Ein Traum von Freiheit

Der japanische Film „19“ von Kazushi Watanabe erzählt in wunderschönen Bildern die Geschichte einer Entführung, die auch eine Geschichte über Freundschaft und Freiheit ist.
lisa-goldmann
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Illustration: Julia Schubert

19 (Japan 2000)


Warum diesen Film auf DVD? „19“ ist ein wunderbarer japanischer Film, der eine eigene Welt aufbaut, die ganz weit weg liegt von bunten Mangas und schriller Großstadtästhetik.

Worum geht’s?
Der Film „19“ beginnt mit einer Entführung. Der Student Usami wird von drei jungen Männern in ein Auto gezerrt und einfach mitgenommen. Damit greift der japanische Regisseur Kazushi Watanabe ein Ereignis auf, das einem Freund von ihm wirklich passiert ist: der Freund wurde entführt und nach einiger Zeit einfach wieder freigelassen, die Motive der Entführer sind bis heute unklar. Unklar bleiben die Motive auch im Film. „19“ ist kein soziologischer Erklärungsversuch für das Verhalten von Tätern und Opfer, es werden keine Reaktionsmöglichkeiten durchgespielt. Dem Zuschauer bleibt das Verhalten sowohl Usamis als auch der Entführer fremd und unnachvollziehbar. Die wunderschön verfremdeten Bilder, die wie überbelichtet wirken und dem Film einen blass-silbernen Look geben, lassen eine Stimmung wie in einem Traum entstehen. Diese Atmosphäre wird noch verstärkt durch die verzerrten Elektrogitarren-Klänge, die die einzige Filmmusik sind und die an düstere Italo-Western erinnern. Wie in einem Traum bewegt sich auch Usami, seltsam bedrückt und gedämpft. Er nimmt seine Entführung hin, durchaus beunruhigt und ängstlich, aber er sträubt sich nicht, er stellt noch nicht einmal die naheliegendste Frage nach dem warum. Nur einmal will er wissen, wie spät es sei und wann er wohl wieder nach Hause dürfe. Usami fügt sich in die Rolle des Entführten ein und erfüllt sie pflichtbewusst, einmal, als er die Chance zur Flucht hat, unternimmt er zwar den Versuch, doch geht er dabei so halbherzig vor, dass ihn seine Entführer wieder einfangen müssen, er läuft ihnen praktisch in die Arme. Die Entführer, sie sind nicht viel älter als Usami, agieren mit großer Routine und Gelassenheit, sie scheinen zu wissen, was sie tun. Deswegen ist „19“ so spannend, weil trotz der Verfremdung das Verhalten der Beteiligten ganz bestimmten Regeln zu unterliegen scheint, es sind eigene Regeln, doch im Laufe des Films findet sich der Zuschauer in dieser Welt immer besser zu recht. Zwischen den Entführern und ihrem Opfer entwickelt sich eine eigenartige Dynamik, ein seltsamer Tanz aus aufeinander zu- und wegbewegen. Die drei Männer, die im Film keine Namen haben, sind freundlich, fast fürsorglich zu Usami, doch sobald der sich sicher fühlt und aus seiner dumpfen Starre zu erwachen scheint, werden die drei plötzlich wieder rücksichtslos und brutal. Zusammen mit Usami unternehmen die Entführer – einen davon spielt Regisseur Kazushi Watanabe selbst – eine Reise, die wie ein Roadtrip angelegt ist. Sie fahren in den Supermarkt, in den Zoo, am Ende ans Meer. Usami und die drei Männer kommen sich immer näher dabei und spätestens, als noch ein zweiter Junge entführt wird, sind die Grenzen zwischen Usami und den Entführern, zwischen Opfer und Täter verschwommen. Fast eifersüchtig reagiert Usami da und als er am Ende endlich freigelassen wird, weigert er sich zunächst, diese Freiheit überhaupt anzunehmen. Denn, das wird im Laufe des Films klar, sein Leben ist nicht frei, sondern von Pflichten und gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt, die ihn bedrücken. Seine Entführer haben sich selbst von dieser Gesellschaft entfernt und Usami eine kurze Auszeit gegeben, die, so paradox es klingt, ein Stückchen Freiheit bedeutete. Bestes Bonusmaterial:
Das Interview mit dem Regisseur. Nicht nur wegen des Überraschungseffekts, dass Kazushi Watanabe, der einen der Entführer mit unglaublicher Coolness und Selbstsicherheit gespielt hat, in Wirklichkeit ein bebrillter Intellektueller mit zerzaustem Haar ist, sondern auch, weil er wirklich interessante Sachen zu sagen hat. Und man erfährt, warum er seinen Film „19“ genannt hat: Er selbst war 19 Jahre, als er die erste Version dieser Geschichte, einen Kurzfilm, gedreht hat.

Schlechtestes Bonusmaterial:
Gibt es nicht. Das wenige Bonusmaterial, das es gibt, ist gut, sogar der obligatorische Trailer ist sehenswert, weil er die Schönheit des Films noch einmal in wenige Minuten packt.

Schönstes Standbild:
Das langsame Sich-Annähern der Figuren ist auch wunderschön in den Bildern festgehalten. Immer wieder gibt es Gruppenbilder der vier jungen Männer, die wie Stationen ihrer Reise sind. Wo Usami anfangs noch ein wenig herausticht, ist er am Ende mit der Gruppe verschmolzen. Die Bildergeschichte dieser Verschmelzung wird bei 15:30 im Auto, bei 23:41 im Restaurant, bei 27:03 in der U-Bahn, bei 28:14 im Zoo, bei 49:33 und schließlich bei 1:14:10 erzählt.

Wann ansehen: Am besten allein, wenn man mal wieder das Gefühl hat, ein bisschen neben sich zu stehen.

Die DVD „19“ (Good!Movies) ist ab sofort in Verleih und Handel erhältlich.

[Bilder: Piffl Medien]

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