Wie man sich nie bewerben sollte. Folge IX: Burda

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Es mag ja in vielen Bewerbungshandbüchern stehen, aber in meinen Augen bringt es überhaupt nichts, vor einer schriftlichen Bewerbung beim Unternehmen anzurufen. Da kommen dann rhetorische, banale, ja beinahe dümmliche Fragen wie: „Sie suchen also Bewerber für diese und jene Stelle?“ Oft gehen die Fragen einfach nicht über das hinaus, was in der Anzeige steht. Wenn diese Anrufe überhaupt einen Effekt haben, dann den, dass ich von meiner Arbeit abgehalten werde und leicht genervt bin. Ich will jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass wir bei Burda arrogant sind und uns nicht über Interessenten freuen – keineswegs. Aber solche Anrufe bringen einfach nichts. Für all die, die trotzdem anrufen, keine Sorge: Ich notiere mir die Namen der Anrufer nicht! Weil wir bei Burda unter anderem Grafiker, also besonders kreative Leute suchen, erreichen uns mitunter sehr skurrile Bewerbungen. Dann kommt ein Anruf von der Pforte und es ist klar: Jemand hat mal wieder eine ganze Fotokiste mit Unterlagen geschickt. Oft geht einen Raunen durch den Flur und die Kiste bekommt eine kurzfristige Aufmerksamkeit, aber dieser Effekt ist schnell vorbei. Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass besonders aufwendige Bewerbungen inhaltliche Defizite kompensieren wollen. So war das zumindest in dem Fall mit der Kiste. Ein anderer Grafik-Bewerber hat mal ein T-Shirt mit seinem Lebenslauf und bisherigen Berufsstationen bedruckt. Diese Idee kam ein bisschen besser an als die Riesenkiste, aber wirklich zielführend war auch das nicht. Ich bin der Meinung: Es sind die konventionell verfassten und inhaltlich überzeugenden Bewerbungen – ob auf Papier oder per Email –, die erfolgreich sind. Was ich in Bewerbungsgesprächen nicht leiden kann, ist übertriebene Coolness. Bewerber, die – bildlich gesprochen – die Füße auf den Tisch legen und sich betont gelassen geben. Da vermisse ich die Ernsthaftigkeit und die Haltung, dass der Bewerber die Stelle auch wirklich haben will. Unangenehme Situationen in Bewerbungsgesprächen ergeben sich auch immer dann, wenn ich bei bestimmten Punkten im Lebenslauf nachfrage, zum Beispiel bei der berühmten „Arbeitserfahrung in Australien“. Dann gerät das Gespräch ins Stocken oder der Bewerber verstrickt sich in Widersprüche. Ich lege es dem Betreffenden in jedem Fall besser aus, wenn er eingesteht: „Naja, eigentlich bin ich primär zum Tauchen nach Australien gefahren.“ Fernreisen sind toll und können durchaus ein Thema in einem Bewerbungsgespräch sein! Auch bei der Kleidung kann man viel falsch machen. Ich habe prinzipiell nichts gegen legere Kleidung, aber erst neulich hatte ich wieder ein Bewerbungsgespräch, zu dem der Betroffene mit einem T-Shirt voller Spaghetti-Flecken erschienen ist – gepflegt sollten die Bewerber schon erscheinen. Zu dem Thema fällt mir noch eine Geschichte aus meinen Anfängen als Personalchef ein: Eine Bewerberin, die ich nach unserem ersten Gespräch als vielversprechend eingestuft hatte, wurde zu einem Zweitgespräch mit meinem Vorgesetzten eingeladen. Wir machen bei Burda in der Regel zwei Gespräche. So erhält man vom einzelnen Bewerber mehr als nur eine Momentaufnahme. Zu diesem zweiten Termin jedenfalls, das gemeinsam mit meinem Vorgesetzten stattfand, erschien die Bewerberin in einer derart aufgeknöpften Bluse, dass man befürchten musste, es könnte schlimmeres passieren, wenn sie sich bewegt. Mein Vorgesetzter und ich sahen uns kurz an und es war klar, dass sich die Bewerberin selbst disqualifiziert hatte. Ich ärgerte mich in diesem Fall weniger über sie als über mich selbst: Ich hatte sie einfach völlig falsch eingeschätzt. +++

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Illustration: Julia Schubert

Dr. Kai Viktor Burr +++ Hier Teil eins der Personaler-Kolumne: die Werbeagentur Hier Teil zwei der Personaler-Kolumne: Greenpeace Hier Teil drei der Personaler-Kolumne: Siemens Hier Teil vier der Personaler-Kolumne: MTV Hier Teil fünf der Personaler-Kolumne: der Personalberater Hier Teil sechs der Personaler-Kolumne: McDonald`s Hier Teil sieben der Personaler-Kolumne: IKEA Hier Teil acht der Personaler-Kolumne: Lufthansa

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