Mein Leben nach dem Polaroid. Heute mit Geir, Kath und Michael

Seit Jahren fotografiert unsere Autorin Menschen, denen sie begegnet. Jetzt nimmt sie Kontakt zu den alten Bekannten auf und fragt: Was geschah seit dem Bild? Folge acht
evi-lemberger

Michael

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Illustration: Julia Schubert

Du und ich. Zwei Globetrotter und alte Schulbekannte. Trafen uns zufällig auf einem kleinen Filmfestival im Bayerischen Wald. Wo sonst. Unsere Heimat. Ich nahm Dich im Auto mit nach München. Auf dem Weg liegt eine Stelle mit einem luftigen Ausblick über die Donauebene. Eine Lieblingsstelle von mir. Da machten wir halt und Du hast geknippst. Du kamst damals aus London glaube ich und wohin Du wolltest, ist mir entfallen. Ich war 25 und kam gerade aus den USA – erkenne ich an meiner Totenkopf-Kappe, die ich für einen Dollar in Chinatown erstanden hatte – und bin bald danach wieder für ein halbes Jahr in die USA. (Die tolle Kappe verlor ich leider zwei Wochen nach dem Foto.) Damals war ich Medizinstudent, spielte in einer Band, hatte viele Pläne und Projekte, wollte Tropenmediziner oder Psychiater werden und Freiheit spüren. Jetzt bin ich seit kurzem Arzt, will immer noch Tropenmediziner oder Psychiater werden, viele Pläne sind auch da und ehrlich gesagt hat sich in mir nicht viel verändert. Außer dass ich etwas ruhiger geworden bin vielleicht. Manche Dinge oder Zeiten muss man halt nicht zweimal erleben. Natürlich sind viele Erfahrungen hinzugekommen, die verändern und die kann man nicht rückgängig machen. Die bleiben, die Schönen wie die Schwierigeren. Aber fühlen tue ich mich noch wie 16. Oder doch wie 22? Oder wie 50? Ich glaube nicht, dass sich mein inneres Lebensgefühl ändert. Damals glaubte ich jedoch alles in der Hand zu haben und beeinflussen zu können. Jetzt lasse ich mich mehr treiben und umschwimme Hindernisse wie Treibholz im Fluß die Steine. Ich glaube nicht an Determination oder so was, aber manche Dinge kommen halt wie sie kommen. (Ist auch eine gute Ausrede für vieles ;-) So ist im Leben vieles stressfreier, allerdings habe ich durch meinen Beruf jetzt dann mehr Verantwortung, die diesen Zugewinn an Entspannung vielleicht wieder ausgleicht. Es wird kommen, wie es kommt. *** Kath

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Illustration: Julia Schubert

Ich kann mich erinnern, dass das Polaroid gemacht wurde - aber nicht mehr, wo und wann und vor allem, wie ich darauf aussah. Ich war 23, Kulturwirt-Studentin an der Universität Passau. Das Bild wurde bei einem gemütlichen Abend zusammen mit Freunden an einem Weiher im Bayerischen Wald gemacht. Es war Sommer, ich hatte gerade mein Auslandssemester an der Uni Prag hinter mir und verbrachte ein paar Wochen zu Hause bei meinen Eltern. Bei dieser Gelegenheit hat sich das Treffen mit meinen guten alten Freunden ergeben. Nach der Aufnahme beendete ich mein Studium in Passau und fing letztes Jahr zu arbeiten an. Jetzt bin ich im deutsch-tschechischen Kontaktbüro der Stadt Deggendorf. Die Zeit der Jobsuche war spannend, weil ich nicht wusste, wohin es mich verschlägt. Von Hamburg bis München, von Prag bis Wroclaw war alles denkbar. Man macht sich in dieser Zeit soviele Gedanken darüber, was man beruflich erreichen kann und will. Hinzu kommt die Angst und Unsicherheit. Gedanken wie "Was ist, wenn ich keinen Job bekomme?" - "Wie lange wird sich die Jobsuche noch hinziehen?" - "Wird mir mein Job Spaß machen?" Die haben mich in der Phase beschäftigt. Dann am Ende den Job zu bekommen, den man haben will, das ist natürlich ein sehr schönes Gefühl und eine Art Bestätigung. Wenn ich mich so an die Zeit rund um das Polaroid erinnere, dann kommen die Gefühle zurück, die ich in jenen Tagen hatte. Ich war gerade voller interessanter und neuartiger Eindrücke aus Prag zurückgekommen. Seitdem habe ich mich mit Sicherheit verändert. Vor allem der Beruf hat mich verändert. Jeden Tage lerne ich neue Dinge im zwischenmenschlichen und im fachlichen Bereich. Die Zeit vergeht schneller als zuvor und ich gestalte und genieße meine Freizeit intensiver. Ob ich mich privat verändert habe? Nicht wirklich. Aber ich kann das auch nicht beurteilen. *** Geir

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Illustration: Julia Schubert

Ich kann mich leider nicht an das Polaroid erinnern, weil ich mit so vielen Fotografen zu tun habe. Trotzdem ist es ziemlich nett, es zu sehen. Das Hemd und das Shirt drunter waren damals meine Lieblingsklamotten war. Ich sehe ein bisschen müde aus. Aber so sah ich wahrscheinlich immer nach langen Arbeitstagen aus. Ich muss wohl gerade vor den Dunkelkammern im Keller unserer Uni gestanden haben. Ich sollte Filme entwickeln und plauderte mit irgendwem. Es muss im zweiten Jahre an der Uni gewesen sein, ich war also 28 oder 29. Nachdem dieses Bild aufgenommen wurde, habe ich mein Abschlussprojekt beendet. Danach arbeitete ich an einem Fotobuch. Gerade bin ich in Oslo und mache eine Pause vom Fotografieren, weil ich Geld für den Druck des Buches verdienen muss. Im November will ich in einem Museum in Norwegen ausstellen. Ich vermisse das Universitätsleben. Wir durften Experimentieren und Neues entdecken. Damals war ich mit meiner Bildsprache nicht besonders zufrieden. Aber ich hab stetig daran gearbeitet. Ergebnis: Ich bin heute zufriedener mit mir. Meine Bilder sind irgendwie "weicher" geworden. Es fühlt sich alles richtiger an. (Und außerdem macht es mir heute viel mehr Spaß, mir neue Projekte vorzunehmen.) Aber gut, das ist bei mir auch stimmungsabhängig. Dieses Vertrauen in meine eigene Arbeit - es kommt und es geht. Ist aber doch auch gesund, oder? Das Auf und Ab hält einen wach und interessiert. Zurück in die Zeit, in der das Foto entstand möchte ich aber nicht mehr. Ich will auch nichts ändern, was war. Ich lebe ganz gern mit all den Fehlern, die ich gemacht habe. Beruflich, und auch privat.

Text: evi-lemberger - Fotos: el, privat

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