdenfeindlichkeit und Misstrauen gegenüber dem Islam. „Day 4“ wurde trotz dieses Streits von vielen Kritikern als die beste Staffel bisher gelobt. Da ist was dran, denn die bisherige Standardformel „US-Präsident wird durch Morddrohung/Bombe/Virus erpresst und Jack Bauer muss ihn raushauen“ wurde zugunsten mehrerer unterschiedlicher Handlungsstränge abgewandelt. Auch sonst hat sich einiges geändert: David Palmer ist nicht mehr Der Farbige Präsident, Jacks Tochter Kim bringt sich nicht mehr ständig selbst in Gefahr, die CTU-Mannschaft wurde größtenteils ausgetauscht. Geblieben ist leider die grauenvolle Chloe, die wirklich jede Szene mit exakt demselben genervten Gesichtsausdruck und denselben Pustebacken und denselben Schmollfalten auf der Stirn beendet. Ein weiterer Schwachpunkt: Das Echtzeitprinzip, anfangs noch revolutionär, wird mit jeder weiteren Folge fragwürdiger: Dramaturgie, Platzierung von Werbeinseln und Cliffhanger am Ende jeder Episode scheinen wichtiger als die Tatsache, dass eine Autofahrt von A nach B nur drei Sekunden dauert, wenn es gerade genehm ist – eine Person aber einen kompletten Werbeblock braucht, um einmal über den Flur zu gehen. Aber genug Erbsen gezählt: „24“ bleibt neben „Lost“ die wohl spannendste Serie derzeit, daher ist es voll in Ordnung, dass Jack Bauer (alias Kiefer Sutherland) seinen Vertrag verlängert hat, einen Auftritt bei den "Simpsons" bekommt – und myspace.com bald Episoden von „24“ im Angebot hat. Bestes Bonusmaterial: Die Vorschau auf den fünften Tag: Jack telefoniert mit seinem alten Kumpel dem Präsidenten, Jack setzt sich in der Abendsonne eine Pilotenbrille auf, Jack taucht unter und lebt als versiffter langhaariger Kapuzenpulliträger – wie geil wird das denn bitte noch alles? Schlechtestes Bonusmaterial: Traditionsgemäß ist das Bonusmaterial auf „24“-DVDs ein eher ödes Behind-the-scenes-Technikfest. Die PR-Abteilung der Marines führt ein paar Waffen vor, man sieht wie die Schienen verlegt werden auf denen nachher eine Kamera entlang schnurrt und andere Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen will. Macht ja nur alles kaputt, was die Serie selbst an spannender Parallelwelt aufgezäumt hat. Noch schlimmer ist nur das Musikvideo zu „The Longest Day“, das die Titelmelodie von „24“ zu einem Trance-Anthem hochjuckelt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Schönstes Standbild: 0:27:57 in Folge 4 – Oscar-Preisträgerin Shohreh Aghdashloo spielt die teuflische Mutter der Schläferfamilie so meisterhaft böse – und macht einen trotzdem irgendwie auch, ja tatsächlich: scharf. Beängstigend. Wann ansehen: Kurz vor der Fußball-WM, um so richtig schön paranoid draufzukommen: „Uh, dahinten ein dunkelhaariger Mann mutmaßlich muslimischen Glaubens. Ob er wohl eine Atombombe in der Unterhose hat? Besser mal die Polente rufen.“ “24 – Season 4“ (Twentieth Century Home Entertainment) ist ab 18. Mai im Handel.

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