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Das größte Protestcamp Europas feiert seinen Sieg

Aber weil die Aktivisten ihr Ziel erreicht haben, müssen sie jetzt die Räumung fürchten.
Von Eva Hoffmann
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    Foto: afp / Jean-Sebastien Evrard

Am Samstagmorgen liegt der Tau in dicken Perlen auf den Feldern von Notre-Dame-des-Landes. Kühe dösen auf den gefrorenen Wiesen vor sich hin. Mit der aufgehenden Sonne verschwindet der Nebel und legt eine Landschaft frei, die aussieht wie Brandenburg mit Hügeln: Alleen, auf denen zwei Autos nur knapp aneinander vorbeipassen, quadrieren die weiche Wiesenlandschaft. Neben einem kleinen See ragt ein etwas schiefer Turm aus bunten Holzbrettern in den Himmel, eine von hunderten selbstgebauten Hütten in der Gegend. Davor parken Autos ohne Kennzeichen, die auf normalen Straßen sicher sofort aus dem Verkehr gezogen würden.

Dass dieses Bullerbü-Idyll einer der umkämpftesten Lebensräume Europas ist, kann man sich hier um acht Uhr morgens kaum vorstellen. Nur die Autoreifen, die sich an jeder Kreuzung stapeln, erinnern an die Barrikaden, die hier regelmäßig brennen. „Hier ist alles erlaubt, außer Polizei“, steht in großen weißen Buchstaben auf einem Schild. Und auch die Straßennamen, die groß mit „ZAD“ übersprayt sind, brechen mit der Astrid-Lindgren-Atmosphäre. 

„Die ZAD ist ein Mythos“, sagt Amélie, 21, die aus dem 800 Kilometer entfernten Grenoble angereist ist. „Ich habe so viel darüber gehört und jetzt bin ich endlich selbst hier.“ Sie trägt Lippenstift und große, goldene Kreolen, dazu Cordhose und Gummistiefel. Die Studentin hat vergangene Nacht auf einem verlassenen Bauernhof im Stroh geschlafen und teilt gerade Brot und Kaffee an alle Frühaufsteher aus. Es ist ihr erstes Mal in dem besetzten Gebiet. 

ZAD (sprich: „Sadd“), das steht eigentlich für zone d’aménagement différé („Bauerwartungsland“). Denn wo Amélie gerade Frühstück verteilt, sollte seit mehr als 55 Jahren der Großflughafen Aéroport Grand Ouest gebaut werden. Ein halbes Jahrhundert leisteten Anwohner und Umweltschützer Widerstand gegen anstehende Umsiedlungen, Umweltverschmutzung und Fluglärm, bis sie 2010 das Gelände nordwestlich von Nantes vollständig besetzten. Aus einem Klimacamp mit knapp hundert Menschen wurde eine Bewegung – und am Ende beschloss eine Gruppe von damals weniger als hundert Personen, einfach zu bleiben.

Was als symbolischer Protest ohne größere Planung begann, zog bald Autonome und Aktivisten aus ganz Frankreich an. Manche blieben für mehrere Monate, manche bis heute, also acht Jahre lang. Sie bewohnen und bewirtschaften 1650 Hektar zone à défendre („Verteidigungszone“), wie die Aktivisten das ehemalige Baugebiet umbenannt haben. Das ist ungefähr so groß wie Kreuzberg und Friedrichshain zusammen. Heute leben hier zwischen 200 und 300 Menschen aller Altersgruppen und mittlerweile gibt es sogar die ersten ZAD-Babys. Die Aktivisten leben in Hütten, ausgebauten Campingwagen oder Jurten aus dickem Zeltstoff. Zusammen mit den benachbarten Bauern haben sie Felder angelegt, züchten Tiere und leben fast vollständig selbstversorgt in einer kleinen Utopie, in der weder der Ausweis noch der soziale Status eine Rolle spielen. Doch obwohl die Besetzer heute Grund zum Feiern hätten, ist diese Utopie gefährdeter denn je: Die französische Polizei droht ihnen mit der Räumung. 

„Der Staat hat mehr Angst vor unserer Lebensweise als vor den Protesten selbst“

Denn den Kampf gegen den Flughafenbau haben die Aktivisten gewonnen. Unter der Regierung Macrons wurde das Projekt nach langen Verhandlungen diesen Januar eingestellt. Deshalb ist Amélie dieses Wochenende mit ihren Freunden in die ZAD gereist. Deshalb wird hier am Abend ein lebensgroßes Flugzeug aus Sperrholz abgefackelt. Deshalb werden fünftausend Paar Gummistiefel im Siegesrausch im knöcheltiefen Matsch tanzen. 

