Polarnacht-Kolumne: Woran ich merke, dass ich in der Arktis bin

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Woche 3 Temperatur: von -10° bis +3°C Schneehöhe: von ca. 20 cm bis Tauwetter Stimmung: überarbeitet Maximale Anzahl an Couchsurfern im Haus: 7

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Blick von meinem Fenster in den Schneesturm   Seit fast zwei Wochen habe ich nun keinen Sonnenstrahl mehr gesehen, und ich bin immer noch guter Dinge. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine innere Uhr nicht mehr richtig tickt, weil es schon um zwei Uhr nachmittags nächtlich aussieht. Außerdem ist die Dunkelheit ja nicht das Einzige, was das Leben in der Arktis ausmacht. Es gibt auch erfreulichere Seiten.  Der echte Winter Da, wo ich herkomme, gab es nur einen müden Abklatsch eines Winters. Manchmal schneite es zögerlich, aber das war fast immer genau dann, wenn es gerade so warm war, dass alles umgehend taute. Manchmal war es richtig kalt, aber das war fast immer genau dann, wenn es nicht schneite. Dann fühlte ich mich von diesem deutschen Winter an der Nase herumgeführt. Meistens aber war es sowieso einfach nur grau und trostlos. Nicht so richtig kalt, aber auch nicht warm. Nicht so richtig dunkel, aber auch nicht gerade hell.  Der arktische Winter dagegen ist the real thing. Wenn dir die Schneeflocken um die Ohren geschleudert werden, wenn du mittags in glasklarer Luft die Dämmerung beobachten kannst, wenn dich aus dem Duschkopf Eiszapfen anlachen, dann kommst du nicht auf die Idee, diesen Winter mit einem nasskalten Sommer zu verwechseln. Dieser Winter meint es ernst.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Fiese Überraschung am Morgen
Der Einfluss der Ureinwohner
Die indigenen Völker der Arktis sind inzwischen fast überall in der Minderheit, aber ihre Spuren sind trotzdem sichtbar. Nordskandinavien ist Samiland, Tromsö heißt eigentlich Romsa. Die Präsenz der Sami beschränkt sich nicht auf zweisprachige Hinweisschilder, nostalgisch aussehende Zelte am Wegrand und die Vermarktung von Kunsthandwerk. Ein Freund meines Vermieterfreundes zum Beispiel erzählt stolz davon, wie er sich auf alte Sami-Art gegen den lästigen Juckreiz der Moskitostiche immunisiert hat: einfach einen Sommertag nackt im Sumpf verbringen und sich über und über stechen lassen - wenn alles verheilt ist, können einem die weiteren Stiche nichts mehr anhaben. Der Husky-Mann aus dem Häuschen am Meer, selbst halb Sami, legt mir nahe, in einer Zeremonie mein "spirit animal" zu finden. Nach vier Monaten hier oben bin ich beiden Ideen nicht mehr abgeneigt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Ein Werkzeugschuppen auf Samisch   Die Nähe zur Natur Wenn ich aus dem Fenster sehe, sind da ein paar Häuser an weiter entfernten Küstenstreifen, aber vor allem sehe ich verschneite Bäume, den Fjord und Berge im Hintergrund. Es gibt kaum richtige Städte hier oben, dafür viel Platz. Selbst vom Stadtzentrum von Tromsö aus kann man in ein paar Minuten der Zivilisation entfliehen - und das tut man auch. Skifahren und Schneeschuhwandern im Winter und bis in den Mai hinein, die Mitternachtssonne genießen im Sommer, Beeren und Pilze sammeln im Herbst. Meine Lieblingsfranzösin musste schockiert feststellen, dass sie mit einem Kollegen verkehrte, der sein Rentierfleisch selbst jagte. Von den anderen Kollegen wurde sie in ihrem Entsetzen ausgelacht - wenn sie Hobby-Jäger meiden wolle, dürfe sie mit kaum jemandem hier sprechen. Die arktische Natur ist mehr als schmückendes Beiwerk für Sonntagsspaziergänge oder eine Quelle von Unannehmlichkeiten. Sie ist überall hier und drängt durch ihre Extreme zur Auseinandersetzung - und natürlich auch durch ihre extreme Schönheit.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Eine beleuchtete Langlauf-Loipe Die Abgeschiedenheit Als alte Geographin habe ich herausgefunden, dass meine neue Heimat von meiner alten rund 2300 Kilometer entfernt liegt - der Nordpol liegt näher, und von Mitteldeutschland nach Tromsö ist es weiter als nach Casablanca. Es gibt einen Flughafen, aber nur Flüge innerhalb Norwegens und nach Murmansk in der russischen Arktis. Um einigermaßen bezahlbar nach Deutschland zu kommen, muss man oft in Oslo übernachten. Mit Bus und Zug ist man zwei Tage unterwegs. Dementsprechend kommt hier auch vieles später an. Die Hornbrillendichte ist angenehm niedrig. Es gibt wohl mehr Leute, die noch die alten Sachen tragen, als Hipster, die sie ironisch kopieren. Aber was weiß ich denn schon? Ich achte nicht darauf, was andere anhaben - und damit bin ich hier in guter Gesellschaft. Die Zeitungen melden, was in der Stadt passiert, und dass ein Kälteeinbruch aus Sibirien kommt. Neulich fiel mir auf, dass ich seit meiner Ankunft hier kaum noch das Weltgeschehen mitverfolge.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Am Meer unterhalb meines Hauses

Die veränderte Perspektive Als ich zum ersten Mal den Polarkreis überquerte, wohnte ich noch in Island, und das war für mich damals schon krass weit im Norden. Von einem Einwohner Narviks (ein paar Busstunden von hier) wurden dann aber gleich mal die Dinge zurechtgerückt: "Ach, Island - das ist so eine kleine Insel im Süden, so wie Mallorca!". Heute denke ich, dass dieser Typ sich ja ganz schön was rausgenommen hat - in seiner kleinen Stadt im Süden. Und wenn ich dann wieder Klagen aus Deutschland höre, dass es ja um diese Jahreszeit um 4 Uhr nachmittags schon fast wieder dunkel würde, kann ich nur ungerührt mit den Schultern zucken und sagen: "Was habt ihr denn? Bei euch geht sogar die Sonne auf!".

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