Wie man sich nie bewerben sollte: Heute packt der Personalberater aus

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Die Bewerber bei Auswahlgesprächen bewegen sich zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite gibt es die stillen Mauerblümchen, auf der anderen die aufgedrehten Dampfplauderer. Im internationalen Vergleich sind diese Typen noch stärker ausgeprägt: während in Amerika das Prinzip der Selbstvermarktung ja praktisch erfunden wurde, neigt die Ausbildung in hierarchischen Gesellschaften wie Russland zum Beispiel dazu, sozial weniger kompetente, dafür aber fachlich hochbegabte Bewerber hervorzubringen. Am besten ist es, wenn sich beide Talente zu einer gesunden Mischung aus Selbstdarstellung und Zurückhaltung vereinen; nur mit einer dieser Eigenschaften kommt man nicht weit. Das möchte ich an einem Beispiel belegen: Ich habe einmal nach einem Kandidaten für eine kaufmännische Leitungsposition in einem deutschen Unternehmen gesucht. Ein junger Russe hatte sich beworben, mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen und fachlich hochqualifiziert; der perfekte Kandidat. Nur: Die ganze Zeit über machte er ein derart finsteres Gesicht, als stünde ihm gleich seine Hinrichtung bevor. „So werden Sie den Job nicht bekommen“, habe ich zu ihm gesagt. „Wieso?“ fragte er und verzog keine Miene. „Sie müssen zeigen, dass Ihnen die Arbeit auch Spaß macht. Sie müssen schon ein bisschen lächeln dabei.“ Darauf sagte er nur trotzig: “Ich bin kein Clown.“ Ich konnte ihn später überzeugen, dass ein gewisses Maß an menschlicher Wärme und Sympathie notwendig für jedes gelungene Einstellungsgespräch ist. Rein fachlich gesehen hatte er ja nichts zu befürchten. Für den Termin beim Unternehmen aber haben wir vereinbart, dass er seinen Gesprächspartner jedes Mal freundlich anlächelt, wenn ich mich an der Glatze kratze. Achtmal habe ich mich gekratzt, achtmal hat er freundlich gelächelt. Die Stelle wurde letztendlich mit ihm besetzt, und einige Zeit später kam sogar sein Chef auf mich zu. Er meinte, er schätze seinen subtilen russischen Humor. Was ich damit sagen will, ist nicht, dass man ein Dauergrinsen im Bewerbungsgespräch aufsetzen sollte. Das wäre im Endeffekt nur eine hohle Fassade, und die fiele irgendwann in sich zusammen. Soziale Kompetenzen müssen aber im Kern vorhanden sein und sichtbar werden. Man belegt sie am besten anhand von Nebenaktivitäten und Praktika, an denen man aufzeigt, dass man kommunikativ ist, sich an zeitliche Absprachen hält und Talent in Koordinationsfragen mitbringt. Nach den eigenen Stärken oder Gründen für die Bewerbung gefragt, sollte man darauf achten, jeden Standpunkt mit aussagekräftigen Beispielen zu unterfüttern. Der einfache Vorsatz: „Ich habe einfach Lust auf den Job“ oder die tiefgründige Variante „… schon als Kind habe ich davon geträumt…“ reichen hier nicht wirklich aus. Manchmal allerdings helfen einem als Bewerber auch die besten Begründungen nichts - dann liegt es am Unternehmen selbst. Ich erinnere mich an einen besonderen Fall, in dem ich eine Kandidatin für eine Stelle ausgesucht hatte. Alles passte bei ihr, doch der Chef des Unternehmens fand sie mit ihren 25 Jahren zu jung - er stelle Mitarbeiter in der Regel erst ab 30 ein. Die Bewerberin hatte ihr Studium aber im Ausland abgeschlossen und war daher früher fertig geworden. Das konnte nicht ihr Nachteil sein. Nach einiger Zeit ging auch dem Chef auf, wie absurd es wäre, prinzipientreu noch fünf Jahre zu warten. Die junge Frau bekam den Job. Mein Fazit: In einem Bewerbungsgespräch treten immer wieder Unwägbarkeiten auf, die man selbst mit gewissenhafter Vorbereitung nicht ausräumen kann. Trotzdem sollte man es nicht als Zwangstermin begreifen, der schnell vorbei gehen soll, sondern als das, was es ist: eine Chance. +++

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Sergey Frank +++ Hier Teil eins der Personaler-Kolumne: Die Werbeagentur Hier Teil zwei der Personaler-Kolumne: Greenpeace Hier Teil drei der Personaler-Kolumne: Siemens Hier Teil vier der Personaler-Kolumne: MTV

  • teilen
  • schließen