Polarnacht-Kolumne: Was bleibt

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Woche 10
Temperatur: -12° bis +2° C
Schneehöhe: ca. 50 cm
Stimmung: durchwachsen
Tage bis zum (potentiellen) ersten Sonnenstrahl: 1

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Illustration: Julia Schubert

Verheißungsvolles Licht am Horizont

Morgen ist es soweit: Die Sonne schafft es zum ersten Mal seit November wieder über den Horizont. Ich habe die Polarnacht unbeschadet, wenn auch gegen Ende mit zunehmender Ungeduld, überstanden. Damit endet leider auch diese Kolumne. Zum Abschluss habe ich mir die Frage gestellt, was ich aus dieser Zeit mitnehme.

Die Polarnacht ist nicht nur dunkel
Als ich , dachte ich, es würde zwei Monate lang komplette Nacht herrschen. Im Nachhinein finde ich es schwer vorstellbar, dass ich das in Kauf genommen hätte. In dieser Breitenlage ist die Polarnacht nämlich keine völlige Nacht, und darüber war ich dann doch sehr froh. Um die Helligkeit, die nun Seltenheitswert hatte, auszunutzen, und natürlich um im Dunkeln das Nordlicht über den Himmel wandern zu sehen, verbrachte ich mehr Zeit am Fenster und draußen als an irgendeinem früheren Wohnort.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Vorzug der dunklen Seite des Winters

Winter ist nicht gleich Winter
Hier oben lässt sich der Winter in verschiedene Jahreszeiten unterteilen. Es gibt den Winter vor dem Schnee, das ist die trostloseste Zeit des Jahres. Viel schöner wird es, wenn eine Schneedecke das spärliche Tages- und das Mondlicht reflektiert. Und nun steht der beliebteste Winter an, der Spätwinter: es wird noch bis April Schnee liegen, während die Tage immer länger werden (ab Ende Mai geht die Sonne nicht mehr unter). Auf meiner to-do-Liste: nachts bei Sonnenschein Ski fahren.

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Illustration: Julia Schubert

Die Sonne kurz vor dem Durchbruch

Besondere Umstände schaffen besondere Freundschaften
Ich kämpfe immer noch mit meiner , in der kaum etwas richtig funktioniert und in der ich seit Ende Dezember kein fließendes Wasser mehr habe. Ich schleppe Kanister und dusche weiterhin auswärts. Was ist schon normal? Dafür hätte ich mich sicher nicht so schnell und so eng mit der Lieblingsfranzösin angefreundet, wenn ich nicht auf ihre Dusche und Waschmaschine angewiesen wäre. Für sie dagegen ist es nett, Gesellschaft zu haben, und einen wilden Rückzugsort in meiner Hütte. Wir wurden innerhalb kürzester Zeit so viel mehr als eine Zweckgemeinschaft, dass Außenstehende oft davon ausgehen, dass wir schon lange vor unserem Umzug hierher befreundet waren. Mit dem Husky-Mann hat sich ein Verhältnis entwickelt, das zwischen inspirierender Freundschaft und manisch-depressiver Romanze oszilliert. Es fühlt sich immer noch zerbrechlich an, aber durch unglaubliche Zufälle werden wir immer wieder zusammengeführt. Er ist nicht überrascht: "Of course there is magic - we're in the !".

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Illustration: Julia Schubert

Mehr wert als Zentralheizung und fließendes Wasser

Kein Weg zurück 
Das Leben in meiner Hütte hat mich für die Zivilisation verdorben. Um keinen Preis würde ich die Bäume, das Meer und die Berge vor meinem Fenster wieder gegen Hauswände und Straßen eintauschen wollen, oder die Freiheit, mitten in der Nacht lauthals singen zu können, gegen die dünnen Wände einer Stadtwohnung. Die paar Male, die ich bei der Lieblingsfranzösin auf dem Sofa schlief, irritierten mich all die Geräusche der Nachbarn und der Autos. In einer "normalen" Wohnsituation würde ich mich für immer eingeengt fühlen. Das Verhältnis zu meinem Vermieter hat durch den Zustand seines Hauses und seine Einstellung dazu sehr gelitten, aber eine bessere Alternative ist nicht in Sicht.

Neue Pläne
Diese Kolumne, die mich durch die Polarnacht begleitet hat, war keine Einbahnstraße. Neben vielen netten und ermutigenden Kommentaren, über die ich mich sehr freute, gab es auch die eine oder andere Anregung. Ich will den Vorschlag aufgreifen, den hier lebenden Freund eines Mitbewohners von zu kontaktieren, und den von empfohlenen Eisbadeverein aufsuchen. Für diejenigen, die meine Erlebnisse weiter mitverfolgen möchten, habe ich gerade ein eingerichtet, und vielleicht wird es sie tatsächlich irgendwann in Buchform zu lesen geben. Außerdem bin ich gespannt, wie viele der Leute, die mir einen Besuch "androhten", sich wirklich auf den Weg machen werden.

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Illustration: Julia Schubert

Eine nachmittägliche Nachtwanderung am Strand

"Was macht die Dunkelheit mit einem?"
Diese Frage wurde mir oft gestellt, und ehrlich gesagt muss meine Antwort lauten: nicht so viel. Natürlich ist die Stimmung in der mørketid, der dunklen Zeit, nicht ausgelassen. Es geht etwas ruhiger zu, man fährt vielleicht einen Gang runter. Die schlägt sich also durchaus ein bisschen auf die Laune nieder, aber ich mag die nordnorwegische Einstellung, dass das eben dazugehört. Was wäre die ewige Helligkeit im Sommer ohne die lange Nacht davor? Ich habe den natürlichen Kreislauf, der hier das Leben beeinflusst, angenommen. Und jetzt erwarte ich die ersten Sonnenstrahlen wie ein kleines Kind die Bescherung.

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