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      Foto: afp / Jean-Sebastien Evrard
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      Foto: afp / Jean-Sebastien Evrard
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      Foto: afp / Jean-Sebastien Evrard
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      Foto: afp / Jean-Sebastien Evrard

„Manchmal gewinnt eben doch David gegen Goliath“, sagt einer der Besetzer, der anonym bleiben möchte und den wir darum Jean nennen. Er wirkt unauffällig, Dreitagebart und dunkle Klamotten, und spricht sehr schnell, so als müsste er alle Informationen über die ZAD ganz dringend loswerden. In den vergangenen Wochen war er mit anderen „Zadisten“, wie sich die Besetzer selbst nennen, in Frankreich unterwegs, um bei Vorträgen und Filmabenden von der ZAD zu erzählen. Ihm war es wichtig, dass trotz des Erfolgs klar wird: Die ZAD wird bleiben, auch wenn der Hauptprotest nun beendet ist.

 

Jetzt hat er eine bunte Mütze auf und verkauft heißen Cidre an die Partygäste. Er freut sich, dass so viele Unterstützer gekommen sind. Doch ihn plagt der Gedanke, was nach der großen Feier kommt. „Der Staat hat mehr Angst vor der Art, wie wir hier leben, als vor den Protesten selbst“, meint er. Jetzt, wo das Flughafenprojekt fallen gelassen wurde, gibt es aus staatlicher Perspektive keinen Grund mehr für eine Besetzung. Jean selbst sieht das anders: „Wir haben hier eine eigene Welt aufgebaut. Wir betreiben nachhaltige Landwirtschaft und sind ein internationaler Dreh- und Angelpunkt für Aktivisten aus ganz Europa.“

 

Heute zur Party kommen baskische Separatisten und katalonische Unabhängigkeitsverfechter sowie Aktivisten aus dem Hambacher Forst. Die deutschen Baumbesetzer aus der Nähe von Köln sind ein bisschen neidisch auf das riesige Gebiet, das hier in der Bretagne gehalten werden konnte, sagt ein Forst-Bewohner, der grade seinen Infostand aufbaut. Die Weite des Gebiets ermöglicht es ganzen Gruppen aus anderen Ländern anzureisen, Aktionen zu planen, sich zu vernetzen und in Urlaubsatmosphäre Pläne zu schmieden. Jean glaubt, dass das Zugeständnis der Regierung Macrons nur dazu dienen soll, diese Dynamik zu ersticken und die französische Protestszene zu zersprengen. Und was wird dann aus den Farmen, der Bibliothek oder seiner eigenen kleinen Hütte auf Stelzen, da hinten am Seeufer?  

 

Jeans Häuschen ist ja nur eine von hunderten kleinen Oasen, die zwischen Wiesen und Waldstücken über das ganze Gelände verteilt liegen. Etwas fehl am Platz wirken die wenigen Einfamilienhäuser mit den weißen Fassaden und dem perfekt gestutzten Rasen, die schon immer hier waren und um die herum sich die autonome Szene platziert hat. Aber auch auf deren Briefkästen klebt der „Nein zum Flughafen“-Sticker mit dem durchgestrichenen Flugzeug. Als am Nachmittag zwei Demonstrationen mit rund 10.000 Menschen durch die Alleen der ZAD pilgern, stehen auch die Anwohner, die schon immer da waren, klatschend am Wegrand und schließen sich der etwas schrägen Jazzband mit ihren selbstgebauten Instrumenten an.

 

Man merkt, dass hier die unterschiedlichsten Menschen am gleichen Strang ziehen. Hippe Mittdreißiger-Papis mit ihren Kindern auf den Schultern, ältere Frauen mit Picknick und Weinflasche im Rucksack und geschminkte Partymädels, die hinter dem Technowagen gegen den zugigen Wind antanzen. Zur Stärkung liefert der Bäcker der ZAD-eigenen Bäckerei tonnenweise Quiche mit seinem Sprinter an. Bezahlung auf Spendenbasis, wie bei dem gesamten Essen, das heute angeboten wird. Das meiste Gemüse kommt sowieso aus dem kollektiven Garten und wird in der Kantine verarbeitet, in der normalerweise immer zehn bis 20 Freiwillige arbeiten.  Das Prinzip „Jeder gibt, soviel er kann“, geht wohl irgendwie auf.          

      

Genauso hat Amélie sich die ZAD vorgestellt: „Die Menschen sind wahnsinnig offen. Beim gemeinsamen Essen saß ich mit Leuten am Tisch, mit denen ich sonst nie ins Gespräch gekommen wäre.“ Sie selbst könne sich zwar nicht vorstellen, ihren Alltag vollständig aufzugeben, um in dieser kleinen Utopie zu leben, aber sie will wiederkommen. Denn auch sie ahnt, dass ihre Unterstützung irgendwann noch gebraucht wird.

