Die tollkühnen Dogtown Boys auf ihren rollenden Brettern

Nach der Dokumentation "Dogtown & Z-Boys" vor ein paar Jahren kommt die Geschichte von der Erfindung des modernen Skateboardings nun als Spielfilm auf DVD heraus. "Dogtown Boys" hat als roughes und topauthentisches Street-Drama jedoch so seine Schwächen.
christoph-koch

Neu auf DVD: Dogtown Boys (2005) Regie: Catherine Harwicke Mit: Heath Ledger, Emile Hirsch, Victor Rasuk, John Robinson, Johnny Knoxville, u.v.m. Warum diesen Film auf DVD? Weil die Surf- und Skateszenen im Kino so schnell vorbei waren. Außerdem bietet die DVD die „Extended Version“ des Filmes – in der im Gegensatz zum Kinofilm wenigstens ein bisschen gekifft, geknutscht und gepöbelt wird.

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Illustration: Julia Schubert

Worum geht’s? Santa Monica, Venice, Beach, Kalifornien – Anfang der Siebziger. Eine Gruppe Jungs surft todesmutig vor dem Pier des geschlossenen Vergnügungsparks Pacific Ocean Park, geht zur Schule und jobbt nebenher im Surfshop von Skip Engblom (Heath Ledger). Mehr und mehr fangen sie jedoch an, sich für Skateboarding zu interessieren, und als eine große Dürre alle Kalifornier zwingt, ihre Pools austrocknen zu lassen, klettern die langhaarigen Halunken in die Gärten und lernen, statt in den Wellen des Ozeans in den steilen Wänden der leeren Swimmingpools zu surfen. Skatelegende Stacy Peralta hat diese Geschichte vor drei Jahren mit dem zurecht preisgekrönten Dokumentarfilm „Dogtown & Z-Boys“ bereits meisterhaft erzählt. Nun hat er ein Filmdrehbuch geschrieben und die Geschichte mit Schauspielern, Dialogen und Rahmenhandlung noch einmal richtig aufgerollt, während in der Dokumentation oft nur das Abfilmen von Fotografien und erzählerische Rückschauen möglich waren. Stacy Peralta (im Film gespielt von John Robinson, bekannt aus Gus Van Sants „Elephant“), Jay Adams (Emile Hirsch) und Tony Alva (Victor Rasuk) werden zur Elite des Zephyr Skate Teams, das Surfshopbesitzer Engblom zusammenstellt. Sie revolutionieren durch ihren radikalen Stil das bis dahin auf braves Gehsteiggerolle beschränkte Skateboarden, gewinnen alle nur erdenkbaren Wettbewerbe und werden innerhalb von kurzer Zeit zu reichen und sexuell ausgelasteten Popstars. Doch natürlich bleibt nicht alles eitel Sonnenschein, denn mit dem Erfolg kommt der Kommerz und mit dem Geld die miesen Charaktere (Johnny Knoxville et al.), die das Team der gutherzigen blonden Surfskater verderben und auseinanderbringen. Leider reicht der Film die meiste Zeit über nicht an die brillante Dokumentation von 2001 heran, deren wahre Geschichte er zwar originalgetreu nacherzählt, ihr aber auch nur wenig hinzuzufügen vermag. Die Charaktere der jungen Skater bleiben blass, einzig Heath Ledger gibt den ständig betrunkenen, herrischen, aber auch liebevollen Übervater in der Rolle des Surfshopbesitzers Skip Engblom absolut brillant.

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Illustration: Julia Schubert

Erst hatte Produzent David Fincher („Seven“, „The Game“, „Fight Club“) den NuMetaller Fred Durst als Regisseur für den Film vorgesehen. Dann wollte er es selbst machen, ließ sogar Roger Avary („Pulp Fiction“, „Killing Zoe“, „Rules of Attraction“) am Drehbuch herumschrauben. Schließlich übernahm die ehemalige Produktionsdesignerin Catherine Hardwicke („Thirteen“) den Regiestuhl – und leider merkt man dem Film dieses lange Hin und Her ein wenig an. Vieles wirkt wie eine ziellose Reihung von (zugegeben: lässigen) Anekdoten, dazu ein wenig Liebe, Eifersucht, gescheiterte Eltern – fertig ist das echt roughe und topauthentische Street-Drama. Sehenswert ist der Film trotzdem, auch wegen der Surf- und Skateszenen, dem meisterhaft eingefangenen Zeitkolorit und dem Soundtrack mit so unterschiedlichen Seventiesgranaten wie Jimi Hendrix, Social Distortion, Blue Oyster Cult, Iggy Pop, Black Sabbath, Ted Nugent, und Rod Stewarts „Maggie May“. Bestes Bonusmaterial: Der kleine Bonusfilm, in dem die Gastauftritte der echten Z-Boys (von Jay Adams bis Tony Alva) gezeigt werden. Die verpasst bzw. übersieht man im Hauptfilm nämlich leicht. Aber auch die vielen Making Ofs sind interessant – es gibt noch eine ganze Menge Poolskate-Footage und in einem Beitrag erfährt man beispielsweise, dass man ein gebrauchtes Riesenrad schon für 7000 Euro bei eBay bekommen kann. Schlechtestes Bonusmaterial: Das alberne Intro von Regisseurin Catherine Harwicke, in dem sie sich bei der Motion Picture Association of America anbiedert. Die den Film zwar mit der Altersfreigabe „PG-13“ in die Kinos ließ, ihn dafür aber durch Herausschneiden von Drogen, Sex und ordinärer Sprache all dem beraubte, was die Skatekultur im Grunde ausmacht. Schönstes Standbild: 1:15:55 – der Moment in dem Skateboarding von der Sub- zur Massenkultur wird: Stacy Peralta dreht in der Serie „Charlie’s Angels“eine Pirouette auf seinem Board. Den TV-Serien-Regisseur in dieser Szene spielt übrigens der echte Stacy Peralta. Und den bizarren Gehsteig-Auftritt in der Serie gab es 1979 wirklich. Wann ansehen: Wenn es draußen regnet und man sich nach kalifornischer Sonne sehnt – oder wenn man einen weiteren Beweis für die These braucht, dass alles Coole, Wahre und Gute in der Subkultur entsteht und anschließend vom doofen Mainstream zu Klump gehauen wird. “Dogtown Boys“ (Sony Home Entertainment) ist ab 4. April im Handel (Fotos: Sony)

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