Nur die Männer dürfen träumen

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Hustle&Flow (2005)
Buch und Regie: Craig Brewer Mit: Terrence Howard, Taryn Manning, Anthony Anderson, Taraji P. Henson, Ludacris

Warum diesen Film auf DVD? Hustle&Flow ist einer von den guten und authentischen Gangster-wird-Hiphopper-Filmen, der weder das Zuhälter-Dasein, noch das Rapper-Dasein glorifiziert.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Worum geht’s?
„Hustle&Flow“ ist ein Film über einen Mann namens Djay, der einen großen Traum hat, nämlich Musiker zu werden. Diesen Traum hat Djay irgendwann aus den Augen verloren, weil er sich um sein täglich Brot kümmern musste. Das verdient er, indem er Gras vertickt und für drei Frauen, Nola, Shug und Lexus, den Zuhälter gibt. Zu viert wohnen sie in einem kleinen heruntergekommenen Häuschen in Memphis, Djay sagt den Frauen, wo sie anschaffen gehen müssen, er fährt Lexus ins Striplokal und sitzt mit Nola den ganzen Tag im Auto und wartet auf Freier. Am Abend kassiert er das Geld ein, davon zahlt er die Miete und das Benzin, für mehr reicht es nicht. Zumal Shug, hochschwanger, gerade nicht arbeiten kann. Regisseur Craig Brewer, der selbst aus Memphis stammt, hat die Stadt und ihre Menschen gut eingefangen, das geht von den Klamotten, den Frisuren, über den Akzent und die Ausdrucksweise. Man wollte den Menschen in Memphis treu bleiben, sagt der Regisseur, und sie nicht verbiegen, damit sie massenpublikumstauglich werden. Sogar Amerikaner, sofern sie nicht aus dem Süden stammen, haben Probleme, den zähen Südstaatenakzent und all die speziellen Ausdrücke, die verwendet werden, zu verstehen. Brewer nutzt die heruntergekommene Atmosphäre in Memphis, um die klassische Geschichte zu erzählen von einem, der sich nicht abbringen lässt von seinem Weg und seinen Traum verwirklicht. Eines Tages nämlich kauft Djay einem Junkie ein kleines Kinderkeyboard ab und trifft einen alten Schulfreund Key wieder, der ein paar Aufnahmegeräte besitzt, mit denen er in der Kirche Songs aufzeichnet. Er überredet Key ein kleines Tonstudio in seiner Zuhälterbude einzurichten und einen Song mit ihm aufzunehmen, mit dem schönen Namen „It’s Hard out Here for a Pimp“ (Three 6 Mafia bekamen für das Lied einen Oscar).

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Dieser Songtitel hat eine gewisse Ironie, denn auch wenn der Zuschauer sieht, dass Djay es nicht leicht hat im Leben, so sieht er gleichzeitig doch immer auch die Frauen in Djays Hintergrund, die es noch schwerer haben und noch weiter unten stehen: Shug, die von irgendeinem Freier schwanger ist und nicht weiß, wie es weiter gehen soll, Nola, die jeden Tag zu verschwitzten Typen ins Auto steigt und Lexus, die schon ein Kind hat, das sie versorgen muss. Die Sympathien und das Mitleid für Djay, die der Film aufbaut, speisen sich zu großen Teilen aus dessen Selbstmitleid. Djay tut sich selbst leid, er findet, dass er jetzt mal an der Reihe ist und er nützt alle in seiner Umgebung – besonders die Frauen – aus, um seinen Traum zu verwirklichen. Djay ist vielleicht kein besonders schlimmer Zuhälter, aber letzten Endes ist er eben doch einer, der seine Nutten ohne große Gefühle verwaltet und herumkommandiert. Dass das gezeigt wird, kann man einem Film, der von einem Zuhälter handelt, schlecht vorwerfen. Was man ihm aber vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass der Film sich keine kritische Distanz zu Djay erlaubt, er ist der unhinterfragte Held der Geschichte. Besonders deutlich wird das in den Frauenfiguren, die hauptsächlich als Unterstützerinnen im Hintergrund fungieren. Nola und besonders die schwangere Shug scheinen sehr viel Liebe und Empathie für ihren Zuhälter zu empfinden. Sie stellen sich hinter ihn und helfen ihm aufopfernd bei der Verwirklichung seines Traums, am Ende sind sie es, die den Traum überhaupt erst möglich machen. Nur Lexus glaubt nicht an Djay und seinen Traum, sie muckt auf, weshalb sie auch gleich mal hochkant aus dem Haus und aus der Geschichte fliegt. Auch Keys Frau, der es nicht besonders gefällt, dass ihr Mann seine gesamte Freizeit in einem Haus voller Huren verbringt, entschließt sich irgendwann, sich völlig hinter ihren Mann zu stellen, ohne ein Entgegenkommen von ihm zu fordern und erschient eines Tages mit selbstgemachten Sandwiches vor Djays Haus. Nur einmal sagt Nola: „Ich möchte auch etwas haben, irgendetwas, das nur mir gehört und an dem ich festhalten kann.“ Aber sie bekommt es nicht, nicht von Djay und nicht von Craig Brewer, dem Regisseur.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bestes Bonusmaterial:
„Was dahinter steckt“. Ein nettes Making-Of, in dem neben den Schauspielern und dem Regisseur auch die Produzenten John Singleton und Stephanie Allain zu Wort kommen und in dem die Rolle der Frauen als Unterstützer der Männer noch einmal durchleuchtet wird.

Schlechtestes Bonusmaterial:
„Die Geburt des ‚Crunk’“. Hier werden die Hintergründe des „Crunk“, einer speziellen Hip-Hop-Form aus den Südstaaten, beleuchtet. Ein bisschen zu speziell und viel name dropping, so dass man bald abschaltet. Okay, für Hip-Hop-Nerds sicherlich das Schmankerl der DVD.

Schönstes Standbild:
Bei 0:48:05. Djay sitzt auf seinem alten Schrottauto am Flussufer und denkt ein bisschen und leidet ein bisschen und man kann die feuchte Hitze des Südens förmlich spüren. Wann ansehen: Wenn man die Schnauze voll hat von den Hochglanz-Zuhältern auf MTV und sich nach ein bisschen Streetcredibility sehnt.

Die DVD „Hustle&Flow“ (Paramount) ist ab sofort im Handel erhältlich.

[Bilder: Paramount

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