Polarnacht-Kolumne: Interessante Begegnungen

Zwei Monate ohne Sonne - unsere Autorin verbringt ihren ersten Winter in Tromsø, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises.
ulrike-heinrich

Polarnacht-Kolumne: Interessante Begegnungen

Woche 4
Temperatur: +3 bis -8° C
Schneehöhe: stark variierende Restbestände an wiedervereistem Matsch.
Stimmung: heiter bis gewittrig.
Male, die ich diesen Winter schon "Last Christmas" hören musste: 0

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Das obligatorische stimmungsvolle Landschaftsbild zum Einstieg

Obwohl ich die dünne Besiedlung meiner neuen Heimat zu schätzen weiß, ist ein Ort nichts ohne seine Bewohner. Heute will ich ein paar der Menschen vorstellen, mit denen ich hier bisher zu tun hatte.

Der Vermieterfreund

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

In seinem Element.

Woher ich ihn kenne: Aus dem Internet, wo er eigentlich jemanden zum Segeln gesucht hatte.
Was er macht: Er verwüstet bei jedem seiner Besuche wieder das Haus, setzt sein Segelboot auf Grund, knallt es gegen Brückenpfeiler, und schnorrt mein Essen. Und ist dabei so liebenswert, dass man ihm nichts übelnehmen kann.
Was uns verbindet: Die Leidenschaft für Segeln, fettiges Essen und Rotwein, lustige bis tiefschürfende Saunagespräche.
Typischer Satz: "Mmhhh, that smells really good..."

+++

Der lässige Boss

Woher ich ihn kenne: Von einer Anzeige für einen kleinen Putzjob, auf die ich mit einer eher unmotivierten Email antwortete. Ein paar Stunden später rief er an, ein paar Tage später trafen wir uns, er fragte kurz nach meiner Erfahrung und für wie lange ich hier sein und den Job behalten würde. Ich sagte, ich würde bleiben. Er hielt mir den Vertrag unter die Nase, erklärte mir mit viel trockenem Humor die Arbeit und lud mich dann auf ein Bier ein.
Was er macht: Er stellt von Oslo aus Leute in ganz Norwegen ein. Tromsö sei von ihm so weit entfernt wie Paris, erklärte er mir, und er würde lieber nach Paris fliegen als hierher zu einem Vorstellungsgespräch.
Was uns verbindet: Er will jemanden, der den Job ordentlich macht und nicht gleich wieder kündigt; ich will einen Job, in dem ich nicht ständig behelligt werde und Angst vor Kündigung haben muss.
Typischer Satz: "Hi, Madame Heinrich!"

+++

Das Missionarsmädchen

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ihr Einsatzort, hier allerdings um zwei Uhr nachmittags.

Woher ich sie kenne: Sie gehört zu einer Gruppe von Bibelschülern, die an Wochenendnächten in der Haupt-Ausgehstraße versuchen, betrunkene Passanten zu bekehren.
Was sie macht: Sie bietet kostenlos Kaffee und Kekse an und möchte über Jesus reden. Als ich ihr sagte, dass ich nicht nur weder Kaffee trinke noch Weizenmehl vertrage, sondern auch religiös ein hoffnungsloser Fall sei, war sie sehr betrübt. Ich versuchte sie noch eine Weile zu trösten, während ich auf den Nachtbus wartete. Sie versicherte mir, sie würde für mich beten. Ich fand sie süß, aber das behielt ich für mich.
Was uns verbindet: Ein gewisses Maß an Weltfremdheit, schätze ich.
Typischer Satz:  "I think Jesus is sad for you."

+++


Der freundliche Penner

Woher ich ihn kenne: Vom Warten auf den Bus.
Was er macht: Er lächelt Menschen an und beginnt höflich mit leiser, freundlicher Stimme eher einseitige Gespräche. Er nippt diskret aus einer Flasche in einer braunen Papiertüte. Kein Vergleich zu den Pennern, die in Helsinki laut fluchend Bierdosen durch die Tram schmeißen und alle beschimpfen, bis der Fahrer die Polizei ruft.
Was uns verbindet: Ein verschwörerisches Lächeln.
Typischer Satz: "Så mange sider..." (Kopfschüttelnder Kommentar zu dem Buch, das ich gerade las: "So viele Seiten...")

+++

Der Husky-Mann

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

So wohnen Husky und Mann.

Woher ich ihn kenne: Von zufälligen Treffen in der Nachbarschaft, die heimlich immer weniger zufällig wurden. Er wohnt in einem noch primitiveren, aber deutlich ordentlicheren Häuschen direkt am Meer, ohne fließendes Wasser. Im Winter bekommt er kaum Besuch, weil es den meisten Leuten zu mühsam ist, sich durch den Schnee zu seinem Haus zu wühlen.
Was er macht: Er schreibt, hackt Holz und geht mit seinem Husky laufen. Ab und zu fährt er mit dem Hundeschlitten in die Berge. Wenn ich vorbeikomme, erzählt er mir bei Roiboos-Tee aus seinem sehr bewegten Leben, von den Sami, von der Gegend hier, und vom noch viel arktischeren Spitzbergen.
Was uns verbindet: Die Liebe zur arktischen Natur. Der Drang, die Welt zu retten. Der Kampf mit dem Scheitern.
Typischer Satz: Je nach Laune "I'm an old man, you know..." oder "I have ice cream!!"

+++

Die Lieblingsfranzösin

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Bei einem unserer Versuche, sportlich zu werden.

Woher ich sie kenne: Vom Vortrag eines bisexuellen südafrikanischen Aktivisten in der Studentenkneipe.
Was sie macht: Sie forscht an der Uni. Wenn ich gestresst bin, schenkt sie mir Schokolade und Nüsse. Wenn gerade irgendwie gar nichts mehr geht, nimmt sie mich in den Arm. Sie sollte unbedingt mal wieder die ganze Nacht mit mir dem Kaminfeuer zusehen und reden, bis wir beide einschlafen. Crêpes.
Was uns verbindet: Eine sehr entspannte Grundeinstellung, ähnliche Ansichten und Erfahrungen.
Typischer Satz: "And don't worry about cleaning up - I don't give a fuck."

  • teilen
  • schließen