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Julius merkte bei der Recherche, wie er selbst stigmatisierte.

Bildrechte: Jesus Gomez

Am 18. Januar hat der Bundestag mit großer Mehrheit einem Gesetzentwurf zugestimmt, der die Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien sowie Georgien zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. An diesem Freitag sollte darüber im Bundesrat abgestimmt werden, doch der Punkt wurde kurzfristig von der Tagesordnung genommen, weil eine Mehrheit voraussichtlich an den Grün-regierten Bundesländern gescheitert wäre.

Julius Matuschik, 32, hat für seine Bachelorarbeit im Studiengang Fotojournalismus an der Hochschule Hannover Geflüchtete und Asylbewerber aus Nordafrika porträtiert. Kürzlich ist die Arbeit in erweiterter Form als Online-Dossier erschienen, in Zusammenarbeit mit dem Cameo-Kollektiv, einem Verein, der sich für Interkultur, Vielfalt und Demokratie einsetzt. Julius hat Gespräche mit Geflüchteten, Rückkehrern und Experten geführt. Und er hat zum Begriff „Nafri“, der seit der Silvesternacht 2016/2017 in Köln pauschalisierend für Nordafrikaner verwendet wird, und zum Konzept „sichere Herkunftsstaaten“ recherchiert. Den Link zum Dossier hat er auch an den Bundesrat geschickt – als Recherchemittel und Entscheidungshilfe.

jetzt: Du hast für deine Arbeit mit jungen Männern aus Nordafrika gesprochen, die in Deutschland leben oder gelebt haben. Wie haben sie die „Nafri“-Debatte wahrgenommen?

Julius Matuschik: Sie sagen, dass es nach der Silvesternacht in Köln 2015/16 und 2016/17 auf jeden Fall eine Änderung der Wahrnehmung ihrer Herkunft gegeben hat. Einer sagte, dass er vor neuen Leuten immer behauptet, er sei Spanier – er spricht perfekt Spanisch –, weil er sich keine Kommentare mehr anhören möchte. Ein anderer sagte, dass er in Nachtclubs nicht mehr erwähnen kann, dass er Nordafrikaner ist, weil er dann niemanden mehr kennenlernt, vor allem keine Frauen. Und alle haben erzählt, dass sie sich stigmatisiert fühlen. Für Zohair war es besonders schwer.

Wieso?

Er ist A: Geflüchteter, B: Homosexuell, C: Muslim, und D: „Nafri“. Er hat das Gefühl, vierfach stigmatisiert zu sein. Sogar er, der nach einem langen Leidensweg Asyl bekommen hat, ist immer noch mit dem „Nafri“-Label konfrontiert.

Du hast auch mit Experten über die Debatten nach der Kölner Silvesternacht  2015/16 und 2016/17 gesprochen. Was war deren Fazit?

Die Journalistin Vanessa Guinan-Bank hat für das Zeit Magazin an der Recherche über  die Silvesternacht 2015/16 mitgearbeitet und sie sagt, dass die anschließende Debatte am Thema vorbeigegangen ist: Es hätte nicht um den „arabischen Macho“ gehen müssen, der Übergriffe begeht, sondern um sexualisierte Gewalt. Warum das so gekommen ist, dafür gibt es verschiedene Erklärmodelle.

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Julius hat für seine Arbeit Geflüchtete in Deutschland und Rückkehrer in Nordafrika getroffen.

Foto: Julius Matuschik

Zum Beispiel?

Eines betrifft die Medien: Viele wollten die ersten sein und mit Eilmeldungen vorpreschen, haben teilweise aufgeschrieben, was vielleicht noch gar nicht bestätigt war oder nicht der Realität entsprach. Dann gab es sowas wie das Focus-Cover, auf dem eine weiße Frau mit schwarzen Handabdrücken bedeckt war, oder Berichte über „den arabischen Mann“, der schon immer ein Macho gewesen sei. Das hatte diskriminierende Züge, da wurde pauschalisiert und es wurden nicht nur Nordafrikaner, sondern generell arabische Männer in einen Topf geworfen.

„Zur Willkommenspolitik von 2015 gab es eine Gegenbewegung, die nur darauf gewartet hat, dass so was wie Köln passiert“

Und abseits der Medien haben die Populisten das Thema besetzt.

Zur Willkommenspolitik von 2015 gab es unter der Oberfläche bereits eine riesige Gegenbewegung, die nur darauf gewartet hat, dass so was wie Köln passiert. Und weil man lange gar nicht genau wusste, was tatsächlich vorgefallen ist, waren die Ereignisse wie ein Leerraum, den man füllen konnte. Es wurden populistische und rechtsgerichtete Deutungen in die Debatte geworfen und ein „wir“ und „die anderen“ aufgezogen. Was in der Silvesternacht passiert ist, ist schrecklich, aber es hat die Nüchternheit gefehlt, um es zu erklären, ohne dass dabei Räume für Diskriminierung entstehen.

Nach Silvester 2016/2017 kam dann der Begriff „Nafri“ hinzu, den die Kölner Polizei in einem Tweet verwendet hatte.

Ein Sozialwissenschaftler an der FH Münster hat den Begriff erforscht und sagt, dass er ganz klar diskriminierend und rassistisch verwendet wurde. Es war eher kulturrassistisch als „Rassenrassismus“, es ging also nicht darum, dass eine andere „Rasse“ minderwertig sei, sondern um „wir“ gegen eine „andere, fremde Kultur“. Und das führte zu Diskriminierung.

