Donald Trump hat mich schlauer gemacht

Das Jahr mit ihm war wie ein Auffrischungskurs in „Das Politische System der USA“.
Von Christian Helten
Foto: Pablo Martinez Monsivais, dpa / Collage: Daniela Rudolf

Ich glaube, ich muss mich bei Donald Trump bedanken. Denn er hat mich schlauer gemacht. 

Seit einem Jahr ist Trump jetzt Präsident. Es war für mich ein Jahr voller Fassungslosigkeit darüber, wie dieser Mann Präsident werden konnte und wie er sich als solcher benimmt. Ein Jahr voller Erstaunen darüber, wie er von einem Diplomatie-Fettnäpfchen ins nächste stolpert, wie er politische Aufreger und Skandale in einem Takt produziert wie McDonald's die Burger, die er so gerne abends vor dem Fernseher mampft. 

Ich habe in diesem Jahr auch eine gewisse Trump-Sucht entwickelt. Ich kann nicht anders, als jeden Artikel über Trump zu lesen. Auch wenn es wieder nur um einen Tölpel-Tweet geht, den er absetzt.

Für diesen Trump-Voyeurismus habe ich mich geschämt. Eigentlich könnte ich meine Zeit sinnvoller nutzen, dachte ich immer, als diesem Rüpel dabei zuzusehen, wie er durch die Gegend giftet. Haben ja auch alle nach seinem Wahlsieg gesagt: Sein Erfolg im Wahlkampf beruhte auch darauf, dass die Medien meinten, über all seinen Unsinn berichten zu müssen. So bekam er mehr Aufmerksamkeit als er eigentlich verdient gehabt hätte.

Jetzt habe ich aber gemerkt: Ich muss mich nicht schämen. Im Gegenteil. Ich sollte so weiter machen. Denn meine Trump-Sucht hatte den Nebeneffekt, dass ich ziemlich viel über die USA gelernt habe. Es fühlt sich an, als hätte ich einen Auffrischungskurs in „Das Politische System der USA“ besucht.

Als Trump kurz nach seiner Amtseinführung sein Einreiseverbot erließ und damit untersagte, dass Personen aus sieben muslimisch geprägten Ländern die USA betreten dürfen, las ich erst mal ein paar Wikipedia-Einträge über die sogenannten „Executive Orders“, weil ich vergessen hatte, was ich in meinem Politik-Studium vor Jahren mal darüber gelernt hatte. Die Dekrete haben den Charakter einer Verwaltungs-Anweisung, die der Präsident als Oberhaupt der Exekutive erlassen kann. Sie sind keine Gesetze und können von Gerichten überprüft und wieder einkassiert werden. So auch bei Trumps „Muslim Ban“: Gerichte werteten ihn als diskriminierend und legten ihn schnell auf Eis. Trump machte einen neuen, abgeschwächten Vorschlag, der wiederum von Gerichten untersucht wurde, bis ihn im Dezember der Oberste Gerichtshof zwar für grundsätzlich zulässig erklärte, aber nur, wenn er noch in wesentlichen Teilen abgeschwächt wird. All das verfolgte ich nicht aus Interesse an Details des US-Verwaltungsrechts. Sondern weil es mich bewegte und ich es unfassbar fand, dass der US-Präsident allen Ernstes Menschen die Einreise verweigern will, nur weil sie aus bestimmten Ländern stammen. Als kleinen Bonus bekam ich aber diese Nachhilfestunde.

So oder so ähnlich ging es mir noch viele Male:

Weil mich die Figur Bannon in all ihrer teuflischen Art faszinierte, erfuhr ich viel darüber, wie ein Präsidentenstab aufgebaut ist und die Arbeit eines Präsidenten eigentlich funktioniert (im Fall Trump eher: funktionieren sollte).

Während Obamas Amtszeit fehlte die Angst, dass der Mann im Oval Office etwas Schlimmes tun könnte

Weil die Ereignisse um die Entlassung von FBI-Chef James Comey sich anfühlten, als befände man sich in einer Episode von House of Cards, bei der ein Drehbuchschreiber ein bisschen durchgedreht ist, wurde mir erst wieder bewusst, wie das FBI eigentlich funktioniert und welche Aufgaben es hat. 

Und weil Trumps wichtigstes Wahlversprechen, die Abschaffung von Obamacare, zu einem Politthriller mit mehreren knappen Abstimmungen mutierte, lernte ich vieles, das ich über das US-Gesundheitssystem vorher nicht wusste, und frischte mein Wissen darüber auf, wie Gesetze durch Repräsentantenhaus und Senat laufen müssen.

 

Während Obamas Amtszeit war das anders. Da hatte ich, was US-Politik anbelangt, eine zurückgelehnte „Die machen das schon“-Haltung. Alles lief so vor sich hin, ich schenkte den Details weniger Aufmerksamkeit. Vermutlich, weil ein paar sehr starke Antriebe fehlten: Die Angst davor, dass der Mann im Oval Office irgendwas wirklich Schlimmes tun könnte. Die – das verstehe ich jetzt – mir offenbar das Gefühl gibt, verstehen zu müssen, was genau in den USA unter Trump gerade passiert.

 

Deshalb also, lieber Mr. President: Danke fürs Auffrischen meiner US-Kenntnisse. Ich bin Ihnen dafür sehr verbunden. Aber: Für die nächsten drei Jahre würde ich bereitwillig darauf verzichten, mein Wissen weiter zu vermehren, wenn dafür die weitere Gefährdung der Welt durch Sie ausbliebe.

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