 

„Wir verteidigen hier nicht nur unseren Lebensraum, sondern die Möglichkeit, frei und selbstbestimmt zu leben“

 

„Im Frühling müssen alle illegalen Besetzer das Gelände verlassen, sonst werden sie geräumt“, sagt Nicole Klein, Leiterin der Polizei in der Region Loire-Atlantik am Telefon. Wann genau das sein wird, darauf will sich die Polizei nicht festlegen. Die Aktivisten vermuten, dass die Räumung sehr kurzfristig ablaufen wird, sodass wenig Vorbereitungszeit bleibt. „Das Wichtigste ist die Sicherheit aller Beteiligten“, sagt Nicole Klein. Das Wort „Sicherheit“ benutzt sie im Gespräch sehr oft, möchte aber nichts zu den Auseinandersetzungen von 2012 sagen, als die Polizei zum bislang letzten Mal versuchte, das Gebiet zu räumen. Rund 100 Demonstranten wurden dabei von Tränengaskartuschen und Gummigeschossen getroffen, ein paar verletzten sich bei dem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei in dem waldigen Gelände die Knöchel, einige verletzten sich bei kleineren Explosionen. Der Räumungsversuch scheiterte schließlich an den brennenden Straßenblockaden der Aktivisten und endete nach zwei Tagen mit dem Rückzug der Polizei.

 

Das Verhältnis sei heute wieder versöhnlicher, meint Nicole Klein: „Wir bleiben mit den Besetzern im Gespräch, doch wir können keine illegalen Prozesse dulden.“ Auf Nachfrage räumt sie ein, dass der Austausch nicht mit den Besetzern, die sie als illegal betrachtet, sondern nur mit den dort offiziell gemeldeten Landwirten stattfindet. 

 

Dass den Bewohnern der ZAD die größte Prüfung also noch bevorsteht, wird am Abend mit lauten Technobeats und Feuerwerk übertönt. Das Wochenende steht unter dem Motto „Verwurzeln wir die Zukunft“. Jean hofft, dass dieses Motto aufgeht und dass genauso viele Menschen wieder nach Notre-Dame-des-Landes kommen werden, um zu protestieren, wenn die Party vorbei ist. Für ihn persönlich wäre es keine Option, sein Haus, seine Freunde und sein Leben in der ZAD gegen „die Welt da draußen“ einzutauschen. „Die Welt da draußen“, das bedeutet für ihn Konsumzwang, Konkurrenzdruck und ständig etwas leisten zu müssen. In der ZAD sei das anders. Hier interessiere es niemanden, welche Statussymbole man angehäuft habe, wo man ein Praktikum gemacht habe oder in welchem Unternehmen man wen kenne. „Wichtiger ist, was du anderen beibringen und was du teilen kannst“, sagt er.

 

Das können künstlerische oder handwerkliche Skills sein, aber auch Sprachen oder Dinge, die man sonst nur an Unis lernt. Für diesen Austausch gibt es die Bibliothek und das Tagungshaus im Zentrum der Zone. „Da draußen bräuchte man für vieles, was du hier lernen kannst, eine Aufnahmeprüfung“, sagt Jean. „Das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte und mit dieser Einstellung bin ich nicht allein. Wir verteidigen hier nicht nur unseren Lebensraum, sondern vor allem die Möglichkeit, frei und selbstbestimmt zu leben. Und der erste kleine Erfolg zeigt, dass es sich lohnt, für solche Visionen zu kämpfen, wenn sie wahr werden sollen.“  

 

Von der ungewissen Zukunft ist am frühen Abend wenig zu spüren. Die Euphorie, gemeinsam einen großen Kampf gewonnen zu haben, überlagert alle Sorgen über das, was noch kommen könnte. Gerade wurde das Sperrholz-Flugzeug unter lautem Jubel abgefackelt und obwohl sich der Wiesenboden durch rund fünftausend Paar Füße in ein Feld aus braunem Matsch verwandelt hat, bleiben die Menschen in kleinen Grüppchen vor den lodernden Flammen stehen. Ihre Multifunktionsjacken dampfen im bretonischen Nieselregen. Ein spanischsprachiger Chor singt Arbeiterlieder, weiter hinten auf dem Feld werden die Techno-Bässe hochgefahren. Plötzlich hat man zwischen den Bretterbuden, Essensstände und Zelten das Gefühl, auf einem Festival statt auf einer politischen Veranstaltung zu sein. Irgendwie ist es ja auch beides.

 

Amélie schmiert gerade Freunden, die sie seit der Schulzeit nicht gesehen hat, Glitzer ins Gesicht. Schlafen wird sie erst morgen Früh um acht. Jean wird auch kaum Schlaf bekommen und bis tief in die Nacht weiter Cidre verkaufen. Über dem Zelt, in dem er seine Bar aufgebaut hat, steht in großen Schnörkelbuchstaben: „Wir haben gewonnen“. So ganz wird er das aber erst glauben, wenn die ZAD so, wie sie heute Abend ist, noch mindestens die nächsten acht Jahre bestehen bleibt. 

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