In deiner Arbeit beschäftigst du dich auch mit der Diskussion um die „sicheren Herkunftsstaaten“. Seit wann gibt es dieses Konzept überhaupt?

Der Begriff kam 1992 das erste Mal auf. Damals hatten wir eine ähnliche Situation wie heute: Es kamen viele Geflüchtete, vor allem aus Osteuropa und Jugoslawien, und es gab populistische Stimmen, die dagegen waren. Es gab rassistische Übergriffe, etwa in Hoyerswerda. Die „sicheren Herkunftsstaaten“ waren ein Zeichen, dass man politisch etwas dagegen unternimmt, man wollte gesellschaftlich befrieden, indem man dafür sorgte, dass weniger Flüchtlinge kommen. Heute wird sich des gleichen Mechanismus bedient.

Was würde es denn faktisch für Menschen aus dem Maghreb bedeuten, sollten ihre Länder „sichere Herkunftsstaaten“ werden?

Dass ihre Asylverfahren beschleunigt und als Kurzverfahren durchgeführt werden. Jemand vom Flüchtlingsrat sagte mir in einem Interview, dass Asylanträge von Menschen aus nordafrikanischen Ländern in der Praxis meist schon so behandelt werden, als seien es sichere Herkunftsstaaten. Es kann also passieren, dass die Interviewer von vorne herein mit dieser Einstellung ins Gespräch gehen: „Ich bin mal gespannt, was du zu erzählen hast, das mir beweist, dass es für dich nicht sicher ist.“

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Khaled lebt heute wieder in Casablanca.

Foto: Julius Matuschik
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Momo sitzt in Deutschland in Abschiebehaft. 

Foto: Julius Matuschik
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In Tunis traf Julius Walid, der dort heute wieder als Taxifahrer arbeitet.

Foto: Julius Matuschik

Zohair hat das auch so erzählt: Seine Interviewerin habe gesagt, dass Marokko für sie sicher sei und er ja zurückgehen und dort so tun könne, als sei er nicht homosexuell. Dann könne er dort ganz normal leben. Er musste in Berufung gehen, um das anzufechten. Wenn Marokko ein sicherer Herkunftsstaat würde, wäre das noch schwieriger, weil die Menschen durch die Beschleunigung des Verfahrens viel weniger Zeit hätten, in Berufung zu gehen. Experten sagen auch, dass viele erstmal Zeit brauchen, um anzukommen und ihre Geschichte erzählen zu können.

Um das noch mal deutlich zu machen: Zohair hätte auch ein Anrecht auf Asyl, wenn Marokko ein sicherer Herkunftsstaat wäre, weil er aufgrund seiner Homosexualität Verfolgung und Strafe befürchten muss.

Ja. Aber die Frage ist, ob jemand wie er mit so wenig Zeit überhaupt bis an den Punkt kommt, dass er frei über das sprechen kann, was er erlebt hat. Und ob er sich gegen die Voreingenommenheit der Interviewer damit durchsetzen kann.

„Mir ist es selbst passiert, dass mich der Begriff ,Nafri‘ und die Berichterstattung beeinflusst haben“

Wo siehst du den Zusammenhang zwischen der Debatte nach den Kölner Silvesternächten und der um die sicheren Herkunftsstaaten?

Ich vermute, dass es mit den Silvesternächten zu tun hat, dass man das Thema überhaupt erst so groß gemacht hat. Und jetzt eben sagt, man möchte die nordafrikanischen Staaten als sichere Herkunftsstaaten einstufen, um ein politisches Zeichen zu setzen. Die Aufregung um Menschen aus Nordafrika ist überzogen, auch weil überhaupt nur wenige Menschen herkommen (2018 stellten 1389 Menschen aus Marokko, 1527 aus Algerien und 704 aus Tunesien einen Asylantrag in Deutschland, Anm. d. Red.).

Die Recherche war ja deine Abschlussarbeit im Studiengang Fotojournalismus. Was hast du für deine Arbeit als Fotograf daraus gelernt?

Ich habe angefangen meinen eigenen Medienkonsum und mein eigenes Schaffen zu hinterfragen. Wie kann ich arbeiten, um Stereotype zu vermeiden? Es ist wichtig, sie immer zu hinterfragen, sowohl als Medienkonsument als auch als Medienschaffender. Mir ist es ja selbst passiert, dass mich der Begriff „Nafri“ und die Berichterstattung beeinflusst haben: Am Anfang der Recherche habe ich mich nicht getraut, mit Leuten nach Hause zu gehen, weil ich dachte, dass die bestimmt was auf dem Kerbholz haben. Es war eine wichtige Erfahrung für mich, dass das Menschen sind, die mit Wasser kochen wie ich, aber einfach krasse Probleme haben. Und mit denen ich als Freunde abhängen konnte.

Du hast das Online-Dossier auch an den Bundesrat geschickt, „als Vorbereitung für die kommende Abstimmung“. Hast du Antworten bekommen?

Ich wollte den Bundesräten ein Recherche-Mittel zur Verfügung stellen, um Stimmen von Betroffenen zu hören, bevor sie diese wichtige Entscheidung treffen. Wir haben mit dem Kollektiv alle Bundesräte angeschrieben (69, Anm. d. Red.), von fünf kamen Mails zurück. Sie haben sich bedankt und teils auch durchblicken lassen, wie sie entscheiden werden. Drei von fünf haben gesagt, dass sie den Gesetzentwurf ablehnen wollen.